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Schweiz, Winterthur Stadt | 06.02.2012

«Ich bin nicht naiv in diese Ehe geraten»

zÜRICH. Im August 2010 hat der Noch-Ehemann von Janine Schoch die gemeinsamen Kinder nach Tunesien entführt. Obwohl er nun in einem Zürcher Gefängnis sitzt, muss die Mutter weiter dar­um bangen, ob sie ihre Kinder wiedersieht.

  • Quelle:MARC DAHINDEN

Der Vater Ihrer Kinder wurde Mitte Januar vom Bezirksgericht Winterthur zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er Ihre beiden Kinder nach Tunesien entführt hat. Wie gehts jetzt weiter? 

Janine Schoch:  Ich hoffe, dass ich meine Kinder bald wiedersehen werde. 

Aber sie sind seit anderthalb Jahren bei ihren Grosseltern, weil ein lokales tunesisches Gericht dem Vater das Sorgerecht zugesprochen hat. Wie wollen Sie die Kinder zurückholen? 

Der Vater hat das Sorgerecht gleich nach der Einreise nach Tunesien beantragt und bekommen. Am 3. Januar wurde mir das Sorgerecht verweigert, das ich danach ebenfalls beantragt hatte. Ich werde den Entscheid natürlich anfechten, weil ihr Vater ja jetzt nicht mehr für sie da sein kann. Aber solange ich keine schriftliche Begründung erhalte, kann ich nichts tun. Mein Anwalt vor Ort ist jedoch sehr dar­um bemüht, dass es vorwärtsgeht. 

Glauben Sie, dass das zweitinstanzliche Gericht in Tunesien anders urteilt? 

Ja, erstens, wie gesagt, weil mein Mann, von dem ich noch nicht geschieden bin, inzwischen verurteilt wurde und er sein Sorgerecht nicht mehr wahrnehmen kann. Zweitens, weil ich der nächsthöheren Instanz mehr Objektivität zutraue. Das Problem war doch, dass sich die erste Gerichtsinstanz in dem Dorf befindet, wo er aufwuchs. Da kennen seine Eltern die Richter, was er auch immer wieder betont hatte. Mein Anwalt und auch die Schweizer Botschaft in Tunesien versuchen nun, den Fall vor das Gericht in der Hauptstadt Tunis zu bringen. Tunis ist moderner und hat zumindest ein internationales Rechtsverständnis, gerade in Bezug auf die Uno-Kinderrechtskonvention. Mein Mann hat immer gesagt, er verstehe es, die Richter zu schmieren, in Tunis wird er diese Möglichkeit kaum haben. 

Wie sieht es denn aus mit den Rechten der Frauen? Berichten zufolge geht die elterliche Gewalt nach einer Scheidung automatisch an den Mann über. 

Dies ist mit ein Grund, weshalb ich zum jetzigen Zeitpunkt sicher keine Scheidung beantrage, diese Frage ist deshalb zum Glück nicht relevant zurzeit. Die tunesische Rechtspraxis wird in ländlichen und städtischen Gebieten unterschiedlich gehandhabt. Ich hoffe dar­um sehr auf das Rekursverfahren in Tunis, was die Sorgerechtsfrage angeht. Was aber klar ist: Auch laut islamischem Recht haben die Grosseltern sicher keinen höheren Stellenwert als die Mutter. Doch so ist es im Moment: Meine Kinder haben weder Mutter noch Vater, sie werden von den Grosseltern betreut. Die von Tunesien mitunterzeichnete Uno-Kinderkonvention hält ganz klar fest, dass Kinder Anspruch auf Mutter oder Vater haben. In Tunesien wird zurzeit ständig von Demokratie geredet. Blut wurde dafür vergossen. Tunesien gibt sich ge­gen­über Touristen weltoffen. Internationale Gelder für die Bildung eines demokratischen Staates werden gerne entgegengenommen. Dann muss man aber auch bereit sein, diese Demokratie umzusetzen. 

Geht es den Kindern bei den Grosseltern gut? 

Ja, davon gehe ich aus. Ich hatte früher viel mit der Grossmutter Kontakt. Ich habe sie als sehr gastfreundliche und grossherzige Person kennen gelernt. Natürlich mache ich mir dennoch Sorgen um das Kindswohl, insbesondere was die Bildungsmöglichkeiten betrifft. 

Das Verhältnis zur Familie Ihres Mannes, die nun Ihre Söhne betreut, dürfte schwierig geworden sein. 

Die Grossmutter erzählt mir stolz, dass meine Kinder nun «Mama» zu ihr sagen. Das tut weh. Und nun bin ich auch noch die Böse, denn ich habe ja aus Sicht der Familie den Sohn hinter Gitter gebracht. Dass dieser gegen geltendes Schweizer Recht verstossen hat, dafür hat sie keinerlei Verständnis. Die Familie stellte mir in Aussicht, die Kinder zurückzubekommen, wenn ihr Sohn freikomme. Ich musste ihnen dann aber sagen, dass eine Kindsentführung ein Offizialdelikt ist und ich nicht dar­über entscheiden kann, ob er freikommt. Ich versuchte meinen Schwiegereltern also zu erklären, dass mein Mann bei einem Weiterzug des Falles ans Obergericht nur eine Chance für ein milderes Urteil haben wird, wenn die Kinder jetzt zu mir zurückkehren. Aber davon wollen sie alle nichts wissen. 

Ihr Mann sitzt nun im Flughafen- gefängnis. Besuchen Sie ihn? 

