Winterthur

Stadt lässt Notmieter frieren

An der Zypressenstrasse in Wülflingen vermietet die städtische Wohnhilfe 12 Wohnungen in Blöcken der Terresta AG. Einige davon sind nur mit Elektroöfen beheizbar und im Winter eisig kalt. Trotz Kritik der Mieter interveniert die Stadt nicht.

Mit mehreren Elektroöfen versuchen die Mieter an der Zypressenstrasse gegen die Kälte anzukämpfen.

Mit mehreren Elektroöfen versuchen die Mieter an der Zypressenstrasse gegen die Kälte anzukämpfen. Bild: Heinz Diener

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Die fünf grauen Blöcke stehen vis-a-vis dem Friedhof Wülflingen. Sie sind augenscheinlich alt und heruntergekommen. Das offene Treppenhaus ist von aussen mit dünnen Platten notdürftig abgeriegelt – eine permanente Notlösung, die nicht gegen die Kälte hilft.

Kalt ist es auch in den Wohnungen, 10 Grad Celsius zeigt das Thermometer an harten Wintertagen maximal an. Eine Zentralheizung fehlt. In den meisten der Wohnungen bleibt den Mietern nur, auf Elektroöfen zurückzugreifen. So auch Thomas A.*. 900 Franken zahlt er für seine 3½- Zimmer-Wohnung, drei Zimmer, eine winzige Küche, ein Bad.

Bis 300 Franken im Monat

«Warm wird es hier nie», sagt er. «Mehr als 18 Grad habe ich noch nie hingekriegt.» Denn spätestens, wenn er mehr als drei Elek­troöfen oder Heizlüfter anschliesst, haut es die Sicherung raus. Läuft der Kochherd in der Küche, dann noch früher. Die Matratze im Schlafzimmer ist daher unbenutzt, Thomas schläft auf einem Sofa im Wohnzimmer, ausgerüstet mit einer beheizten Decke, einem Luftbläser und zwei Elektroöfen. Das braucht Strom und geht ins Geld. 200 bis 300 Franken verheizt Thomas A. pro Monat. Er macht folgende Rechnung: «Zwei Zimmer kann ich im Winter nicht brauchen, das heisst, ich zahle eigentlich um die 1200 Franken für eine 1½-Zimmer-Wohnung.»

«Eigentlich zahle ich also um die 1200 Franken für eine 1½-Zimmer-Wohnung.»

Der 35-Jährige wohnt erst seit zweieinhalb Monaten hier. Nach der Trennung von seiner Frau brauchte er schnell eine neue Bleibe. Er wandte sich an die städtische Wohnhilfe, die Menschen, die auf dem freien Markt kein Mietobjekt finden, Wohnungen vermittelt. In den letzten Wochen hat er seine Vermieterin, die Stadt, mehrmals auf seine Wohnsituation aufmerksam gemacht. Passiert ist jedoch nichts.

«Stadt müsste nur anfragen»

Eigentümer der Liegenschaften ist Bruno Stefanini. Bei der zuständigen Firma Terresta Immobilien- und Verwaltungs AG ist man sich des heruntergekommenen Zustands der Liegenschaften an der Zypressenstrasse bewusst. «Für die Bewohner ist es ein Elend, das verstehen wir», sagt Geschäftsführer Markus Brunner. Bei dem Bau der Häuser sei an allen Ecken und Enden gespart worden, da Stefanini diese als Sozialwohnungen erstellt habe.

Aber: Eine Totalsanierung mache heute keinen Sinn mehr und gegen einen Abriss habe sich Stefanini immer vehement ausgesprochen, ihm dies sogar verboten solange er lebe, so Brunner. «Er wollte dort sozialen Wohnraum schaffen und möglichst günstige Wohnungen zur Verfügung stellen.» Solange sein Patron noch am Leben und die Nachfrage da sei, fühle er sich verpflichtet, dessen Willen nachzukommen und die Wohnungen weiterhin zu vermieten. «Das heisst aber nicht, dass wir gar keine Investitionen tätigen», sagt Brunner. Wenn es gewünscht werde oder die Wohnungsmieter wechseln, erhöhe man etwa die Leistung der elektrischen Sicherungen, damit diese nicht mehr so schnell herausfallen. Die meisten Wohnungen hätten noch eingebaute Ölöfen. «Einige Mieter wollten diese aber draussen haben, weil es ihnen zu sehr nach Öl roch.» Jederzeit baue die Terresta aber wieder Ölöfen ein, wenn dies gewünscht werde. «Die Stadt müsste uns nur fragen.»

Preis gerechtfertigt

Die städtische Wohnhilfe, die seit vier Jahren insgesamt 12 Wohnungen an der Zypressenstrasse weitervermietet, kennt die Wohnsituation der Mieter ebenfalls. Es handle sich um Übergangswohnungen, sagt Françoise Vogel, zuständige Leiterin Prävention und Suchthilfe. «Diese sind einfach und zweckmässig und daher eben auch billig.» Den Preis von 900 Franken findet sie gerechtfertigt. Es seien schon ein paar Rückmeldungen über die kalten Temperaturen eingegangen. Aber Thomas A. sei bis jetzt der Einzige, der mit dem Heizen nicht zurechtkomme.

Gegen die Ölöfen, die vor einiger Zeit altershalber hätten ersetzt werden müssen, habe man sich bewusst entschieden. «Die Unfallgefahr ist gross, da das Bedienen eines Ölofens für Leute, die es nicht gewohnt sind, schwierig ist», so Vogel. Auf den Einwand, dass man die Öfen auch einfach nicht benutzen könnte, geht sie nicht ein. Für Vogel ist klar: An den Wohnungen soll auch in Zukunft nichts geändert werden.

So schnell wie möglich raus

Thomas A. hat kurz nach seinem Einzug in die Zypressenstrasse mit der Wohnungssuche begonnen. «Ich will hier so schnell wie möglich wieder raus.» Mit Lebensqualität habe dies nicht mehr viel zu tun. In den besonders kalten Nächten der letzten Wochen habe er manchmal sogar mitten in der Nacht ein Taxi bestellt, um mit seinem zweijährigen Sohn bei der Frau zu übernachten. Er hatte Angst, dass dieser krank werden könnte. Vor kurzem ist er nun fündig geworden; er zieht Ende Februar in eine Wohngenossenschaft um.

*Name geändert (landbote.ch)

Erstellt: 16.02.2017, 22:24 Uhr

Mietrecht

«Heutzutage geht man davon aus, dass die Raumtemperatur tagsüber 20 bis 21 Grad, in den Nasszellen sogar 22 Grad betragen muss», sagt Katharina Gander, Geschäftsstellenleiterin des Mieterverbands Winterthur und AL-Gemeinderätin. Liegt sie längere Zeit unter diesem Wert, weist die Wohnung einen Mangel auf und der betroffene Mieter hat Anspruch auf eine Mietzinsreduktion. Wie viel diese ausmacht, ist Ermessenssache. Bei Temperaturen zwischen 16 und 18 Grad dürften 20 Prozent des Nettomietzinses angemessen sein. «Damit steigt zwar die Lebensqualität nicht, aber wenigstens ist so ein Teil der Stromrechnung bezahlt», sagt Gander. Die Wohnungen an der Zypressenstrasse seien kein Einzelfall, in den kalten Monaten melden sich beim Mieterverband immer wieder Mieter, die in ihrer Wohnung frieren.

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