Journalist im weinenden Dorf

Die halbe Welt berichtete über den Flugzeugabsturz von Dürrenäsch. Arthur Honegger, damals Journalist beim «Blick», schrieb über Humlikon und die Geschichten der Hinterbliebenen. Viele kannte er persönlich.

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Zuerst erschrak man auf der Redaktion des «Blicks» über die Nachricht des Flugzeugabsturzes. Doch man sah auch ganz einfach die «Story». «Das muss ich schon zugeben», sagt Arthur Honegger. Er sitzt an seinem Küchentisch in Krummenau im Toggenburg und erinnert sich: Er war damals 38 Jahre alt und seit 1962 Redaktor bei der Boulevardzeitung. Eine Arbeit, die er ernst nahm. «Wir wollten rassig und gut berichten – und keine langatmigen Leitartikel auf Seite eins abdrucken.» Journalist zu sein, war Arthur Honeggers Traumjob. Als Verdingkind hatte er einen schweren Start ins Leben, doch er schaffte es.  Schnell erfuhren die Journalisten am 4. September 1963, dass 43 der 80 Todesopfer aus Humlikon kamen. Der «Nachtmüller» – so nannten sie den Redaktor des «Blicks», der nachts Dienst hatte – wollte sich in Humlikon ein Bild machen. Er kam aber ohne News zurück. Das erstaunte Arthur Honegger und er wandte sich an den damaligen Chefredaktor Werner Schollenberger. «Ich sagte ihm, dass ich die Leute in Humlikon gut kenne. Ich ar­bei­te­te in den Fünfzigerjahren schliesslich als Melker im Nachbardorf.» «Nichts wie los», sagte der Chef und schon war der Reporter mit dem Fotografen Sigi Maurer unterwegs.  Die Skrupellosigkeit der Journalisten  Was Arthur Honegger vorfand, war «wahnsinnig». Die Kantonspolizei riegelte das ganze Dorf ab. Denn am Tag des Unglücks strömten die Journalisten von überall herbei, aus Amerika, Frankreich, England. Sie waren nach Humlikon gereist, um die Trauer für ihre Zeitung einzufangen. Einige drangen schamlos in die Häuser ein und fotografierten weinende Kinder in ihren Betten. Am Tag danach durften sie die Abschrankung nicht mehr übertreten. Arthur Honegger fand dennoch Einlass. Der Kommandant der Kantonspolizei frotzelte zwar: «So, ihr Leichenfledderer vom ‹Blick› seid auch da.» «Achten Sie auf Ihre Ausdrucksweise», sagte der Journalist. «Sie sind ja auch da! Dann sind Sie also der kantonale Leichenfledderer.» Er kenne die Einwohner Humlikons persönlich und wolle ihnen kondolieren. Das verschaffte ihm den Zugang.  «Es war totenstill. Die Stimmung erinnerte mich an eine biblische Szene.» Auch nach fünfzig Jahren weiss Arthur Honegger genau, wie gespenstisch es sich anfühlte im sonst idyllischen Dorf. «Kein Mensch war auf der Strasse. Aus den Häusern hörte ich die Leute schluchzen und die Kinder schreien.» Im «Blick» beschrieb er das so: «Als ob der Würgeengel durchs Dorf gegangen sei.»  Aber nicht alle trauerten offensichtlich. «Ich traf einen jungen Bauern, der auf einer Leiter an einem Birnbaum stand.» Arthur Honegger kondolierte ihm. Doch dieser erwiderte: «Die Eltern wollten ja unbedingt gehen. Dabei hätte ich im Flugzeug sitzen können.» Offenbar gab es vor dem verhängnisvollen Flug auf Humlikons Höfen Diskussionen darüber, wer nun am Ausflug der Milchgenossenschaft teilnehmen und mit der Swissair nach Genf fliegen durfte. Dieser junge Bauer musste den Eltern den Vortritt lassen, auch wenn er gerne selber dabei gewesen wäre.  Gut zwei Wochen dauerte die Arbeit der «Blick»-Leute. Arthur Honegger schrieb mehrere Artikel über Humlikon. Auch die Trauerfeier in Andelfingen thematisierte er – sie war ein nationales Ereignis. «Mir war es wichtig, gut und fundiert zu berichten. Für meine Arbeit hat mich nie jemand gerügt.» Im Gegenteil, vielen habe es geholfen, mit jemandem zu sprechen. Das Leben musste aber weitergehen. «Die Bauern mussten schnell wieder an die Arbeit und schwiegen», erzählt Arthur Honegger. Das Dorf habe das Unglück aber erstaunlich gut überwunden. Und: «Ich verstand es, dass man nicht endlos dar­über reden wollte. Das war irgendwann abgehakt.» 

(Erstellt: 24.08.2013, 00:00 Uhr)

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