Christian Geiser ist das Gesicht hinter dem Tresen des Ladens des Getränkehändlers Hako in der Altstadt. Das Vorstandsmitglied des Handelskollektivs passt zur unkonventionellen Genossenschaft und bietet den Kunden als «Bierarzt» gerne eine Sprechstunde an.
Auf dem Schild vor der Türe prangen in grosser Schrift die Worte «Bierarzt. Sprechstunden von 13 bis 20 Uhr». Im Innern des kleinen Getränkeladens steht Christian Geiser. Er ist gerade dabei, Getränkekisten von einem Stapel auf einen anderen zu hieven. Dabei fallen ihm seine langen Haare ins Gesicht. «Ouiff», wie Geiser von allen genannt wird, blickt erst auf, als ihm die Frage gestellt wird, wo denn hier der Bierarzt zu finden sei. «Das ist nur ein dummer Spruch», sagt Geiser. Er lasse sich gerne immer wieder einen neuen Spruch für die Tafel vor dem Verkaufslokal einfallen.
Geiser arbeitet für das Handelskollektiv – kurz Hako genannt – und gibt trotz «dummen Sprüchen» gerne Auskunft über Bier. Die Hako ist denn auch eine Genossenschaft, deren Zweck einzig im Verkauf von nicht- und alkoholischen Getränken besteht. Geiser ist selbst ein Genossenschafter der Hako und steht gerne hinter dem Verkaufstresen. Ihm gefällt nicht nur die Arbeit, sondern auch das nichtgewinnorientierte Denken des Genossenschaftsvorstands. So lancierte die Hako unter anderem ein politisch korrektes Kuba-Bier und sammelt pro Flasche 50 Rappen für «das boykottierte Volk».
Kulturmafia und Selbsthilfe
Bei der Hako will man nicht nur ausländischen Bürgern helfen, sondern auch heimische Unternehmen unterstützen, die unter der Konkurrenz der Konzerne leiden. So war die Gründung des Getränkelieferanten nicht nur ein politisches Statement, sondern auch eine logische Konsequenz. «Als vor über zwanzig Jahren in Winterthur Kulturlokale wie das Gaswerk, das Kraftfeld oder das Salzhaus entstanden, wollte man sich nicht von den grossen Getränkekonzernen beliefern lassen», sagt Geiser. Da es keinen zur alternativen Szene passenden Lieferanten gab, beschlossen die Verantwortlichen kurzerhand, selbst für den Getränkenachschub zu sorgen, und gründeten das Handelskollektiv.
Noch heute gehören die Kulturlokale zu den wichtigsten Kunden der Genossenschaft. Neben ihnen beliefert die Hako jedoch auch viele private Klienten, die im Stadtgebiet wohnen. Geiser selbst war am Gründungsprozess 1995 noch nicht beteiligt, sondern stiess erst 2005 als Mitarbeiter zur Hako. Heute gehört der 33-Jährige beinahe zum Inventar des Ladens. Er ist einer von drei Mitarbeitern der Genossenschaft, welche den Getränkehandel gemeinsam führen. Während Geiser im Laden bedient und das Büro bewirtschaftet, liefern zwei Chauffeure Getränke aus.
Viel Freiheit für wenig Lohn
Für ihren Einsatz erhalten die Genossenschaftsmitarbeiter keinen grossen Lohn. Geiser selbst verdient 20 Franken in der Stunde. Trotzdem reicht es für seinen Lebensunterhalt. «Ich führe kein aufwendiges Leben», so Geiser. Geld ist ihm denn auch nicht wichtig. Er geniesst lieber die vielen Freiheiten bei seiner täglichen Arbeit. «Wenn ich an ein Auswärtsspiel des FC Winterthur gehen möchte, mache ich einfach früher Feierabend», so Geiser. Doch nicht nur seine Arbeitszeiten kann Geiser selbst bestimmen, sondern auch wen er im Laden bedient. «Kommt ein Nazi in den Laden, verkaufe ich ihm kein Bier», sagt Geiser.
So klebt auch ein altes Wahlplakat des SVP-Politikers Daniel Oswald hinter der Eingangstüre, welcher 2010 für den Stadtrat in Winterthur kandidierte. Geiser hat das Plakat leicht verändert und dem Politiker eine Sprechblase in den Mund gelegt, deren Text dem Politiker grammatikalische Fehler attestiert. Die Genossenschaft als Arbeitgeber hat mit Geisers politischem Statement keine Probleme, ganz im Gegensatz zur SVP-Politikerin Natalie Rickli. Sie schaute im Laden vorbei und sprach Geiser auf das verfremdete Plakat an. «Eine Freundin hatte ihr davon erzählt und sie wollte sich selbst ein Bild davon machen», erzählt Geiser mit einem Lächeln im Gesicht. Rickli habe daraufhin mit ihm über Politik reden wollen, sei aber nicht lange geblieben. Trotzdem behält er den Besuch der Politikerin in guter Erinnerung: «Ich würde ihr jederzeit ein Bier verkaufen.»
nakAnzeige
Leserkommentare:
Ihre Meinung ist uns wichtig. Schreiben Sie einen Kommentar.
Kommentar schreiben