Zell

Tüftler, Patron, Frohnatur

Jacques Kuhn entwickelte den modernen Dampfkochtopf und gründete mit seinem Bruder das Tibet-Institut in Rikon. Ende Dezember ist er 97-Jährig gestorben.

Jacques Kuhn, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2011 in Rikon.

Jacques Kuhn, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2011 in Rikon. Bild: Urs Jaudas

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Bis zuletzt blieb Jacques Kuhn Optimist. Als er schon über 90 Jahre alt war, pflanzte er in seinem Garten Spargeln an, obwohl er wusste, dass man diese erst nach etwa drei Jahren ernten kann. Im Alter von 93 Jahren publizierte er zusammen mit ­seiner Frau Roswitha den ersten Tösstal-Krimi. Fünf Bände ­wollten die beiden schreiben. Drei Bücher sind es bisher schliesslich geworden.Weit über das Tösstal hinaus hinterlässt er vieles, das lange ­Bestand haben wird. Als Patron leitete er während mehrerer Jahrzehnte den Familienbetrieb Kuhn Rikon, der heute weltweit tätig ist und über 200 Mitarbeitende beschäftigt. Ein grosser Coup gelang Jacques Kuhn, als er 1949 den modernen Dampfkochtopf Duromatic entwickelte und damit nicht nur in der Schweiz unzählige Küchen revolutio­nierte. Es gab hierzulande rasch kaum einen Haushalt mehr ­ohne eine seiner Pfannen.

Mit seinem Bruder gründete er zudem das Tibet-Institut, das 1968 eingeweiht wurde und bis heute ein unverzichtbarer Teil des religiösen Lebens vieler ­Tibeter ist. Der Dalai Lama ist regel­mässiger Gast und besuchte dabei oft auch die Kuhns.

Geboren in Frankreich

Aufgewachsen war Jacques Kuhn im Tösstal. Geboren wurden er und sein Bruder Henri aber im ­Elsass, das damals zu Frankreich gehörte. Die Familie kehrte erst in die Schweiz zurück, als sein ­Vater Heinrich Kuhn 1926 in ­Rikon die ehemalige Kupfer- und Stahlpfannenmanufaktur Kindlimann, im Volksmund die «Pfanni», kaufen konnte. Der Start glückte, die Firma florierte.

Bis Heinrich Kuhn 1932 nach einer Operation unerwartet starb. «Diese Zeit war ein schlimmer Bruch in unserem Leben, vor allem für Henri», sagte Jacques Kuhn dazu im Buch von Susanna Schwager «Das volle Leben». Denn sein Bruder Henri musste fortan die Verantwortung für die Firma tragen, obwohl er ganz andere Pläne gehabt hatte.

Jacques Kuhn konnte hingegen seine Ausbildung beenden. Er studierte am Polytechnikum in Zürich und reiste nach Amerika, wo er Fabriken besuchte, um sich weiterzubilden. Dieses Wissen nutzte er, als er nach Rikon zurückkehrte, und führte als Erstes die Fliessbandfertigung ein. Die Mitarbeiter seien damals stolz gewesen, so modern arbeiten zu können, heisst es im Buch weiter.

Glücksfall Tibet

Jacques Kuhn kümmerte sich in der Firma nach seiner Rückkehr um technische Bereiche, sein Bruder Henri um Vertrieb und Marketing. Bis es zu einer weiteren Zäsur kam: Henri starb mit 55 Jahren unerwartet. Nun war es Jacques Kuhn, der übernehmen musste. Bis zu seiner Pensionierung mit 65 führte er den Betrieb streng, immer aber mit einer grossen sozialen Verantwortung. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Angestellten aus Tibet.

Als Glücksfall für die Firma ­erwies sich ein Bundesratsbeschluss von 1963. Die Schweiz gewährte 1000 Tibetern Asyl. Die Brüder Henri und Jacques Kuhn stellten einigen von ihnen Unterkünfte zur Verfügung, die sie für neue Angestellte gebaut hatten. Die Ankunft der ersten Flücht­lin­ge wurde so sorgfältig vorbereitet, dass die Familien im Tösstal mit Blumen empfangen wurden. Der Firma kam die Zuwanderung gelegen. Sie kämpfte mit Personalmangel und konnte dadurch neue Arbeitskräfte einstellen.

