Sie fiel in eine bodenlose Traurigkeit

Silvia Werren-Wehrli verlor vor 50 Jahren beim Flugzeugabsturz in Dürrenäsch ihre Eltern. Über den Verlust und die Zeit als ältestes von vier Waisenkindern schwieg sie lange. Sie glaubte, das Erlebte verarbeitet zu haben – bis die Vergangenheit sie einholte.

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Wenn sich Silvia Werrens Gemüt verdunkelt, geht sie in den Garten hinter dem Haus. Sie wühlt in der Erde, fühlt die Steine, die Feuchtigkeit, sie jätet und pflegt ihre Rosen. Diese blühen in Rosa, Gelb, Weiss und duften fein.  Als Jugendliche hatte sie keinen Rosengarten. Wenn sie mit dem Schicksal haderte, radelte sie  von Humlikon nach Andelfingen auf den Friedhof, manchmal mitten in der Nacht. Dort setzte sie sich zum Gedenkstein, auf dem die Namen ihrer Eltern aufgeführt sind, und grübelte. Sie fragte sich, weshalb sie sterben mussten. Die Familie hätte es doch so schön haben können, die neue Küche war fertig, der Hof im Schuss.  Silvia Werrens Eltern sassen im Flugzeug, das bei Dürrenäsch abstürzte. Beide waren sofort tot, wie die anderen 80 Reisenden, 43 aus Humlikon. Sie wollten in Genf eine neue Methode der Schädlingsbekämpfung kennen lernen. Für Werrens Eltern war es der erste Flug. Sie freuten sich – und Silvia fieberte mit. Sie schenkte der Mutter einen grünen Knirps für den Ausflug.  Verstummt und nie gejammert  Silvia Werren war damals 17 Jahre alt, ar­bei­te­te in einem Laden in Winterthur, wollte Krankenschwester werden. «Wir lebten bescheiden, aber zufrieden», sagt sie. Ihre Eltern führten einen Bauernhof, die Kinder halfen mit.  Am Unglückstag verwarf sie ihre Zukunftspläne. Ein Onkel war nur wenige Stunden nach dem Tod der Eltern als Vormund eingesetzt worden und stellte Silvia vor die Wahl: Entweder sie bleibe im Haus, führe den Hof und schaue nach den jüngeren Geschwistern, oder ihre Schwester und die beiden Brüder würden in der Verwandtschaft verteilt. Sie entschied sich für die Rolle als Elternersatz, weil sie den Geschwistern ein Zuhause geben wollte.  In den ersten Tagen und Wochen kochte sie viel, für ihre Familie, die Verwandten und Freiwilligen, die ins Dorf strömten, um bei der Ernte zu ­hel fen.   Diese reisten aus der ganzen Schweiz an, weil das Unglück kurz vor der Erntezeit passiert war und in vielen Höfen nun die Arbeitskräfte fehlten. Daneben ar­bei­te­te sie auf dem Feld, pflückte Äpfel, «härdöpfelte» und koordinierte mit ihrem Onkel die Helfer.   Gehadert hat Werren häufig, gejammert nie. Sie fühlte sich verzweifelt und hoffte, alles sei nur ein böser Traum und die Eltern kämen bald zur Tür herein. Ihre Gedanken behielt sie für sich. Niemand sprach mit ihr über die Trauer und den Verlust. Einmal weinte sie. Sogleich ermahnte sie der Vormund, aufzuhören und für die kleinen Geschwister stark zu sein. Sie verstummte, ar­bei­te­te und radelte in der Nacht nach Andelfingen. Heute hat sie für die Reaktion ihres Onkels etwas Verständnis: «Wir waren alle überfordert.»  Von der Erinnerung eingeholt  Werren schwieg lange. Sie sprach weder mit ihrer Freundin noch mit anderen Waisen. «Alle schwiegen», sagt sie. Viele ziehen das Schweigen noch heute dem Reden vor. Sie wollen «endlich vergessen» oder «diese Geschichte hinter sich lassen können». Auch Werren glaubte, sie habe den Schock von damals still überstanden. Anfang zwanzig heiratete sie und zog in den Unteren Radhof nach Winterthur. Sie bekam drei Kinder, half ihrem Mann, den Bauernhof zu führen, und ar­bei­te­te in der Cafeteria des Lindbergspitals. Sie hatte ihre eigene Familie und Humlikon rückte immer weiter weg. Während all der Jahre fühlte sie sich zwar öfters traurig, zeigte es gegen aussen aber nie.  Doch dann erschien 2009 das erste umfassende Buch über den Flugzeugabsturz, 44 Jahre danach – und Silvia Werren brach zusammen. Sie erinnert sich genau an den Moment, als sie in jene bodenlose Traurigkeit fiel, aus der sie nicht mehr selbst hinausfand: Sie hütete ihre Enkel und «schnupperte» ins Buch hinein. Bei diesem hatte sie selbst mitgemacht und ihre Erinnerungen nüchtern erzählt. Nun erfuhr sie zum ersten Mal, wie andere Waisen und Augenzeugen in Dürrenäsch das Unglück erlebt hatten. Wie sie die Leichenteile hatten herumliegen sehen. Und da überwältigte sie die eigene Erinnerung. Plötzlich fühlte sie sich so wie damals, als sie wenige Tage nach dem Absturz selbst am Unfallort stand. «Ich roch die feuchte Erde, das Kerosin, die Verwesung. Meine Welt brach zusammen.» Die Trauer brach hervor, liess sich nicht mehr verbergen. Ihre Enkel rannten zu ihrem Mann, riefen: «Grosspapa, Grosspapa, Oma weint.» 

Das Gartenparadies hilft ihr Weil das Gefühl dieser tiefen Verzweiflung in den folgenden Tagen nicht verschwand, suchte Werren einen Arzt auf. Dieser riet ihr, sich in einer psych­iatrischen Klinik behandeln zu lassen. Seinem Rat folgte sie einige Monate später und ging – inzwischen 64-jährig – in die Klinik im Thurgauer Littenheid. Während dreier Monate arbeitete sie das Vergangene auf, schleppte sich Tag für Tag in die Therapiesitzung. Heute sagt sie: «Zum Glück habe ich das durchgestanden.» Endlich weiss sie, dass sie an vielen Gefühlen nicht selbst schuld war, sondern an einer schweren Depression gelitten hatte.  Zu ihrem Therapeuten hat Werren den Kontakt behalten. Sie kann sich jederzeit wieder an ihn wenden. Wie ihre Familie ermuntert auch er sie, ihr Gartenparadies zu pflegen und gar auszubauen. Dieses Jahr hat sie neben ihrem Haus an der Strasse nach Wülflingen ein grosses Blumenfeld angelegt. Dort wachsen Dahlien, Sonnenblumen und Gladiolen, die Vorbeifahrende schneiden und kaufen können. Nur ihre Rosen gibt Werren nicht her. Diese kennt sie alle beim Namen und an einer zartrosa Sorte freut sie sich besonders. Sie heisst ‹Silvia› und hat fast keine Dornen. 

(Erstellt: 09.08.2013, 00:00 Uhr)

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