Alles muss weg! An der Tösstalstrasse wird eine Zoohandlung liquidiert. Vom Rüschenkleidchen für den Hund biszur Osmosepumpe fürs Aquarium ist alles zu haben. NurTiere stehen keine zum Verkauf – aus Pietätsgründen.
Um 10.30 Uhr steht Simon Kunz vor der Tür und raucht eine Zigarette. Der erste Ansturm auf die Tierhandlung ist vorüber. Auf dem Parkplatz sind wieder ein paar Felder frei. Noch am Samstag und in der nächsten Woche wird der Ausverkauf weitergehen – bis nichts mehr da ist. Kunz von der gleichnamigen Liquidationsfirma aus Zürich wurde engagiert, um möglichst viel herauszuholen aus dem Zooland an der Tösstalstrasse 163, jener Zweigstelle der Schweizer Tierhandlungskette, die anscheinend nicht rentierte. Wie hoch die Erwartungen sind? «Eine sechsstellige Summe», sagt Kunz.
Das Interesse an der Totalliquidation ist gross. Eine Viertelstunde vor Türöffnung ist kein Parkplatz mehr frei. Rund ein Dutzend Personen wartet auf Einlass – Tierfreunde, ohne Zweifel, das machen schon die Hundeaufkleber auf den Autos klar. Für Kunz ist es der zweite Handelstag. Die Stammkundschaft wurde an einen Vorverkauf früher in der Woche eingeladen. Die Geschäfte gingen gut. Vor alle Tierfutter war gefragt, sagt er. Zum Teil wurde für Hunderte von Franken eingekauft. Kein Wunder, bei 50 Prozent Rabatt auf alles – abzüglich drei Prozent Liquidationsgebühr.
Im Laden, das sieht man schon durchs Schaufenster, ist noch vieles da: Gummitiere zum Draufherumkauen, Regenmäntelchen für den Vierbeiner, aufeinandergetürmte Meerschweinchenhäuschen, die wie eine Hochhaussiedlung für Nager aussehen. Nur Tiere gibt es keine mehr in der Zoohandlung – aus Pietätsgründen und weil nicht mit Rabattpreisen zum Kauf von Haustieren animiert werden soll.
Glünggis neuer Katzenbaum
Gleich am Schaufenster stehen ein paar Katzenbäume. Auf einen solchen abgesehen hat es Daniela De Lapersonne aus Kollbrunn. Der alte sei abgenutzt, ihre Katzen Glünggi und Sürmel brauchten Ersatz. Im Kofferraum ihres Fiats sitzt ein weiterer Vierbeiner, Skye, der etwas schüchterne Altdeutsche Schäferhund einer Freundin. Auch er soll später etwas kriegen, sagt die junge
Frau, «weil er so brav gewartet hat».
Hektik bricht, als die Türen öffnen, keine aus. Der Laden ist weitläufig. Die Kundenzahl überschaubar. Das hat Kunz schon anders erlebt. Etwa als er den Laden des Designers Michael Jordi liquidierte. Alle 23 Sekunden sei eine Uhr über den Ladentisch gegangen, habe der «Blick» damals ausgerechnet, erzählt er. Den Einlass müsse man in solchen Fällen staffeln. Sonst wirds ungesund, für Geschäft und Kundschaft. «Smart Shoppers» (clevere Einkäufer) nennt Kunz seine preisbewusste Klientel. Den Begriff «Schnäppchenjäger» mag er nicht, der sei zu abfällig. Der heutige Kunde sei mündig, wisse, wie viel etwas kostet, und informiere sich vor dem Kauf.
Wählerischer Schmusetiger
Über die Preise gut im Bild ist auch Selmin Bayir. Die Winterthurerin sucht eine Osmosepumpe. «Damit stellt man sicher, dass das Wasser im Aquarium PH-neutral ist», erklärt sie. Eine Pumpe ist noch da. 400 Franken hätte sie ursprünglich gekostet. Etwas mehr als 200 Franken zahlt die erfahrene Fischehalterin, die zu Hause drei Aquarien hat, das grösste mit 720 Litern Fassungsvermögen. Etwas weiter hinten im Shop unterhält sich Sonja Rüegg mit einer Freundin über Katzenfutter. «Nein, das frisst sie auch nicht.» Gemeint ist Fini, ein Schmusetiger der wählerischen Art. Das Futter aus dem Grosshandel verweigert Fini konsequent. Gut, dass es im Zooland noch Feinschmeckerware gibt, in kleinen Dosen, fast wie Kaviar.
Zum Kauf animieren im Shop gegen 100 Schilder – abwechselnd in Neon-gelb und Orange gehalten –, auf denen schlicht «Totalliquidation» steht. Viel mehr dieser Schilder kann man gar nicht mehr aufhängen, gibt Liquidator Kunz zu. Der wenig diskrete Auftritt sei nötig. Verkaufen ist Psychologie. Und wenn es darum geht, Regale zu leeren, ist Kunz ein Psychologe.
Während der erste Kunde an diesem Morgen auf seinem Karren Tierfutter zum Auto schiebt, wird die junge Kollbrunnerin bei den Katzenbäumen fündig. Dazu kauft sie ein Pack Beef-Sticks, für Caja, ihre eigene Hündin zu Hause, und für Skye, der im Kofferraum des im Schatten geparkten Autos immer noch wartet. Für seine Geduld wird der Altdeutsche Schäferhund nach dem Einladen dann auch belohnt. Und während er auf dem Speckstreifen herumkaut, sieht man es ihm an: Der Ausflug zur Liquidation hat ihm gefallen.
lMARC LEUTENEGGER

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