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Gesellschaft

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Winterthur Stadt | 14.06.2012

Krebs als politische Herausforderung

Der international renommierte Krebsspezialist und ehemalige SP-Nationalrat Franco Cavalli hat ein neues Buch zum Thema Krebs publiziert. Eine Mischung aus medizinischer Information und Pharmakritik. Cavalli stellt heute Donnerstag in Winterthur sein Buch vor.

  • Quelle:Khalil Senosi

Krebs – der Name der Krankheit löst noch immer Angst aus. Angst vor unsäglichen Schmerzen, Angst vor dem unausweichlichen Tod. 

Information tut noch immer not – und dieses Informationsbedürfnis wird denn auch von einer grossen Zahl von mehr oder minder kompetenten Autoren bedient. Nun meldet sich ein besonders berufener Arzt zu Wort – Franco Cavalli. Der international renommierte und aktive Krebsexperte und einstige Tessiner SP-Nationalrat hat sich nach seinem Rückzug aus der Bundespolitik daran gemacht, aus der Perspektive des Onkologen dem medizinischen Laien Informationen an die Hand zu geben – und zwar in verständlicher Form. 

Dass man über Krebs offen redet, ist keine Selbstverständlichkeit – «Das Schweigen, das Unausgesprochene, die Tabus, die Krebs früher immer begleiteten und manchmal heute noch begleiten, verstärkten die Ängste (…): Angst und Unwissen sind ein fruchtbarer Nährboden für die absurdesten Überzeugungen und Aberglauben» schreibt Cavalli. Und so tritt er an, das Schweigen zu brechen und Wissen weiterzugeben. 

Krebs und seine Ursachen 

Cavalli kritisiert, dass es immer noch viele falsche Überzeugungen zu Krebs gebe, die viele Patienten dazu bringe, sich sogenannten alternativen Therapien anzuvertrauen. Er nimmt Scharlatane ins Visier, die Krebs auf eine Krankheit mit einfach zu erklärender Ursache reduzieren. Stress werde da häufig genannt, Kalorienüberschuss (Therapie gegen Krebs: 40 Tage fasten). 

Der Onkologe hält dagegen, dass Krebs eine Krankheit ist, die nie nur auf einen Faktor reduzierbar ist, sondern dass Tumorerkrankungen «immer auf eine ganze Reihe interagierender Faktoren zurückgehen». 

Kein automatisches Todesurteil 

Auch mit einem zweiten Irrglauben räumt der Autor auf. Nämlich dass Krebs eine Zivilisationskrankheit sei. «Krebs gab es schon immer und überall auf der Welt», hält er fest. Bemühungen, die Krankheit zu verstehen und ihre Auswirkungen einzudämmen, reichen Jahrhunderte zurück. Diese Bemühungen haben heute einen bisher nie da gewesenen Umfang erreicht. Dennoch, so dämpft der Autor falsche Hoffnungen «… ist es illusorisch zu denken, dass wir eines Tages eine Art Penicillin für Krebs erfinden werden …» Die Diagnose Krebs ist aber in westlichen Ländern längst kein automatisches Todesurteil mehr, macht der Autor klar. 

Absehbare Katastrophe 

Franco Cavalli schreibt als Arzt und angesehener Forscher über alle Facetten dieser Krankheit. Er schafft es, selbst hochkomplexe Forschungsrichtungen so auszudeutschen, dass der Laie die Ausführungen versteht. Doch Cavalli ist nicht nur Arzt, er ist auch nach seinem Rückzug aus Bundesbern Vollblutpolitiker geblieben. Und so ist seine Publikation auch gepfefferte Kritik an der Pharmaindustrie. Ganz besonders beschäftigt ihn die Zunahme der Krebserkrankungen in den Entwicklungsländern. «Eine Katastrophe kündigt sich an», lautet der Titel des entsprechenden Kapitels. Im Schatten der Aids-, aber auch der Malaria-, Tuberkulose- und anderer Debatten wird übersehen, dass «schon heute maligne Tumoren für mehr Todesfälle als Aids, Tuberkulose und Mala- ria zusammen verantwortlich (sind)», schreibt er. 2007 starben gemäss den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation WHO 7,9 Millionen Menschen an Krebs – 70 Prozent von ihnen lebten in Entwicklungsländern. 

Globalisierung als Grund 

Der Grund, war­um in Entwicklungsländern Tumorerkrankungen exponentiell zunehmen, sieht Cavalli darin, dass die Menschen dort einerseits an armutsbedingten Krebsarten leiden. Andererseits erkranken sie immer häufiger an den typischen Tumoren der Industriegesellschaft (s. auch Interview). Als Sozialdemokrat hat Cavalli eine Erklärung zur Hand: Die Globalisierung sei dran schuld, mit ihrem Transfer der Lebensstile von den entwickelten in unterentwickelte Länder. 

Insbesondere kritisiert Cavalli, dass zwei Drittel aller Krebsfälle in Drittweltländern vorkommen, für die Menschen in diesen Ländern aber weniger als fünf Prozent der weltweit verwendeten Krebsmedikamente zur Verfügung stehen. 

Diese sind für die Menschen in der dritten Welt unerschwinglich, sagt er, weil «… die Logik der Gewinnmaximierung, vor allem mittels Börsengewinnen, hat die multinationalen Pharmakonzerne dazu getrieben, einen so hohen Preis festzulegen …». 

Wo der Feind sitzt 

Für den Sozialdemokraten ist klar, wer der Feind ist und wo er hockt: Profitgierige Firmen und die Lobbys in den USA, die eine Hochpreispolitik für Medikamente durch ihre Patent- und Handelspolitik fördern. Cavalli fürchtet, dass wir den Kampf gegen Krebs wissenschaftlich gewinnen, ihn jedoch auf globaler Ebene verlieren. 

Wie dies verhindert werden könnte, schreibt er in seinem Buch – und verrät er an seiner Lesung. 

 

Krebs. Die grosse Herausforderung.
Franco Cavalli
Aus dem Italienischen von Barbara Sauser, mit einem Vorwort von Ruth Dreifuss. Rotpunktverlag Zürich 2012, 200 S., ca. Fr. 32.–

Christina Peege
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