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Gesellschaft

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Lindau | 01.10.2011

Viel Arbeit, bevor es knallen kann

LINDAU. Sie kon­zen­trie­ren sich nicht nur aufs Schiessen: Die Vorderladerschützen Lind­au pflegen die alten Waffen und stellen die Munition selber her. Wer nicht basteln kann, ist in diesem Metier verloren.

  • Quelle:HEINZ DIENER

«Das Vorderladerschiessen mit Schweizer Schwarzpulver ist etwas anderes als das Schiessen mit modernen Waffen. Ich möchte es nicht missen und werde es erst als Letztes aufgeben», sagt Walter Stegmann. Der 78-Jährige weiss, wovon er spricht. Er gehört zu den Vereinsgründern. Seither ist er ohne Unterbruch Kassier und Aktuar. Wer glaubt, die Mitglieder würden sich auf die Schussabgabe beschränken, irrt gewaltig: Das Tun vor und nach dem Schiessen ist genauso wichtig.

Bleikugel und Hartweizengriess

Wie der Name schon sagt: Den alten Pistolen und Revolvern werden Ladung und Geschoss von vorne in den Lauf gefüllt. «Eine Wissenschaft für sich», gesteht Vereinspräsident Ruedi Hofmann. Beim Revolver kommt erst das genau abgewogene Schwarzpulver hinein, dann als Zwischenmittel Hartweizengriess und schliesslich die Bleikugel. Sie wird mit einem Spanner platziert. Etwas Fett dichtet die Ladung zum Schluss ab. Zuletzt wird das sogenannte «Zündhüetli» aufgesetzt. Die Waffe – bei der Pistole verhält es sich ähnlich – ist schussbereit. «Wir machen alles selber.» Dar­um sei das Vorderladerschiessen so faszinierend, schwärmt Ruedi Hofmann. «Wer nicht basteln kann, hat ein Problem», lacht er.

Der gelernte Werkzeugmechaniker verfügt über eine grosse Zahl nützlicher Utensilien. Aus Dachdeckerblei giesst er Kugeln und schleift diese in einer Eigenkonstruktion rund. «Das Schwarzpulver ist ein Schweizer Produkt und wird in Aubonne hergestellt.» Die Waffen müssen nach dem Schiessen von den Pulverrückständen befreit werden. Das versteht sich von selbst.

Nicht so laut wie vermutet

Die Vorderladerschützen gehören auch den Pistolenschützen Gemeinde Lind­au an. Deshalb benützen sie ebenfalls die Schiessanlage Lindengüetli. Diese weist zehn Scheiben mit einer Distanz von 50 Metern und fünf mit 25-Meter- Distanz auf. Am Stand und in der Schützenstube haben sämtliche Vereinsmitglieder schon ungezählte Frondienststunden geleistet.

Ruedi Hofmann zeigt die Kartonscheiben, die kürzlich auf die 25-Meter-Distanz als Ziel dienten. Zahlreich sind die grossen Löcher in der Scheibe. «Punkte gibt es nicht so viele, wie es scheint», erklärt der Vereinspräsident. «Im Gegensatz zu den anderen Schiessarten wird hier die Lochmitte gewertet und nicht einfach die höhere Punktzahl notiert.» Erstaunlich ist: Die Vorderladerwaffen, die hier zum Einsatz kommen, erzeugen nicht mehr Lärm als kleinkalibrige Pistolen. «Wir liegen in der Anflugschneise des Flughafens. Da spielen ein paar Dezibel mehr oder weniger ohnehin keine Rolle.»

13 Schüsse in 30 Minuten

Vor bald 20 Jahren wurde der Verein gegründet. Schon vorher hatten sich aber ein paar interessierte Schützen der Vorderladerwaffen angenommen: «Im Jahr 1990 nahmen wir frech an einem internationalen Vorderladerschiessen in Näfels teil», erinnern sich Roland Hofmann, Walter Melere und Walter Stegmann. Bei einem solchen Wettkampf müssen innerhalb von 30 Minuten 13 Schüsse abgegeben werden. Eine Herausforderung, wenn man die Zeit für das Laden bedenkt. Probeschüsse gibt es keine. Dafür werden die drei schlechtesten gestrichen. Den Lind­au­ern blieb der Erfolg nicht versagt. Diverse Auszeichnungen, die den Stand schmücken, beweisen es.

Nach etlichen Wettkämpfen drängte sich eine Vereinsgründung geradezu auf. Am 14. Februar 1993 war es so weit. Walter Lengacher wurde erster Präsident, Walter Stegmann Aktuar und Kassier, Walter Melere Schützenmeister. Als weitere Gründungsmitglieder waren Roland Hofmann und Stefan Laux dabei. Walter Stegmann erinnert sich: «Ich gehörte dem Vorstand der Pistolenschützen an und habe mit den Kameraden gesprochen. Wir waren als Untersektion willkommen.»

Das richtige Mass gefunden

Der junge Verein trainierte eifrig und besuchte nationale wie internationale Wettkämpfe. Dieser bedeutende Aufwand ist jedoch den einen und anderen zu viel geworden. «Der Verein hat einen Schritt zurückbuchstabiert. Sonst wäre er auseinandergefallen», sind Hofmann und Stegmann überzeugt. «Heute kon­zen­trie­ren wir uns auf eigene Termine. Wer will, kann auswärts an Qualifikationsschiessen und Wettkämpfe gehen. Wir berücksichtigen die auswärtigen Resultate in der Vereinsmeisterschaft.» Das richtige Mass finden ist nicht immer leicht. Es garantiert aber das Fortbestehen eines nicht alltäglichen Vereins, von denen es im Kanton Zürich nur noch fünf gibt.

Rudolf Fretz
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