Cary Fukunaga hat Charlotte Brontës «Jane Eyre» verfilmt. Er gab die Rolle Janes einer intensiv spielenden Mia Wasikowska und stellte ihr als Mr. Rochester Michael Fassbender zur Seite,der einen seiner stärksten Auftritte hinlegt.
Cary Fukunagas «Jane Eyre» beginnt unvermittelt mit einer jungen Frau, die im Morgengrauen tief verstört von einem dieser typisch englischen, hübsch-düster-adeligen Anwesen flieht, die gemeinhin gern Schauplatz tragischer Romanzen sind. Tragisches scheint sich tatsächlich denn auch ereignet zu haben, wandert besagtes Menschenkind nun doch stundenlang durch das moorige Hochland. Knorrig ragen vereinzelte Bäume in die Gegend. Der Himmel hängt tief. Ein Sturm zieht auf. Jane geistert durch Wind, Regen, Nacht. Bricht zusammen, wird schliesslich aufgelesen von einem Vikar und seinen Schwestern: Wer Charlotte Brontës Roman nicht kennt, darf vorerst mal ein wenig rätseln.
Alle andern dürfen sich ein wenig wundern, und das ist gut. Denn Fukunaga hat Brontës Gothic Novel auf 120 dichte Filmminuten gestrafft. Und er stellt keinen romantischen Tränendrüsendrücker vor, sondern erzählt die tragische Geschichte einer vom Schicksal ruppig behandelten Frau, die tapfer um ihre Integrität und persönliche Freiheit und somit auch um ihre gesellschaftliche Anerkennung kämpft.
Nach der an den Anfang gestellten Flucht Janes von Thornfield Hall bewegt Fukunagas Film, Vergangenes splitterweise neben Gegenwärtiges stellend, quasi doppelgleisig voran. So wird erzählt, wie Jane, die sich ihren Rettern gegenüber als Jane Elliott ausgibt, wieder zu Kräften kommt. Wie sie in die Familie Rivers hineinwächst, dank St. John (Jamie Bell) in einem Dorf eine Anstellung als Lehrerin findet. Und wie sie, die Verschupfte, Schweigsame, Verschlossene, aufblüht in dieser Stelle, in der sie das erste Mal ganz Herrin ihrer selber ist und über eine eigene Bleibe verfügt.
Es wird aber auch erzählt von Janes bitterer Kindheit, vom frühen Tod ihrer Eltern, von der Ablehnung durch ihre Verwandten, der strengen Erziehung im Heim, dem Verlust ihrer ersten Freundin. Und ja eben: wie sie als Gouvernante auf Thornfield Hall als 19-Jährige nicht nur eine Stellung fand, die ihrer Bildung und ihrem Können entsprach und ihr gefiel, sondern in dessen Besitzer, Mr. Rochester (Michael Fassbender), auch einen Seelenverwandten. Allen gesellschaftlichen Barrieren und Klassengrenzen zum Trotz kommen die beiden sich näher. Doch über Rochester liegt ein dämonischer Schatten, der sich regt, sobald den beiden das Glück wirklich näher zu lachen scheint.
Verhalten und intensiv
Tief eingebettet in die herb-wilde Moor- und Hügellandschaft von Derbyshire lässt Fukunaga «Jane Eyre» spielen und versetzt die stille Liebesgeschichte gekonnt mit Versatzstücken eines leise gruseligen Gothic-Thrillers. Jane wird wunderbar verhalten und intensiv gespielt von Mia Wasikowska, die, gerade mal 21-jährig, nach ihrem Auftritt in Tim Burtons «Alice in Wonderland» binnen Jahresfrist bereits zum zweiten Mal in einer grossen Rolle glänzt; dass sie einiges jünger ist als die meisten Jane-Darstellerinnen, verpasst dieser Adaption einen besonderen Reiz.
Gross ist aber auch Michael Fassbender, der nach seinem Superheldenauftritt in «X-Men: First Class» hier einmal mehr beweist, dass er ein stilles Feuer in sich trägt, das nie glühender zum Ausdruck kommt, als wenn seine Figur an innerer Zerrissenheit leidet wie Mr. Rochester; nicht schlecht gefällt auch Judi Dench als forsche Mrs. Fairfax. So ist, alles in allem, Fukunagas «Jane Eyre», notabene von Adriano Goldman ausnehmend schön fotografiert, ein wunderbar herb-poe-tischer, auch tief tragischer Liebesfilm und unzweifelhaft eine der besten Brontë-Verfilmungen.
Der Film läuft ab Donnerstag in den Kinos.
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