Winterthur/Berlin

«Eine Prostituierte ist spannender als das nette Mädchen von nebenan»

Die 30-jährige Winterthurerin Carol Schuler ist eine der aussichtsreichsten Schauspielerinnen der Schweiz, mit Rollen im «Tatort», im «Bestatter» und in der US-Serie «Homeland». Wir haben mit ihr über ihre Karriere, ihr Leben in Berlin und einen noch unverwirklichten Traum gesprochen.

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Woran arbeitest du gerade?
Carol Schuler: Ich stehe im Stück «Pfusch» des deutschen Regisseurs Herbert Fritsch auf der Volksbühne Berlin. Mit ihm habe ich auch schon drei Theaterstücke in Zürich gemacht.

Deine Filmkarriere ruht also?
Ich habe ein paar Drehbücher für Filme zu Hause, ein Schweizer und zwei deutsche. Vertraglich ist da aber noch nichts fix. Sicher werde ich bald mit Jürgen Vogel noch einen Abschluss für die ZDF-Serie «Blochin – Die Lebenden und die Toten» drehen.

Du bist heute eine der erfolgreichsten Schweizer Schauspielerinnen. Bekannt geworden bist du sehr jung mit dem Kurzfilm «Lieber Brad». Hat dir das für die Karriere etwas gebracht?
Das ist ewig her, damals war ich zwölf und ich erhielt für diese Rolle den Schweizer Filmpreis. Das bringt einem schon etwas. Ab diesem Moment wusste ich, dass es das ist, was ich machen will. Ich habe also mehr persönlich als karrieretechnisch davon profitiert. Und ja, die meisten mochten diesen Film gerne. Ich auch.

«Ich wollte immer ins Rampenlicht. Tatsächlich hatte ich sozusagen nie einen Plan B.»Carol Schuler, Schauspielerin und Sängerin

Wer dich etwas länger kennt, weiss von deinen allerersten Auftritten: im Corti-Kinder­ballett und in Schulmusicals im Rychenberg. Zog es dich von klein auf ins Rampenlicht?
Wenn du meine Eltern fragst, ja, dann hatte ich nie einen anderen Wunschberuf. Tatsächlich hatte ich sozusagen nie einen Plan B.

Du hast nie daran gezweifelt?
Klar, Dürrezeiten gehören dazu und die musst du durchstehen.

War die Zeit nach dem Abschluss der Schauspielschule in Berlin so eine Dürrezeit?
Nein. Bei mir lief es direkt nach dem Studium gut. Ich hatte damals ein Engagement in Hamburg und eines in Zürich, das war 2010 mit Martin Suter. Du musst immer dranbleiben und an deinen Zielen arbeiten. Heute kann ich so darüber sprechen, damals sah ich das weniger entspannt.

Du bist jetzt knapp zehn Jahre im Geschäft. Was war dein ­persönlicher Höhepunkt?
Theatermässig ist das die Volksbühne, wo ich gerade spiele. Das ist eines der besten Häuser in der Theaterwelt, ein tolles Theater mit einer langen, interessanten Geschichte. Auch ist es ein Traum, mit Herbert Fritsch zu arbeiten, sein körperlicher, sehr musischer Stil entspricht mir genau.

Aha. Und das heisst?
Er ist sehr unkonventionell. Für «Pfusch», das Stück, das wir gerade aufführen, gab es keine Vorlage und also keine Rollenverteilung, wir haben alles zusammen entwickelt. So bringt jeder viel mehr von sich ein. Auf der Probe musst du dich viel nackter machen, du bist viel ausgelieferter, musst die Angst überwinden, nichts Handfestes zu haben – und in sechs Wochen damit auf der Bühne zu stehen.

Und im Film war deine Nebenrolle in der US-Serie «Homeland» das höchste der Gefühle?
Ja. Es ist schon eine andere Liga und enorm spannend, an ein solches Set zu kommen – es ist krass, wie professionell die arbeiten. Jeder weiss genau, was er zu tun hat.

«Heute ist die Szene gut vernetzt. Ich kann ein E-Casting machen für Rollen in London oder Amerika.»

Wie hast du die Rolle gekriegt?
Ganz normal, mit einem E-Casting. Ich habe eine Szene zu Hause gefilmt und abgeschickt.

Ist es schwierig, als Schauspielerin in den USA Fuss zu fassen?
Es bringt sicher nichts, zu sagen, ich ziehe nach L.A. Das ist utopisch. Heute ist die Szene gut vernetzt. Ich kann ein E-Casting machen für Rollen in London oder Amerika.

Ist eine Nebenrolle in einer US-Serie eigentlich besser bezahlt als eine Rolle in einer deutschen Produktion oder genau umgekehrt schlechter, weil alle darin ein Sprungbrett sehen?
Es ist nicht so, dass man für eine begehrte Rolle weniger Geld erhält, man wird grundsätzlich nach Aufwand bezahlt, also nach Tagen. Und natürlich steigt die Gage mit dem Erfolg eines Schauspielers.

