Stimmungswandel bei "Sex-Journalistin" und inzwischen Mutter Michèle Roten: Mit den weiblichen Reizen sollen die Frauen jetzt doch lieber etwas mehr geizen. In ihrem neuen Buch propagiert sie die Reaktivierung des Feminismus.
Kolumnistin und Buchautorin Michèle Roten ist zurück aus der Babypause. Sie hat gleich noch ein Buch mitgebracht. Darin propagiert sie die Rückkehr des Feminismus. Was es damit im Detail auf sich hat, wird man Ende Oktober erfahren, wenn "Wie Frau sein" (Arbeitstitel: Feminismus reloaded) erscheint. Einen Vorgeschmack lieferte bereits das Magazin mit dem Abdruck eines Kapitels aus dem Buch.
Wo sie sich früher noch für das Cover ihrer Kolumnen-Sammlung "Miss Universum" dreiviertelnackt in Öl malen liess und alles in allem mit ihrem Kolumen-Ich ein Frauenbild propagierte, der Feministinnen der alten Schule die Zornesröte ins Gesicht treiben mochte, liest man nun plötzlich etwas andere Sätze von ihr.
Sie habe darauf begonnen, sich sorgen zu machen um die jungen Frauen heute, die zum Beispiel aufreizend in der Disco tanzen. Die hätten nicht mehr Alice Schwarzer als normative Klingel im Ohr, da klingle gar nichts mehr. Auch heute brauchen wir den Feminismus, folgert sie in jenem Buchkapitel.
Lieber nicht, schreibt an dieser Stelle ein Mann - sofern Feminismus den Ausgang der Frau aus der vom Mann verschuldeten Unmündigkeit bedeutet. Allzulang ging die Rollenverteilung so: Hier das Opfer Frau, dort die hemmende Struktur Sexismus (oder sagen wir doch gleich „Männer“ ). Neuster Denk-Trend, auch bei Roten angetönt: „die Gesellschaft verfolgt perfide Strategien“.
Hier ein paar Ideen, was die Frauen auch noch machen könnten:
Wählen gehen:
Vier Bundesrätinnen sind der Beweis, dass die Politik die Frauen nicht ausschliesst. Insbesondere jungen Frauen geht die Politik offenbar aber am Allerwertesten vorbei. Diplomatisch formuliert: Frauen fast jeden Alters gehen weniger zahlreich wählen als Männer (35-44 jährige Frauen 35 Prozent, gleichaltrige Männer 45 Prozent; 55-64 jährige Frauen 51 Prozent, gleichaltrige Männer 70 Prozent).
Den Mann als Familienmenschen aufbauen:
Frauenförderung ist auch Familienförderung. Manch ein Mann wäre wohl gewillt, sich in Haushalt und Erziehung zu engagieren. Jetzt brauchts bloss noch Gesetze, die dem auch Rechnung tragen. Ein Beispiel: Elternzeitmodelle sind in Europa längst bekannt. Die Schweiz setzt bislang einseitig auf Mutterschaftsfinanzierung - und bestätigt damit eben genau das überkommene Ernährermodell. „Gleichberechtigung des Mannes“, das tönt in den Ohren vieler nach einem Scherz. Tatsächlich sorgt das geltende Schweizer Recht für Ungleichheit. Männer haben schlechtere Karten als Frauen, wenn es um das Sorgerecht geht, oder wenn sie ein Kind mit einer Frau haben, die mit einem anderen verheiratet ist.
Wirtschaft studieren:
Woran liegt es, dass Frauen immer noch weniger als Männer verdienen, fragt Roten in ihrem Buch. An der Ausbildung? Dabei sei mittlerweile der Frauenanteil bei Hochschulabschlüssen mehr als 50 Prozent, „ist das nicht merkwürdig?“
Nicht unbedingt. Verschiedene Studienabschlüsse führen tendenziell zu unterschiedlich hohem Einkommen, das geht auch Männern so. Etwas über der Hälfte der Uniabsolventen sind heute Frauen, doch je nach Studienrichtungen schwanken die Quoten stark. Pech hat quasi finanziell gesehen, wer sich für Psychologie oder Sprachen interessiert. Tendenziell lässt sich mit einem entsprechenden Studium später weniger verdienen - wenn man sieht, dass ausgerechnet in den meistgefragten Geisteswissenschaften die Frauen 70 Prozent (Bachelor) Anteil haben, in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät aber nur 32 Prozent, wären spätere Lohnungleichheiten auf tertiärer Stufe schon fast erklärt.
Auch Jus studieren mehr Frauen als Männer: Ein Jahr nach Studienabschluss ist dort in einem Anwaltspraktikum der Lohn leider nicht besonders hoch. Und auch bei den vordergründig stark frauenlastigen medizinischen Fakultät relativiert sich das Bild, wenn man genauer schaut: ein starker Frauenüberhang besteht ausgerechnet und nur bei den finanziell weniger aussichtsreichen Veterinärmedizinern, in der Humanmedizin sind die Unterschiede weniger stark. Vielleicht haben ja die Frauen nicht ganz dieselben Interessen wie die Männer. Aber das ist nicht obligatorisch. Wer sich für das später sicher rentierende Wirtschaftsstudium interessiert, go ahead.
Relativieren:
Gleicher Lohn für die gleiche Arbeit, so soll es sein. Eine Studie zeigte, dass es kaum Länder gibt, in denen die Frauen den Männern noch stärker gleich gestellt sind als in der Schweiz, unter anderem bezüglich Arbeitsmarkt, Bildungszugang, Politik. 91,9 von 100 Punkten sind doch nicht schlecht, oder? So perfid kann die Schweizer Gesellschaft gegenüber den Frauen doch nicht sein.
Frau Roten ist Mutter geworden. In der ersten Kolumne nach der Geburt ihres Sohnes Eduard bezeichnet sie ihn als Fudibubi und Bubifudi, man stelle sich vor, ein Vater hätte Ähnliches über die Tochter verbreitet. Auf einem Cover neulich posiert Frau Roten mit dem nackten Baby-Boy. Auch hier: Man stelle sich vor, ein Vater hätte mit der kleinen nackten Tochter posiert... Frau Roten profitiert von der Narrenfreiheit, sie nahm sich und nimmt sich alle Freiheiten einer Tusse mit Potential oder einer Emanze, sie spielt mit Klischees und Sex, dass sich die Balken biegen, sie profitiert von Beliebigkeit und Schockeffekt, um jetzt in diesem Sinne Feminismus zu postulieren. Das ist seltsam. Es ist unreif. Dem Sohn wünsche ich alles Gute! Die guten Wünsche braucht er.
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