Die Haare der Meistercoiffeuse sind mittellang, leicht gewellt, teilweise blondiert. Im Moment seien sie im Wachsen-lassen-Stadium, sagt Sabrina Erren. «Müssen Sie das erwähnen, ist das wichtig?» Es könne gut sein, dass sie schon morgen eine ganz andere Frisur trage. Beliebig ist ihre Haartracht dennoch nicht: «Die Frisur muss im Trend liegen und schick aussehen, das ist wichtig in meinem Beruf.» Bei Männern ist sie da weniger wählerisch. Hätte sie einen Freund, würde sie ihm sogar eine Glatze durchgehen lassen – «auch wenn Glatzen natürlich nicht gut sind fürs Geschäft».
Über Coiffeusen gibt es viele Klischees. Mindestens eines davon stimme, meint die 26-Jährige, die seit zehn Jahren den Leuten die Haare stutzt: Coiffeure seien so eine Art Barkeeper mit nüchternen Kunden. «Ich weiss über viele Menschen sehr viele Sachen. Es fällt schon auf, wie viel Persönliches mir die Kunden erzählen.» Sie spielt gerne die Seelentrösterin, es freue sie, wenn sie helfen könne, sagt sie. Einem anderen Klischee kann sie naturgemäss weniger abgewinnen: «Viele Kolleginnen glauben, immer betonen zu müssen, dass sie nicht dumm und oberflächlich sind. Sie schämen sich, jemandem von ihrem Beruf zu erzählen – das kann ich überhaupt nicht verstehen.»
Vor vier Jahren absolvierte Sabrina Erren die Coiffeur-Meisterprüfung, ein halbes Jahr später übernahm sie die Leitung des «Hairplanet» am Oberen Graben. Dass sie mehr kann als nur Haare schnippeln, verrät ein Blick auf das Prüfungsprogramm: Zwei Tage legte sie Locken und gestaltete Frisuren, drei Tage wurde sie über «Gott und die Welt» befragt, über das Arbeitsgesetz zum Beispiel und darüber, wie man mit jugendlichen Lehrtöchtern umgeht. Man müsse diesen sein Wissen weitergeben, glaubt sie, ihnen erklären, weshalb etwas zu tun sei, und nicht einfach befehlen: Putz jetzt den Boden. Dass die Psychologie für sie mindestens ebenso wichtig ist wie die Schere und der Haarspray, merkt man auch, wenn sie über die Kundschaft spricht. Der Kunde müsse sich beim Verlassen des Geschäfts besser fühlen als beim Eintreten, sagt sie: «Ich verkaufe Schönheit. Fühlen sich die Menschen schön, sind sie selbst- bewusster und zufriedener.»
Die Coiffeuse weiss, dass sie den Kunden nicht nur deren Schönheit verkauft, sondern auch ihre eigene. Eitelkeit ist für sie eine Tugend: «Ich muss gepflegt aussehen im Geschäft, sonst funktioniert es nicht.» Bevor sie am Morgen in Seen den Bus besteigt, steht sie aber nur eine halbe Stunde vor dem Spiegel, wie sie beteuert. Gut aussehen ist das eine, doch noch wichtiger sei, sich auf die Kunden einzulassen, mitzureden, wenn einer erzählt, zu schweigen, wenn einer nicht reden will. Was auch immer es braucht, um erfolgreich zu sein, die junge Geschäftsführerin hat es. Das ist auch besser so, denn die Kasse in ihrem Haarstudio erfasst die Umsätze der Mitarbeiter einzeln und bildet sie als Balken ab: «Da ist es natürlich von Vorteil, wenn die Chefin vorne mit dabei ist.»
Der selbstsicheren Frau hilft, dass sie viele Fans hat: Etwa 50 Kunden lassen sich seit zehn Jahren von ihr die Haare machen. Als sie nach der Lehre im «Haarpalast» an der Stadthausstrasse in den «Airport Jet» am Flughafen wechselte, kamen diese mit, trotz des Anfahrtweges und der höheren Preise. Am Flughafen hob auch ihr Lohn ab, allerdings von einem tiefen Niveau. Auch als Meistercoiffeuse ist sie bislang nicht reich geworden. Der Arbeitgeber förderte sie aber und bezahlte die Rechnungen für Kurse in Personal- und Betriebsführung – und für den Fotografen und das Model, das sie brauchte, um ein Wettbewerbsdossier mit ausgefallenen Frisuren zusammenzustellen. Dass es dieses Jahr nicht zum Titel «Swiss Hairdresser of the Year» reichte, verdriesst die eifrige Coiffeuse nicht. Beim Wettbewerb könne man zwar wunderbar kreativ sein und sich ausleben, er habe aber sehr wenig mit dem Alltag zu tun, sagt sie. Schaut man die Bilder an, die in ihrem Haarstudio an der Wand hängen, mag man dies wohl glauben. Auf einem davon sind zwei Frauen zu sehen, die die Buchstaben B, L, O und W, ganz aus Haaren geformt, auf dem Kopf tragen (to blow-dry heisst föhnen auf Englisch).
Woher kommt dieser Haarfetischismus? Ja, sie habe schon als Kind den Barbiepuppen die Haare geschnitten, gibt sie zu – «das macht doch jedes Mädchen». Es gehe aber nicht um Fetischismus und auch nicht in erster Linie um Haare, sondern um Schönheit. Alles, was mit Ästhetik zusammenhängt, interessiert sie: Mode, Stil, Kunst, Film, Fotografie. Und was missfällt der Coiffeuse am Haareschneiden? Sie überlegt lange, und wieder hat ihre Antwort mit Schönheit zu tun: Das viele Haarewaschen und Shampoonieren verunstalte die Haut. Sie habe die Hände einer 40-Jährigen, sagt sie und hält diese zum Beweis in die Luft. Die Branche wechseln will sie trotzdem nicht, zumindest vorerst. Zwar drängt der Ehrgeiz die Meistercoiffeuse zu einer Veränderung, aber: «Ich brauche eine Arbeit, die mich begeistert, und so eine habe ich schon gefunden.» Man glaubt es ihr.
Christian Gurtner
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