Du warst schon im «Tatort» und im «Bestatter» zu sehen. Hast du Pläne, hier anzuknüpfen?
Ich würde sehr gerne wieder mehr in der Schweiz und auf Schweizerdeutsch drehen. Für mich ist es perfekt, diese Abwechslung zu haben. Mein Traum ist, dass ich Theater und Filme in Deutschland und der Schweiz machen kann und dann auch noch Musik – eben alles unter einen Hut zu bringen.

Muss man in Deutschland ein lupenreines Hochdeutsch ­haben, um Rollen zu kriegen?
Ja, wenn jeder merkt, dass du Schweizerin bist, dann wirst du auch nur für solche Rollen besetzt, wo man das heraushören soll. Ich habe schon lange keinen Schweizer Akzent mehr. Die Leute wissen also nicht unbedingt, woher ich komme. Dass ich Schweizerin bin, war für mich also weder Hindernis noch Vorteil.

Musstest du dir den Akzent hart abtrainieren?
In der Schauspielschule in Berlin war Sprecherziehung ein Unterrichtsfach. Da wird jedem der Dialekt tatsächlich abtrainiert, aber auch den Deutschen. Es geht darum, Theaterdeutsch sprechen zu können.

«Ich mache Musik, weil es meine Leidenschaft ist und mich erfüllt.»

Finden die Rollen unterdessen auch dich, oder musst du alle Rollen noch selber suchen?
Es kommt zunehmend vor, dass ich direkt angefragt werde. Meistens sind das Regisseure, die mich kennen und vielleicht schon mal mit mir gearbeitet haben und mich für eine Rolle wollen.

Eine Paraderolle von dir ist die der Prostituierten. Muss man aufpassen, dass man nicht auf einen Typ festgeschrieben wird?
Ich kann froh sein, dass mir meistens die interessanten Rollen angeboten werden. Eine Prostituierte ist ja die spannendere Person als das nette Mädchen von nebenan. Jeder hat halt seinen Typ – und kriegt entsprechende Angebote. Aber klar, ich will nicht abgestempelt werden und zeigen, dass ich verschiedene Typen spielen kann.

Ab nächstem Sommer wirst du an der Schaubühne Berlin eine feste Stelle haben. Ist das für dich als Schauspielerin eher ­Befreiung oder Korsett?
Bisher habe ich mich immer gesträubt gegen einen festen Vertrag. Aber bei dieser Stelle stimmt so vieles: Sie ist in Berlin, ich werde mit einem vertrauten Regisseur arbeiten, den ich sehr mag, und an einem Ort, den ich sehr gerne habe. Auch kann ich nebenbei andere Sachen machen, selbst mit diesem Festvertrag.

Lebst du von deinem Beruf ­heute knapp oder fürstlich?
Ich kann von meinen Rollen leben, zwischendurch wars knapp, in den letzten Jahren gut.

Schlägt dir auch Neid entgegen?
Eigentlich nicht. Aber ich schaue auch, dass ich mich mit guten Leuten umgebe.

Was hältst du von all den Ex-Missen, die sich als Schauspielerinnen probieren wollen?
Ich weiss nicht, ob es reicht, einen Workshop bei Lee Strasberg zu machen, um Schauspielerin zu werden. Aber jeder soll machen, was er will.

Was ist dein Erfolgsrezept, was kannst du jungen Schauspiel­talenten auf den Weg geben?
Man baut seine Karriere auf, indem man Sachen macht, Rollen annimmt. Ein Schritt baut auf dem anderen auf, es gibt eine Kettenreaktion.

Du hast es vorhin erwähnt, du machst auch Musik. Ist das nun nur ein Hobby oder mehr?
Ich lebe zwar mehr von der Schauspielerei und ich habe auch nicht den Plan, mit Musik einen grossen Welterfolg zu haben. Aber nein, die Musik ist für mich nicht nur ein Hobby. In der Musik bin ich mein eigener Herr, singe meine eigenen Texte, mache weniger Kompromisse. Ich lasse mich nicht verdrehen, weil ein Produzent kommt und sagt, was ich anders machen soll. Ich mache Musik, weil es meine Leidenschaft ist und mich erfüllt.

Dir wird grosse Ähnlichkeit mit der verstorbenen Amy Winehouse nachgesagt. Letzten ­Sommer hast du ihren Song «Valerie» gecovert und online gestellt. Gab es Reaktionen?
Ja. Sehr viele und positive. Das Cover habe ich gemacht, um mich damit für ein Amy-Winehouse-Bio-Pic zu bewerben. Bis jetzt habe ich noch keine Antwort, der Film wurde aber auch noch nicht gedreht. Die Rolle wäre ein Traum.

Das Amy Winehouse-Cover von Carol Schuler. Quelle: vimeo.com

Wovon träumst du sonst noch?
Ich würde gerne einen Musikfilm drehen, zum Beispiel über Janis Joplin, mit ihr bin ich sozusagen aufgewachsen. Oder ein anderes meiner Idole zu verkörpern, das wäre schon mein Traum. Aber ich lasse alles auf mich zukommen.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.02.2017, 17:25 Uhr

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