Wochengespräch

«Eine Moderatorin darf auch eine Haltung haben»

Seit 25 Jahren moderiert Katja Stauber die «Tagesschau». Im Gespräch erzählt sie, wie die ­Themen ausgewählt werden – und was sie von Donald Trump hält.

Katja Stauber im Regieraum des «Tagesschau»-Studios in Zürich. Bild: Sabine Rock

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Es ist drei Uhr nachmittags. Sind die Themen für die «Tagesschau» von heute Abend schon gesetzt?
Katja Stauber: Ein, zwei Themen von gestern sind auch heute wieder gesetzt. Ansonsten planen wir die Sendung fortlaufend und noch bis kurz vor der Ausstrahlung. Der Tag ist noch jung – schauen wir, was er noch alles bringt.

Nach welchen Kriterien wird ein Ereignis des Tages zum «Tagesschau»-Thema?
Vor allem anderen Relevanz, Inter­esse und beim Fernsehen als Bildmedium die Verfügbarkeit von gutem Bildmaterial. Eine Geschichte kann noch so gut sein, ohne entsprechende Bilder können wir sie nur bedingt gut erzählen. Manchmal haben wir das Problem, dass es nur ein, zwei Bilder zu einem an sich wichtigen Ereignis gibt. Dann muss man halt auch mal ins Archiv steigen.

Und wie sieht es mit der Gewichtung zwischen in- und ausländischen Themen aus? Gibt es da Richtlinien?
Das Inland hat sicher Priorität – die Themen müssen aber immer relevant sein für die Schweiz, wie dies etwa bei Abstimmungen der Fall ist. Momentan mit Trump ist das – (holt Luft), naja, eher schwierig. In all den Jahren, in denen ich nun bei der «Tagesschau» arbeite, habe ich noch nie einen amerikanischen Präsidenten erlebt, der so viel Platz eingenommen hat wie Trump derzeit. Wir sind dann aber auch wieder froh um Tage, an denen Inlandthemen angesagt sind.

«Ich wäre sehr für mehr Hintergrundgeschichten aus Afrika.»

Trump ist auf allen Kanälen.Von anderen Themen hingegen hört man allgemein nur selten. So stehen Konflikte in Afrika kaum im Zentrum der Berichterstattung. Wie finden Sie das?
Ich wäre sehr für mehr Hintergrundgeschichten aus Afrika. Aber Afrika ist in der Wahrnehmung vieler Zuschauer halt sehr weit weg. Relevant wird der Kontinent für viele erst in Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik. Aber immerhin: Bei der nächsten Ausgabe des Auslandmagazins «#SRFglobal» geht es um Afrika. Um Erfolgsgeschichten. Die eben auch Afrika zu bieten hat.

Sie moderierten am Tag nach Donald Trumps Wahlsieg die «Tagesschau». Kritische Stimmen fanden, Sie hätten Ihre Fassungslosigkeit zum Wahlergebnis zu klar gezeigt und seien dadurch nicht neutral gewesen – wie es eigentlich zur «Tagesschau» gehöre. Würden Sie es im Nachhinein anders machen?
Nein. Die Berichterstattung muss zwar neutral sein. Aber ich denke, eine Moderatorin darf auch eine Haltung haben. Es hat wohl noch nie einen amerikanischen Prä­sidenten wie Trump gegeben – einen, der nachgewiesen sehr häufig lügt; der Mühe damit hat, sich von Rassisten zu distan­zieren, und der sich in zutiefst verachtenswerter Weise über Frauen geäussert hat.

Der verstorbene Publizistikprofessor Kurt Imhof hat die Vermischung von sogenannten Soft- und Hardnews, also eher boulevardesken im Gegensatz zu politischen und wirtschaftlichen Themen, kritisiert und von einer gefälligen «Tagesschau» gesprochen. Was sagen Sie dazu?
Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass eine «Tagesschau» nur Hardnews zu bringen hätte. Die Welt ist nicht nur schwarz und dunkelgrau. Die «Tagesschau» soll eine Übersicht der verschiedenen Ereignisse des Tages – und damit auch das Bunte der Welt – zeigen. Auch leichterer Stoff kann gesellschaftlich relevant sein. Zudem arbeiten wir völlig unabhängig von der Politik und anderen Interessengruppen. Das hat mit Gefälligkeitsjournalismus nichts zu tun.

«Die Welt ist nicht nur schwarz und dunkelgrau.»

Hängt der angesprochene Themen­mix auch mit dem Internet zusammen, dank dem die Zuschauer über die Ereignisse an sich schon informiert sind – und die «Tagesschau» für zusätzliche Informationen sorgen muss?
Ich denke, es ist nicht nur eine Reaktion auf das Internet, sondern es zeigt, dass die Zeiten sich geändert haben. Wir haben einen vielfältigeren Blick auf die Welt als früher. Das Internet können wir aber kaum konkurrenzieren. Kein Mensch weiss, wie sich die «Tagesschau» in den nächsten 10, 15 Jahren entwickeln wird – ja, ob es sie in dieser Form dann noch gibt.

