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Gesellschaft

Winterthur Stadt | 26.07.2010

Vom schnellsten zum schwierigsten Weg

Hans Lerchmüller und Simon Oswald teilen die Leidenschaft fürs Bergsteigen. In ihrem Sport ist heute viel mehr möglich als früher.

  • Quelle:hd

Als Simon Oswald 1982 das Licht der Welt erblickte, da war Hans Lerchmüller schon mitten in seiner Amtszeit als Sektionspräsident des SAC Winterthur, hatte schon einige 4000er bezwungen und war ständig auf der Suche nach den ersten Sonnenstrahlen, der frischen Bergluft und den schönsten Gipfelerlebnissen. «Ich gehörte noch zur Generation, die z Berg ging», erzählt er. «Wir wollten draussen sein, morgens die ersten Vögel hören und staunen, wie die Berge in der Morgensonne Farbe annehmen. Dass die Familie dabei häufig zu kurz kam, das gebe ich heute offen zu.»

Mittlerweile ist der gelernte Maschineningenieur 80 Jahre alt und kann auf eine lange Karriere als passionierter Bergsteiger zurückblicken. Während Hans Lerchmüller die Zahl der bestiegenen 4000er auf ganze 33 steigern konnte, verschrieb sich auch der junge Simon Oswald im Teenageralter ganz dem Alpinismus. Als Lerchmüller 2001 schon als Seniorenpräsident des SAC Winterthur agierte, durchstieg Oswald im Alter von 19 Jahren die Eigernordwand. «Das war eines der Highlights schlechthin. Der Mythos dieser Wand, über die wir so viel gelesen und gehört hatten, das war schon eindrücklich», erinnert er sich.

Seit der Eigernordwand sind noch einige weiter grosse Wände, darunter auch Erstbesteigungen in Pakistan, hinzugekommen. Der Bauingenieur ist ein Allrounder. Gerade die Vielseitigkeit des Sports in den Bergen reizt ihn. «Alle vier Jahreszeiten bieten eine breite Palette an Möglichkeiten. Skitouren und Eisklettern in den Wintermonaten, im Sommer locken Hochtouren, Gipfel, Nordwände, Sportklettergärten und alpine Klettereien.» Hans Lerchmüller schmunzelt bei dieser Aufzählung. Mit der Entwicklung des technischen Materials sind Dinge möglich geworden, die früher nie zu Diskussion standen. «Meine erste Tour führte mich auf den Galenstock. Mein Freund und ich banden uns das Hanfseil um den Bauch und marschierten los. Das Ziel war der Gipfel, der einfachste Weg war der beste.»

Der Weg wird zum Ziel

Im Grundsatz hat sich der Inhalt des Rucksacks der beiden Alpinisten in den letzten 40 Jahren nicht gross verändert. Seil, Steigeisen, Pickel und Proviant braucht es seit eh und je. Doch aus dem störrischen Hanfseil ist ein geschmeidiges Nylonseil geworden. Pickel und Steigeisen wurden schnittiger und eignen sich heute auch für steilstes Gelände. Ein guter Helm hat die Wollkappe abgelöst und Softshell, Windstopper und Goretex halten den Bergsteiger möglichst warm und trocken.

«Hinzu kommt, dass Zwischensicherungen mit mobilen Sicherungsgeräten oder Bohrhaken im Fels respektive mit Eisschrauben im Eis und ein bequemer Hüftgurt heute zum Standard gehören», sagt der 28-jährige Oswald. Damit wurde auch der Weg zum Ziel. Der Gipfel ist nicht mehr das einzig Erstrebenswerte, man sucht die Herausforderung unterwegs. Nicht der einfachste Weg ist der beste, sondern der anspruchsvollste oder jener, der noch nie begangen wurde.

In diesem Zusammenhang bedauert Hans Lerchmüller, dass die sportliche Komponente so stark ins Zentrum gerückt ist. «Ich kann mir denken, dass dabei gar kein Platz mehr bleibt für die Auseinandersetzung mit der Natur. Man reist mit dem Auto an, die Zeit für Vorfreude fehlt und nach der Tour lädt man den Kameraden direkt vor der Haustüre wieder ab.»

Doch Oswald widerspricht dem Skeptiker: «Die Natur und das gemeinsame Erlebnis mit Freunden stehen heute ebenfalls noch im Zentrum.» Auch er würde zudem nie mit irgendjemandem auf eine Tour gehen, nur Freunde kommen als Seilpartner in Frage. «Und das kühle Bier nach einer Tour, das ist auch für uns noch das A und O.»

Die Alpen erleben zurzeit grosse Veränderungen: Immer mehr Leute tummeln sich auf den Bergwegen, der Standard moderner SAC-Hütten steht jenem eines Hotels in nichts nach. «Wir mussten unser Essen noch selber in die Hütten tragen, wenn ein Hüttenwart anwesend war, dann hat er die Beutelsuppen für uns gekocht», betont Hans Lerchmüller. «Meiner Meinung nach geht die Bergkultur aber nicht durch den Hüttenstandard verloren, sondern durch den Massentourismus.»

Plädoyer für die Wolldecke

Da stimmt auch Simon Oswald zu: «Zu viele Leute trampeln heute durch die Berge, die keine Ahnung haben.» Anders als Lerchmüller sieht er die Schuld aber auch bei den modernen Hütten. «Es ist eine reine Massenabfertigung. Gerade die Diskrepanz zwischen der kargen Hütte mit kratziger Wolldecke und dem Luxus des Daunenduvets zu Hause macht es aus!»

Für beide ist klar, dass der Klimawandel starken Einfluss auf den Alpinismus haben wird. «Ich befürchte, dass viele Routen ihre Schönheit verlieren oder zum Begehen zu gefährlich sein werden», betont Lerchmüller. So stark sich die technischen Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Routen auch verändert haben mögen – beide sind sich einig, dass Bergsport mehr als nur ein Hobby ist.

«Bergsteigen ist eine Lebenseinstellung», sagt Oswald. Und Lerchmüller ergänzt: «Den Bergsteiger erkennt man auch im Alltag. Wenn der erste Schritt hält, erst dann geht er weiter.» lMYLÈNE JACQUEMART

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