Sein Götti sendete das letzte «Mayday»

Hüntwangen. Der Götti von Stefan Wyss sass im Cockpit der Swissair-Maschine, die vor 50 Jahren in Dürrenäsch abstürzte. Er war der Co-Pilot. Als solcher gilt er als mitverantwortlich für den Absturz, bei dem 80 Menschen starben. Doch es gibt auch Zweifel.

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Stefan Wyss steigt die Treppe hinunter in sein «Allerheiligstes», wie er sagt. Das ist die Werkstatt im Keller seines Hauses in Hüntwangen im Rafzerfeld. Dort baut er stundenlang Modellflieger – nicht mit vorgefertigten Bauteilen, sondern nach eigenen Entwürfen. Das ist eine Leidenschaft, die vor vielen Jahren sein Götti Rudolf Widmer entfacht hat. Er zeigte ihm, wie man Papierflieger faltet, die elegant durchs Haus segeln. Wyss verbrachte viel Zeit mit dem Götti und bewunderte ihn. «Er war Pilot, reiste in die Ferne und brachte Jeans aus New York nach Hause. Er war eine Art Held für mich.» Wegen ihm träumte auch Wyss vom Leben als Pilot – bis sein Götti starb.  Rudolf Widmer sass als Co-Pilot im Cockpit der Caravelle, die am Morgen des 4.?Septembers 1963 in Kloten abhob. Das Ziel war erst Genf, dann Rom. Doch bereits kurz nach dem Start brannte es in der Maschine. Sie stürzte ab und explodierte. Alle Fluggäste und Swissair-Angestellten waren sofort tot. Dichter Nebel über der Piste Stefan Wyss war damals sieben Jahre alt. Er erinnert sich gut, wie er vom Unglück erfuhr und nicht wahrhaben wollte, dass sein Götti gestorben war. In Erinnerung geblieben ist ihm auch die Reaktion seines Vaters. Dieser regte sich in den folgenden Monaten häufig über die Untersuchung des Absturzes auf. Der Vater war der Meinung, die Fluggesellschaft versuche voreilig, die Schuld den Piloten zuzuschieben. Er sammelte viele Zeitungsartikel über die Untersuchung und vermachte dieses Dossier später seinem Sohn. Daraus geht hervor, dass die offizielle Untersuchung mehrere Monate dauerte. Ihren Abschluss fand sie in einer öffentlichen Anhörung von mehr als zwanzig Zeugen und Experten. Mehrere Zeitungen berichteten, dass dort ein Tonband mit einer verzweifelten Stimme zu hören war. Ein Mann schrie «Mayday, mayday!» und kurz dar­auf «No more, no more!». Es war der letzte Funkspruch von Rudolf Widmer, bevor das Flugzeug auf dem Boden aufschlug.  Die Anhörung kon­zen­trier­te sich  darauf, ob die beiden Piloten noch vor dem Start ein spezielles Rollmanöver durchgeführt hatten. Dieses wurde als Ursache für den Absturz angesehen. Am Morgen des Unglückstages lag dichter Nebel über Kloten. Um trotz schlechter Sicht starten zu können, rollten die Piloten die Piste rauf und runter. Dabei sollen sie mehrmals gestoppt und Schub gegeben haben. Dieses Vorgehen war dazu gedacht, um Wärme zu erzeugen und eine Art Tunnel in den Nebel zu brennen. Innerhalb der Swissair war es ein bekanntes Manöver. 1963 galt es zwar als etwas überholt und wurde dem Nachwuchs nicht mehr gelehrt. Es stand aber immer noch im Pilotenhandbuch. Die Untersuchung stellte fest, dass die Bremsen der Unglücksmaschine während des Rollens angezogen gewesen sein mussten. Deshalb glaubte man, die beiden Piloten hätten das absichtlich getan. Mit angezogener Bremse zu fahren, war jedoch ein bekanntes Risiko.  Fehlende Warnlampe Stefan Wyss’ Vater glaubte nie richtig daran, dass Rudolf Widmer ein solches Risiko eingegangen war. Auch Wyss sagt, sein Götti sei viel zu genau gewesen. Diese Zweifel bestärkt Jahre später ein ehemaliger Chefpilot. Charles Ott war zur Zeit des Absturzes Swissair-Fluglehrer und verantwortlich für die Pilotenhandbücher. Später ar­bei­te­te er als Leiter der Flugunfalluntersuchung. Er kritisiert im Buch «SOS in Dürrenäsch» den Untersuchungsbericht. Ott glaubt, dass die Bremsen von Anfang an nicht richtig gelöst gewesen seien. Das konnte ein Pilot nicht merken, weil es im Cockpit damals keine entsprechende Warnlampe gab.  Sicher ist, dass sich die Bremsen erhitzten und ein Teil des Fahrgestells losbrach. Dadurch wurde eine Leitung zerstört und Öl lief aus. Dieses entzündete sich, die Maschine brannte. Minuten nach dem Start soll die Caravelle nicht mehr steuerbar gewesen sein. Stefan Wyss hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder über den Absturz und den tragischen Tod des Göttis nachgedacht. «Pilot werden wollte ich seither nicht mehr», sagt er. Auch mit einem Flugzeug verreisen reizt ihn nicht. Als er mit zwanzig zum ersten Mal nach Malta in die Ferien flog, hatte er «richtig Schiss». Viel lieber lenkt er seine Modellflieger vom 
sicheren Boden aus durch die Luft. 

(Erstellt: 13.08.2013, 00:00 Uhr)

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