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Politik

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Schweiz | 29.01.2013

Der Doubs verliert seinen König

BIAUFOND. Seit Jahren warnen Umweltschützer und Fischer vor dem ökologischen Kollaps eines der schönsten Gewässer der Schweiz und Frankreichs. Äusseres Zeichen für die Misere: Der «Roi du Doubs» stirbt aus. Eine Klage von Umweltorganisationen hatte nun Erfolg.

  • Quelle:dla

Hinter La Chaux-de-Fonds führt die Strasse in steilen Kurven durch den Wald hinunter ins enge Tal. Hier hat sich der Doubs in eine wildromantische, felsige Landschaft gegraben, hier verläuft die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Am untersten Punkt liegt der Stausee von Biaufond, Fischer stehen auf der Brücke beim Grenzhäuschen und werfen ihre Angel aus. Den berühmtesten Fisch des Doubs kennen sie allerdings nur aus dem Fernsehen: Der Schweizerische Fischereiverband hat den unter dem Übernamen «Roi du Doubs» bekannten gelb-orangen Fisch mit den schwarzen Querstreifen zum Fisch des Jahres 2013 ernannt. Nicht, weil dieser etwas für Fischliebhaber wäre, im Gegenteil. Er ist vielmehr das Alarmzeichen dafür, wie schlecht es heute um die Gesundheit eines der schönsten Gewässer Europas bestellt ist: Die Fischart ist akut vom Aussterben bedroht. 

Für Fische wie ein Tsunami 

Patrice Malavaux gehört zu jenen, die schon lange warnen, dass der Doubs einen langsamen Tod stirbt. Der französische Fischereiaufseher betreut für den Verein La Franco-Suisse einen knapp 30 Kilometer langen, bergigen Abschnitt des Doubs im französisch-schweizerischen Grenzgebiet. Dreimal wird der Fluss hier gestaut; zuoberst durch den Stausee Le Châtelot, dann durch die kleineren Werke Le Refrain und La Goule. «Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Problem vor Ort», sagt Malavaux. Am Stauwehr Le Refrain fliesst das Wasser wie ein dünner Teppich über die Betonmauern und rauscht leise weiter ins Flussbett, wo es moosige Felsbrocken umspielt. Doch das romantische Schauspiel trügt: Fast täglich ergiessen sich hier gewaltige Wassermassen, und der Fluss schwillt zu einem Strom an. 

Was den Turbinen Schub und den Kraftwerkbetreibern Marge bringt, wird den Fischen zum Verhängnis. «Für sie ist das wie ein Tsunami, der sie an die Ränder des Flusses spült», sagt Malavaux und schüttelt vorwurfsvoll den Kopf. Der 35-Jährige dokumentiert die Folgen der radikalen Wasserstandsschwankungen für die Tiere im Doubs auf zahlreichen Fotos. Dar­auf sind Dutzende toter Fische zu sehen, die zwischen den Steinen an den Rändern des Flusses liegen; im Frühling, nach dem Laichen, können es Hunderte sein. Denn nur die grossen Fische schaffen es, nach dem raschen Absinken des Wasser- pegels rechtzeitig in die Flussmitte zurückzuschwimmen. 

In der Regel verfasst Malavaux in solchen Fällen einen Bericht und macht seinem Frust an den Sitzungen mit Behörden und Kraftwerkbetreibern Luft. «Da trotz all unserer Reklamationen kaum etwas geschieht», ging Malavaux im letzten März mit seiner Wut an die Öffentlichkeit und stellte ein Video auf Youtube, das die Fische im Todeskampf zeigt. «La rivière robinet» nennt Malavaux sein Filmdokument, weil die Kraftwerkbetreiber den Doubs gleichsam wie einen Wasserhahn auf- und zudrehen. Und zwar dann, wenn es sich vom Strompreis her lohnt, wie Malavaux sagt. «Tagsüber und vor allem um die Mittagszeit wird der Fluss geflutet, in der Nacht und am Wochenende liegt er fast trocken da.» 

Geringe Durchflussmenge 

Der Zorn von Fischern wie Umweltschützern richtet sich vor allem gegen die Besitzer von Le Châtelot, die Westschweizer Groupe E AG. Seit 2006, als das Unternehmen Le Châtelot übernahm, hätten sich die Probleme zugespitzt, weil das Wasserreglement aus dem Jahr 1969 bis zum Gehtnichtmehr ausgereizt werde, wie Malavaux sagt. Zwar wurde das Reglement zweimal revidiert; vor allem wurde die minimale Durchflussmenge von 250 Litern pro Sekunde auf zwei Kubikmeter pro Sekunde erhöht. Das sei allerdings immer noch lächerlich wenig, meint Mala- vaux. Dieser Trockenheitsgrad werde in einem naturbelassenen Fluss höchstens einmal in fünf Jahren erreicht, die Châtelot-Betreiber muteten dies dem Doubs hingegen fast täglich zu. «Und dann geht es wieder mit rasanter Geschwindigkeit hinauf auf das Maximum von 40 Kubikmetern pro Sekunde.» 

Dabei galt der Doubs noch in den Siebzigerjahren europaweit als Vorbild für die Biodiversität und war bis in die Neunzigerjahre ein Eldorado für Fischer. «Sogar aus den USA kamen früher die Touristen, weil sich im Doubs die grössten Forellen fangen liessen», erzählt der Aufseher auf der Fahrt durch den dschungelähnlichen Wald, in dem der Oberlauf des Doubs seine Schlaufen zieht. Heute ist laut Mala- vaux nicht nur der Fischbestand von 700 auf 200 Kilogramm pro Hektare gesunken, auch die Zahl der Fischereipatente geht drastisch zurück – mit negativen Folgen für den Tourismus. 

Zu schaffen macht dem Doubs allerdings auch die Verschmutzung aus der Landwirtschaft und der Industrie. Diverse Kläranlagen von Gewerbebetrieben und Städten erfüllen die gesetzlichen Normen nicht. Im französischen Ort Morteau etwa hat Malavaux beobachtet, wie das Klärbecken jedes Mal bei starkem Regen überläuft. Sichtbar wurde die Misere in den Jahren 2009 und 2011, als plötzlich Forellen und Äschen in Massen starben. Sie waren von einem Pilz befallen, der gemäss einer Studie der Universität Neuenburg wohl durch Menschen eingeschleppt worden war und den bereits geschwächten Fischen den Rest gab. 

Klage in Strassburg erfolgreich 

Das Bundesamt für Umwelt schlug schon 1991 Alarm und verlangte für den «Roi du Doubs» dringliche Schutzmassnahmen. Den Umweltorganisationen ist der Geduldsfaden inzwischen gerissen. Pro Natura, der WWF Schweiz und der Schweizerische Fischereiverband haben gemeinsam in Strassburg auf Verletzung der Berner Konvention geklagt. Ende November wurde die Klage bestätigt; ein Experte untersucht die Si­tua­tion vor Ort. Malavaux blickt auf «seinen» Fluss und sagt: «2013 wird zu einem Schlüsseljahr.» 

Denise Lachat
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