Gründung des Instituts

Nach zunehmenden Problemen in der Tibetergemeinschaft erinnerte sich die Familie Kuhn an eine Idee eines Experten: Um die Flüchtlinge geistig und religiös bes­ser unterstützen zu können, sollte ein Kloster errichtet werden. 1967 gründeten die Brüder Henri und Jacques Kuhn die Stiftung Tibet-Institut. Sie gewährten ihr ein Kapital von 100 000 Franken und das nötige Bauland, wie es in einer Jubiläumsschrift heisst. Es war der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. 2014 äusserte sich der Dalai Lama dazu: Das Tibet-Institut habe für das Verständnis der tibetischen Kultur über viele Jahre einen wertvollen Beitrag geleistet, sagte er. Er sei den Gründern dafür dankbar. Für Jacques Kuhn war das Institut eine Herzenssache.

1967 gründeten die Brüder Henri und Jacques Kuhn die Stiftung Tibet-Institut. Sie gewährten ihr ein Kapital von 100 000 Franken und das nötige Bauland für das Kloster in Rikon.

Vielleicht war es deshalb kein ­Zufall, dass er ausgerechnet dort seine Frau Roswitha Kuhn kennen lernte, als sich diese als Bibliothekarin beworben hatte. Die beiden heirateten 2007, als Jacques Kuhn 88 Jahre alt war. Beide liebten es, intensiv und kontrovers miteinander zu diskutieren. Insbesondere auch über die Krimis, die sie schrieben. «Das konnte hoch zu- und hergehen», sagt Roswitha Kuhn. An den Lesungen sah man sie oft miteinander lachen. Jacques Kuhn war gerne unter Leuten und bezeichnete sich selber als Vereinsmeier. Er war langjäh­riger Präsident des Schützen­ver­eins und Jäger. Noch im hohen Alter war Jacques sehr präsent. «Voller Leben», sagt Roswitha Kuhn. Ihm seien nicht nur grosse Dinge wichtig gewesen, sondern auch Kleinigkeiten. «Mein Mann war neugierig auf alles», sagt sie.

Auch im Haushalt beschäftigte sich der Tüftler mit vielen Details. Er wollte alles verbessern, bis es reibungslos funktionierte, so wie die von ihm entwickelten Pfannen. «Ich habe von ihm gelernt, was Funktionalität bedeutet», sagt Roswitha Kuhn und ­lächelt. In seinen letzten Tagen hätten sie viel Zeit gehabt, um miteinander zu reden, sagt Roswitha Kuhn. Unter anderem habe er sie typischerweise darum gebeten, eine im Januar geplante Lesung ja nicht ausfallen zu lassen. Auch den vierten Tösstal-Krimi, den sie bereits entworfen hätten, solle sie beenden, was ihr allerdings schwerfallen werde. «Gemeinsam hat es so viel Spass gemacht.»

Am 30. Dezember ist Jacques Kuhn nach kurzem Spitalaufenthalt mit 97 Jahren gestorben.

(Der Landbote)

Erstellt: 05.01.2017, 20:10 Uhr

«Ich bin ihm sehr, sehr dankbar»

Weggefährten von Jacques Kuhn verneigen sich vor seiner Person und seinem Lebenswerk.

Jacques Kuhn hat in den Herzen vieler Spuren hinterlassen. Sein Tod lässt sie traurig zurück. So auch Pasang Pagpa. Er gehörte 1964 zu jenen zwei Dutzend tibe­tischen Flüchtlingen, welche Jacques Kuhn und sein Bruder in Rikon untergebracht und in ihrer Metallwarenfabrik, dem späteren Kochgeschirrhersteller Kuhn Rikon, angestellt hatten. «Ich kann mich noch gut an die damalige Zeit erinnern», sagt Pagpa. «Herr Jacques Kuhn hatte uns sehr herzlich in Empfang genommen.»
Seine warmherzige, freundliche Art sei geblieben. Auch als er sein Vorgesetzter war. «39 Jahre habe ich bei Kuhn Rikon gearbeitet», erzählt Pagpa. «Herrn Kuhn habe ich immer als sehr netten und fairen Chef erlebt.» Wenn er zurückblicke, so empfinde er vor allem eines: «Dankbarkeit. Ich bin ihm für alles sehr, sehr dankbar.»