Nein! Zur Zeit der Einvernahme bat er mich einmal um einen Besuch. Ich willigte ein, weil ich hoffte, dass er zur Vernunft komme und, um ein hartes Urteil zu vermeiden, für die Rückkehr der Kinder sorgen wolle. Aber ich hatte mich getäuscht. Er sagte, dass sie erst mit 15 Jahren zurückkehren würden, für die gute Ausbildung, und dass er nichts bereue. Das wollte ich mir nicht mehr anhören. 

Wie war sein Verhältnis zu den Kindern? 

Sehr gut, die Kinder waren immer gern bei ihm. Schlimm war nur, dass er sie im Namen des Islam gegen meine Eltern aufzuhetzen begann. Er zeigte ihnen Messer und sagte, er steche ihnen die Augen aus. Das hat die Kinder verstört. Für mich war das unhaltbar. 

Hatten Sie nie Angst, er könnte den Kindern etwas antun? 

Nein, diese Angst hatte ich nie. Er hat auch mir während unserer fünfjährigen Ehe nie etwas angetan. Ich staune manchmal, was mir im Laufe der Berichterstattung über meinen Fall alles angedichtet wurde. Ich hätte mich naiv auf einen Muslim eingelassen, und es sei kein Wunder, dass er mich schlug. Das ist alles Blödsinn. Ich habe mich sehr stark mit dem Islam befasst, und geschlagen hat mich niemand. Mein Mann hat sich aber im Laufe der Jahre hier in der Schweiz verändert. 

Wurde Ihr Mann von Fundamentalisten beeinflusst? 

Ich denke ja. Er begann, heimlich viel Geld abzuzweigen, um es der Moschee in Hegi zu spenden. Während wir zu Hause mit extrem wenig auskommen mussten. Oft stand ich beim Einkaufen vor dem Regal und überlegte, ob ich lieber das Erkältungsbad für die Kinder oder doch lieber etwas zu essen kaufen soll. Erst nach der Trennung erfuhr ich, wofür er das Geld verwendet hatte. Ich lebte zunächst von der Sozialhilfe. Und es ging mir und den Kindern finanziell deutlich besser, denn ich konnte jetzt den Kühlschrank füllen. Jetzt arbeite ich wieder und sorge für mich selbst. 

War Ihr Mann denn immer religiös? 

Nein, anfangs wollte er mit den Arabern hier gar nichts zu tun haben. Er war sehr aufgeschlossen. Doch er fand hier Landsleute, die seine Freunde wurden, ging immer öfter in die Moschee. Und so hat er sich im Laufe der Zeit verändert und über nichts anderes mehr als den Islam gesprochen. Ich habe einmal die Frau eines anderen Moscheegängers getroffen. Und ich bin erschrocken, wie rigide die Hierarchie zwischen Mann und Frau in hiesigen Wohnzimmern zum Teil gelebt wird. Auch mein Mann hat gedroht, er wolle islamische Regeln einführen, ansonsten er die Kinder entführe. Was er dann auch tat. 

Hat Ihr Erlebnis Ihre Einstellung zum Islam verändert? 

Ich habe nichts gegen Muslime. Ich habe aber gegen jede Art von Religionsausübung etwas, die den Menschen nicht respektiert. Das kommt bei Muslimen, aber auch bei Christen vor. 

Sie selbst waren Mitglied beim ICF, einer fundamentalistischen Freikirche. 

Ich bin christlich aufgewachsen und ja, zwischendurch war ich ICF-Mitglied. Aber der Glaube hat bei mir auch Fragen aufgeworfen. Jeder soll seinen Weg gehen dürfen, aber es gefällt mir nicht, wenn jemand den Weg des andern nicht mehr akzeptiert und respektiert. 

Es kursierte der Vorwurf, Ihre Eltern hetzten die Kinder gegen den Islam auf … 

Mein Vater machte mal einen Spruch, er ist sehr temperamentvoll. Aber das wurde sehr übertrieben aufgenommen. Er ist Polier und hat mit vielen Muslimen zu tun, und zwar problemlos. Er ärgerte sich halt, weil mein Ex-Mann begann, den Islam immer wichtiger zu nehmen und ihn über alles andere zu stellen. Meine Mutter hat ihren Schwiegersohn geliebt und ihm Extramahlzeiten gekocht, weil er kein Schweinefleisch ass. Sie hat uns sogar finanziell unterstützt. Dar­um verstehe ich nicht, weshalb mein Mann die Kinder gegen sie aufhetzte. 

Viele Tunesier beantragen zurzeit Asyl in der Schweiz. Ein grosser Teil von ihnen macht Probleme. Können Sie sich das erklären? 

Zuerst muss ich festhalten, dass nicht jeder, der aus Tunesien kommt, so einen Flick ab hat wie mein Mann. Aus meiner Sicht gibt es aber zurzeit keinen Grund, aus Tunesien zu flüchten. Wie gewisse tunesische Asylsuchende sich verhalten, ist schlicht untolerierbar. Ausserdem ist das kriminelle Verhalten dieser Leute absolut nicht islamgerecht. Sie würden sich im eigenen Land niemals so benehmen. Anständige Tunesier hingegen sollten wir willkommen heissen. 

Haben Sie im Moment die Möglichkeit für einen Kontakt mit den Kindern? Können Sie mit ihnen telefonieren? 

Das geht inzwischen nicht mehr, denn sie haben die deutsche Sprache verlernt. Die Grosseltern haben auch kein Interesse daran, ihnen Französisch beizubringen, damit zumindest ein bisschen Kommunikation möglich ist. 

Wann, glauben Sie, werden Sie Ihre Kinder wieder in die Arme schliessen? 

Ich hoffe noch in diesem Jahr. Ich vermisse sie sehr, aber ich muss jetzt einfach geduldig bleiben. 

Karin Landolt
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