Sie arbeiten nun schon 25 Jahre bei der «Tagesschau». Was hat sich an der Arbeit generell geändert?
Es ist alles viel komplexer geworden. Zu einem Thema bekommen wir oft eine gigantische Menge an Bildmaterial, dieses laufend auszuwerten. gibt viel zu tun. Wir müssen zudem viel schneller rea­gie­ren als früher. Da konnte man mit einem Thema manchmal auch noch zuwarten, weil die Zeitungen auch nicht schneller waren. Heute mit dem Internet geht das nicht mehr.

Wie erleben Sie den Kontrast der Themen, wenn Sie zum Beispiel nach einem fröhlichen Sportereignis über ein Attentat mit vielen Toten berichten müssen?
Meist kommen die Hardnews vor dem Sport, auf die Dramaturgie wird geachtet. Ich habe mich an diese Vielfältigkeit gewöhnt – denn so ist die Welt, in all ihren Facetten. An die schlimmen Ereignisse an und für sich gewöhnt man sich hingegen nicht.

Können Sie, wenn Sie über besonders schlimme Nachrichten berichten, nach der Arbeit abschalten, oder diskutieren Sie zu Hause weiter mit Ihrem Mann, der ebenfalls als Nachrichtenmoderator arbeitet?
Wir hören ja nicht auf, nachzudenken, wenn das Studiolicht ausgeht. Aber es gibt auch noch ein Privatleben mit anderen Gesprächsthemen.

Wird dieses normale Alltags­leben von Ihrer Bekanntheit beein­flusst – werden Sie zum Beispiel häufig auf der Strasse angesprochen?
Das kommt vor. Oft schauen mich die Leute auch nur an. Aber das gehört nun mal zu meinem Beruf. Ich habe mich daran gewöhnt, und beeinträchtigen lasse ich mich deswegen nicht. So gehe ich in meinem Wohnort am rechten Zürichseeufer auch mal ungeschminkt einkaufen. Dort kennt mich sowieso jeder.

«Eine Homestory habe ich nur ein einziges Mal gemacht – vor etwa 15 Jahren.»

Auch sonst kennt Sie jeder – bedingt durch die Arbeit beim Bildmedium. Sie geben Interviews – und dabei auch Privates preis. Stört es Sie nicht, dass dadurch die breite Öffentlichkeit etwa um Ihr neues Hüftgelenk weiss?
Eine Homestory habe ich nur ein einziges Mal vor etwa 15 Jahren gemacht, und seitdem nicht mehr. Die Hüftoperation mussten wir kommunizieren, da ich deswegen zwei Monate ausgefallen war und ersetzt werden musste. Eine Hüftoperation ist aber auch nichts Ehrenrühriges.

Sie haben einige Jahre Ihrer Kindheit in Namibia verbracht. Liegen da die Wurzeln Ihres Interesses für das Weltgeschehen?
Meine Neugier auf Fremdes könnte schon daher rühren. Ur­sprüng­lich komme ich aus einem kleinen Nest in Norddeutschland – wäre ich dort geblieben, hätte mich das bestimmt anders geprägt als die Erfahrungen in einem anderen Kulturkreis.

War es nie ein Thema, das Inter­esse an fremden Kulturen mit der Arbeit zu verbinden –als Korrespondentin?
Nein, es war durch meine familiäre Situation auch nicht möglich. Ich habe lange Jahre meine Söhne aufgezogen. Die Familie ist mir sehr wichtig. Aber diesen Drang wegzugehen habe ich gar nie so stark verspürt. Hier in der Schweiz gefällt es mir am besten. In meiner Wohngemeinde am rechten Zürichseeufer bin ich sehr verwurzelt. Ich sehe keinen Grund, weshalb ich woanders leben sollte.

(landbote.ch)

Erstellt: 12.03.2017, 14:41 Uhr

Zur Person

Katja Stauber kam 1962 in Norddeutschland zur Welt, wuchs aber bis zu ihrem siebten Lebensjahr in Namibia auf. Danach zog ihre Mutter mit ihr in die Schweiz. 1984 begann Katja Stauber ihre journalistische Karriere als Moderatorin bei Radio 24; später arbeitete sie beim Fernsehsender European Business Channel und bei Radio Z. Seit 1992 ist sie als Moderatorin der «Tagesschau» beim Schweizer Fernsehen tätig. Stauber ist in zweiter Ehe mit Moderationskollege Florian Inhauser verheiratet. Ihre beiden Söhne (19 und 21) stammen aus erster Ehe. Sie lebt im Bezirk Meilen.

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