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Winterthur Stadt | 25.07.2012

Ein unsichtbares Designobjekt

Wir brauchen sie jeden Tag, nehmen sie aber kaum wahr. Sie bevölkern unsere Schränke oder hängen in der Waschküche. Die einen sind aus Holz, andere aus Kunststoff. Und dann gibt es noch welche aus Draht. Die Rede ist von Kleiderbügeln.

  • Quelle:pd
  • Quelle:pd

 

Es gibt Leute, die Kleiderbügel sammeln, und es gibt Menschen, die einfach so viele von ihnen in ihrem Schrank haben, dass kein weiterer mehr hineinpasst. Immer aber dienen die Bügel einem Zweck: dem Aufhängen von Kleidern. Oder wie es bei Wikipedia heisst: «Kleiderbügel sind Haushaltgeräte (...). Sie sind der Schulterform des Menschen nachgebildet und dienen zum Aufhängen und Verstauen von Oberbekleidung wie Mänteln und Jacken, aber auch von Hemden und Blusen.» Obwohl der Zweck immer der gleiche ist, gibt es jedoch Unterschiede, in Form, Beschaffenheit, Nutzen und im Umgang damit. 

Das profane Lieblingsmodell 

So haben wir zum Beispiel verschiedene Bügel im Haus, die ihren Zweck nicht wirklich erfüllen. Jene nämlich, die die Jacken ständig verlieren, weil sie rutschig sind. Oder die anderen, die von den Kindern geflissentlich ignoriert werden und deshalb immer einsam und verlassen in der Garderobe hängen. Zu unseren Lieblingsbügeln gehört dafür ein absolut profanes Modell: der aufblasbare Wäschebügel. Er erspart uns einige Stunden Arbeit. Hängt man das nasse Hemd oder das feuchte T-Shirt sorgfältig an diesem Bügel zum Trocknen auf, kann man den Aufwand mit dem Glätten fast auf null reduzieren. Denn, wir geben es zu, in unserer Familie ist Glätten bei niemandem wirklich beliebt. Die Zeit, in der wir als Au-pair in Paris Hunderte von Hemden vom Monsieur bügeln mussten, lässt grüssen. 

Ein Schattendasein pflegt auch der klassische Drahtbügel, wie wir ihn von der Reinigung kennen. Er eignet sich, das haben wir schnell gemerkt, überhaupt nicht für das längere Aufhängen von Kleidern. Beim Transport von der Reinigung nach Hause mag er zwar noch praktisch und platzsparend sein. Spätestens an der Türe zum Kleiderschrank hat er jedoch ausgedient. Blusen oder Jacketts, die länger auf Drahtbügeln hängen, bekommen unschöne Ausbuchtungen. Weil wir unsere Kleider schonen wollen, ist deshalb der sogenannte Formbügel hoch im Kurs. Er ist an den Schultern rund und breit. Vor allem Anzüge brauchen diese Schulterstützen, damit keine unerwünschten Falten entstehen. 

Die transparenten flachen Bügel, wie wir sie an manchen Garderoben finden, können zwar optisch gut wirken. Sie sind jedoch genauso wenig kleiderfreundlich wie die simplen Drahtbügel aus der Reinigung. Da sind die guten alten Vollholzbügel, die vor allem in Hotels oder in teuren Kleidergeschäften beliebt sind, viel netter zu Hemden und Jacken. Doch woher kommt dieser Alltagsheld, auf den wir nicht mehr verzichten können, den wir aber gleichzeitig kaum beachten? Und vor allem: Seit wann gibt es ihn? 

Ein Helfer für Adlige 

Die Geschichte der Kleiderbügel reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Die ersten Holzbügel waren praktische Helfer für den Adel und das Militär, wie wir bei Wikipedia erfahren. Die Bügel hatten aufwärts gebogene Enden, mit welchen die Epauletten der Uniformjacken gestützt wurden. Die einfachen Leute hängten ihre Kleidungsstücke meist an Haken auf oder verstauten sie in Truhen. 

Die hohen Jackenkragen, die um 1800 in Mode kamen, machten eine Anpassung der Bügelformen notwendig. In dieser Zeit kamen Bügel mit langen Holzstäben auf, mit welchen Kleider an Stangen unter der Decke aufgehängt werden konnten, um sie so vor Ratten und Mäusen zu schützen. Die Kleiderbügel von damals waren aus Holz gefertigt, bis um 1850 für die ausladenden Frauenkleider im viktorianischen Zeitalter aufwendig geformte Bügel aus Draht notwendig wurden. 

Allein in den USA wurden zwischen 1900 und 1906 mehr als 89 verschiedene Kleiderbügelpatente ausgestellt. Eines davon ging 1904 an den Unternehmer John B. Timberlake für eine Erfindung seines Mitarbeiters Albert J. Parkhouse. Zur Entstehung dieses Drahtbügels gibt es zwei Geschichten. Die eine besagt, dass Parkhouse keinen freien Wandhaken für seinen Mantel finden konnte und deshalb aus einem Stück Draht kurzerhand einen Bügel formte. Die andere Überlieferung führt die Erfindung dar­auf zurück, dass die Produktion der hölzernen Bügel die Nachfrage nicht decken konnte. Auf jeden Fall aber ging Parkhouse leer aus, das grosse Geld mit dem Patent machte sein Chef Timberlake mit seiner Firma. 

Das unsichtbare Designobjekt 

Inzwischen gibt es neben den verschiedenen Draht- und Holzbügeln auch zahlreiche Modelle aus Kunststoff. Und es kommen immer wieder neue dazu. Mit den Bügeln ist es wie mit den Korkenziehern. Sie können ständig verbessert oder verschönert werden und sind damit beliebte Studienobjekte für Designerinnen und Designer. Und das, obwohl die Bügel, sobald sie wirklich in Gebrauch sind, sofort unsichtbar werden. Das macht auch die Wanderausstellung des Vitra-Designmuseums «Heimliche Helden» deutlich, die derzeit im Gewerbemuseum zu Gast ist. 

Neben dem schlichten Drahtmodell, das wir aus der Reinigung kennen, zeigt die Ausstellung den Bügel «Cityscape» (2004) von Christopher Jarratt. Der Bügel bildet, wie der Name es sagt, jeweils eine Stadtkulisse ab. Admir Jokanovic und Rainer Subic liessen sich bei der Entwicklung von «Max» (2006) vom Segeln inspirieren. 

«Max» besteht aus einem versteiften Strick. Am kleiderfreundlichsten von diesen modernen Modellen dürfte allerdings «Hercules» (1997) von Marc Newson sein. Der Bügel, den der aus­tralische Designer für den bekannten italienischen Hersteller Magis entwarf, besteht aus weichem Polypropylen und hat eine anatomische Form. 

Aber auch Schweizer Designer befassen sich immer wieder mit dem Redesign des Kleiderbügels. So haben Andreas Bechtiger und Moritz Schmid, als sie 2010 für Atelier Pfister eine Garderobe und einen Herrendiener entwarfen, auch gleich den dazu passenden Kleiderbügel kreiert. Der Bügel von Andreas Bechtiger besteht, wie seine Garderobe «Quarten», aus Metall, und der Bügel «Ligerz» von Moritz Schmid trägt nicht nur den gleichen Namen wie seine Garderobe, er ist wie diese aus Eschenholz gefertigt. 

Susanne Schmid Lopardo
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