«Wegbereiter für die Tibeter»

Für den ebenfalls in Rikon lebenden Tibeter Lhakpa Tsering Dhakyel, Sektionsleiter der Tibetergemeinschaft Schweiz und Liechtenstein, war Jacques Kuhn schlicht der «Wegbereiter für die Tibeter in der Schweiz».
Er habe Kuhn als sehr grosszügigen und netten Menschen kennen gelernt. «Umso mehr bedaure ich es, dass Herr Kuhn das 50-Jahr-Jubiläum des tibetischen Klosters in Rikon, das er selber mitbegründet hat, im kommenden Jahr nicht mehr miterleben kann», sagt Dhakyel.

«Bedeutender Industrieller»

Der Winterthurer Nobelpreisträger Richard Ernst bezeichnet Jacques Kuhn als einen «bedeutenden Industriellen» und einen «grossen Freund der Tibeter». Es sei das besondere Verdienst von Kuhn, dass sich viele Tibeter in der Schweiz bald heimisch fühlen konnten. «Persönlich habe ich seine angenehme und ruhige Art sehr geschätzt», sagt Ernst. Kennen gelernt hatte er Kuhn, als dieser noch Präsident der Stiftung Tibet-Institut Rikon war. Heute ist Ernst selber Mitglied des Stiftungsrates.
«Grossartige Persönlichkeit»
Der Zürcher Regierungsrat Mario Fehr (SP) setzt sich schon seit Jahrzehnten für die Anliegen der Tibeter ein. Den Tod von Jacques Kuhn erlebt er vor allem auch deshalb als sehr schmerzlich, weil sich Kuhn «vor allen anderen dafür einsetzte, das Tibeterfamilien in der Schweiz eine neue Heimat finden konnten». Er habe ­ihnen Wohnungen und Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt. «Was für ein grossartiges Engagement und was für eine grossartige Persönlichkeit!» Er habe Kuhn oft in seinem Leben getroffen und ihn dabei immer als herz­liche und hilfsbereite Person erlebt, sagt Fehr.

Rikon dank Kuhn weltbekannt

Gut gekannt hat Kuhn auch Martin Lüdin, Gemeindepräsident in Zell, zu der auch die Ortschaft ­Rikon gehört. «Ich habe Jacques Kuhn als beeindruckende Persönlichkeit erlebt. Er hatte es ­geschafft, mit seiner Firma Kuhn Rikon den Namen Rikon in die ganze Welt hinauszutragen.»

Thomas Münzel

Kuhn Rikon bleibt ein Familienbetrieb

«Er war ein grosses Vorbild für die Familie»

Die Firma Kuhn Rikon ist weiterhin im Familienbesitz. 2012 übernahm die vierte Generation die Verantwortung. Jacques Kuhns Grossnichte Dorothee Auwärter ist seit 2014 Präsidentin des Verwaltungsrats. Ihr Grossonkel sei für die ganze Familie ein grosses Vorbild gewesen, sagt sie. Sie sei dankbar dafür, dass er so alt werden konnte und bis zuletzt geistig fit geblieben sei. So habe er noch im vergangenen Herbst am 90-Jahr-Firmenjubiläum eine eindrückliche Rede gehalten. Eine seiner grossen Stärken sei seine Begeisterungsfähigkeit gewesen. «Er hat zum Beispiel im hohen Alter begonnen, Weihnachtsguetsli zu backen, und uns mit seiner Freude darüber angesteckt.» Auch lange nach seiner Pensionierung habe er mitverfolgt, wie es in der Fabrik läuft. Von seinem einfachen Wohnhaus aus habe er gehört, ob und in welchem Takt die Pressen arbeiteten.

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