Er wünschte sich einen Blick in den Sarg

DÜRRENÄSCH. Der Zürcher Maurice Maggi war acht Jahre alt, als sein Vater beim Flugzeugabsturz in Dürrenäsch ums Leben kam. Maggi verlor an diesem Tag seinen Verbündeten und zweifelte lange daran, dass dieser wirklich gestorben war. Ihm fehlte der Beweis.

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Als sich auf der Fahrt nach Dürrenäsch der Hallwilersee am Horizont zeigt, muss Maurice Maggi an jenen Mittwoch vor 50 Jahren denken. Damals sollen die Piloten der Swissair-Maschine 306 versucht haben, auf dem See notzuwassern – vergeblich. Nur wenige Sekunden später donnerte das Flugzeug bei Dürrenäsch im Aargauer Seetal in einen Acker und explodierte. Alle Reisenden starben. So berichteten es die Zeitungen.  Anders als heute war es neblig am Unglückstag, zumindest am Morgen. «Am Nachmittag schien die Sonne», sagt Maggi und schaut zum Autofenster hinaus. Die Nachricht vom Tod seines Vaters überbrachte ihm der älteste Bruder. Dieser passte ihn nach der Schule beim Hauseingang ab. Sie fuhren zusammen im Lift hoch zur Wohnung und sein Bruder sagte: «Vater ist heute Morgen abgestürzt.»  Ein Name am Schluss der Liste An der Absturzstelle in Dürrenäsch steht seit 1965 ein Denkmal, das heute von Eichen umrahmt ist. Die Anlage ist sauber, der Rasen kurz geschnitten. Dahinter erstreckt sich ein Weizenfeld, das in eine sanfte Hügellandschaft übergeht. Maggi hat den Ort erst zwei-, dreimal besucht. Ruhig betrachtet er den Gedenkstein, überfliegt die Namen der Opfer, die in Kategorien unterteilt aufgelistet sind. «Die Hierarchie ist klar», sagt er. Zuoberst sind die Toten aus Humlikon, gefolgt von «Gästen aus dem Ausland», «Übrige Schweiz» und am Schluss «Angestellte der Swissair».  Sein Vater gehört zur letzten Gruppe. Er war eine Art Marketingbeauftragter der Swissair. Seine Aufgabe war es, alle Kardinäle der katholischen Kirche dazu zu bringen, mit der Swissair ans Zweite Vatikanische Konzil zu fliegen. Deshalb lebte Maggi mit seiner Familie einige Zeit in Rom. Sein Vater war für ihn wie ein Verbündeter in der Grossfamilie, die aus sechs Geschwistern und den Eltern bestand. Maggis jüngster Bruder kam erst kurz nach dem Tod des Vaters auf die Welt, als die Familie wieder in Kloten wohnte. Bitte, die kein Gehör fand Maggi sah die Unglücksstelle zum ersten Mal an der Beerdigung, einige Tage nach dem Absturz. Die Luft roch nach Kerosin und dort, wo heute Weizen wächst, klaffte ein Loch. Die Erde war aufgewühlt. Vier Särge standen nebeneinander, umringt von Menschen mit dunklen Regenschirmen. Maggi war acht Jahre alt. Er hatte sich vorgenommen, in einen der Särge zu schauen.  Dieser Wunsch war in ihm gewachsen, nachdem seine Mitschüler auf dem Pausenhof einen Zeitungsartikel herumgereicht hatten. Darin stand, die Toten seien durch den Absturz so zerstückelt worden, dass ihre Überreste in nur wenigen Särgen Platz finden würden. Maggi stellte sich vor, wie diese Leichenteile im Sarg liegen, und er wollte sie sehen. Das hätte ihm Gewissheit geben, dass sein Vater wirklich tot war. Er brauchte diesen Beweis.  Doch als er vor den Särgen stand, wurde ihm die Bitte nicht gewährt. Allein der Gesichtsausdruck jener Person, die er fragte, verriet ihm, dass er um etwas Unmögliches bat. Um etwas, das man nicht machte. Dass ihm dieser Einblick verwehrt blieb, verstärkte seine Zweifel am Tod des Vaters. Maurice Maggi erinnert sich gut: «Ich malte mir aus, Vater sässe im Gefängnis und käme irgendwann wieder heim.» Diese Vorstellung war sein Geheimnis. Mit der Zeit wurde sie zu einer Last, die immer schwerer wog. Er fühlte sich hin und her gerissen, ob er seiner eigenen Vorstellung trauen oder seinem Umfeld glauben sollte. Auch die wenigen Fundstücke aus Vaters Reisetasche sprachen gegen Maggi. Sie lagen in einem Koffer im Estrich. Wenn er seinen Vater vermisste und sich in der Grossfamilie einsam fühlte, holte er den Koffer hervor, betrachtete den Reisepass und schnupperte daran. Das Dokument roch nach Kerosin.  Rohe Muscheln mit Zitrone Die Vorstellung, dass der Vater im Gefängnis ist, verblasste im Lauf der Jahre. Inzwischen hatte Maggi eine Lehre als Landschaftsgärtner abgeschlossen, ar­bei­te­te als Koch und sollte bald als bekannter Guerillagärtner von Vortrag zu Vortrag reisen. Über sein Geheimnis hatte er nie gesprochen, bis er dieses an einem Familientreffen beiläufig seinen Geschwistern erzählte. Er stellte erstaunt fest, dass die jüngeren zwei auch lange am Tod des Vaters gezweifelt hatten. Ein Bruder dachte sogar ebenfalls, dass dieser im Gefängnis sass und bald wieder zurückkäme. Heute sagt Maggi: «Da wurde mir klar, dass damals in der Art und Weise etwas falsch gelaufen sein muss, wie man das Unglück mit uns besprochen hat.» Bevor Maggi sich vom Denkmal abwendet, macht er ein Foto. Es sei schön, wieder einmal hier zu sein, der Besuch wecke Erinnerungen – auch daran, wie nahe ihm der Vater gestanden hatte. Gezeigt hat sich das in Alltäglichkeiten. Er besuchte mit dem Vater gerne den üppigen Markt in Rom. Und wenn die Familie einen Ausflug ans Meer machte, assen alle am Strand eine Glace. Nur Maurice Maggi und sein Vater schlürften rohe Muscheln mit Zitrone.

(Erstellt: 02.09.2013, 00:00 Uhr)

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