Dada-Schreck und Meteoritensturz

Zwei packende Geschichten erzählt die ­Doppelausstellung mit Werken von Hans Arp (1886–1966) und William Tucker (*1935) im Kunstmuseum.

Der amerikanische Bildhauer William Tucker blickt von weitem auf seine Werke.

Der amerikanische Bildhauer William Tucker blickt von weitem auf seine Werke. Bild: Heinz Diener

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Hundert Jahre alt wird das Kunstmuseum in diesem Jahr – da sei es mehr als angemessen, fand Direktor Dieter Schwarz an der gestrigen Vernissage, Hans Arp, den vor fünfzig Jahren verstorbenen Pionier der Moderne, in einer exquisiten, alle Schaffensphasen berücksichtigenden Schau zu würdigen. So ganz nebenbei wird auch ein wenig der Staub weggepustet, der sich auf dem umfangreichen Œuvre abgelagert hat. Seit 1973, seit dem hochkarätigen Legat Dr. Emil und Clara Friedrich-Jezler, nimmt Arp den Rang eines «Hauskünstlers» in der Sammlung moderner Klassiker des Kunstmuseums ein.

Dar­um erweist das Museum auf diskrete Art der 1969 verstor­benen Clara Friedrich-Jezler, Sammlerin, Künstlerin und hochherzige Stifterin, die Reverenz, indem ihre von Arp inspirierten Reliefs temporär im Olymp der abstrakten Avantgarde aufgenommen werden.

Um den Meister, der in den Nachkriegsjahren auch Henry Moore und Barbara Hepworth mit seinen fliessenden und durchbrochenen Volumen inspirierte, ist es wie auch um andere Leit­figuren der Avantgarde stiller ­geworden. Der deutsch-französische Doppelbürger, ein unruhiger Nomade, aber immer am richtigen Ort, wo die kreativen Geister sich gerade austauschten, emi­grierte einst aus Strassburg nach Zürich. Erfolgreich entging so der Pazifist dem Ersten Weltkrieg.

Vom Bürgerschreck in den Schoss des Bourgeoisie

In der Limmatstadt profilierte er sich als Mitbegründer von Dada, der einflussreichen internationalen, aber kurzlebigen Kunstbewegung wider die bürgerliche Kultur und den Krieg. Nicht ohne Pikanterie ist Arps gesellschaftliche Karriere. Der geistreiche Provokateur, Bürgerschreck und Poet, der im anarchistischen Cabaret-Voltaire-Zirkel die Künstlerin Sophie Taeuber, seine spätere Frau, kennen lernte, landete schliesslich mit seinen Arbeiten im Schoss der sammelnden Bourgeoisie, wo er gar nicht so schlecht (über)lebte.

Darling der Sammler und Galeristen

Zumal nach Kriegsende, in den 1950er-Jahren, war das der Fall, als Arp zum Darling der Museumsleute, Sammler und Galeristen, insbesondere auch in Deutschland, erkoren wurde. Schönstes Zeichen der Anerkennung war 1954 der Skulpturenpreis der Biennale Venedig. Arps künstlerischer Kompromiss, der Abstraktion und biomorphe Figuration verbindet und darin mitunter den weiblichen Akt andeutet, entsprach wohl damaligen bürgerlichen Erwartungen.

Trotz des surrealistischen Hintergrundes wirkten seine Arbeiten kaum verstörend; im Gegenteil, die fliessenden Oberflächen und Konturen bereiteten Wohlgefallen und liessen die damaligen Betrachter eintauchen in ein heiter gestimmtes modernes Lebensgefühl, das die Traumata des Kriegs zu verscheuchen half. Obwohl dieser spezifische Zeithorizont heute keine Rolle mehr spielt, werden die Liebhaber von Arps Werk in dieser Ausstellung auf ihre Rechnung kommen.

Auf sie wartet ein mit bemerkenswerten Leihgaben reich bestückter Parcours, der sich durch die Sammlung der klassischen Moderne bis in die Säle des Erweiterungsbaus zieht. Vor allem die bemalten Holzreliefs, die eine aus der kubistischen Collage entwickelte Pionierleistung darstellen und inzwischen ikonischen Status erreicht haben, bedecken viele Wände. Und wenn die Raumhelligkeit stimmt, dann liegen Schatten und Lichter wie hingepudert auf den kleineren und grösseren Skulpturen mit den glatt geschliffenen Oberflächen, pulsierenden Volumen, Dellen und Ausstülpungen. Für die Kenner eine beglückende Wieder­begegnung, für die jüngeren Besucher eine Anregung.

Tucker – eine erstaunliche Entdeckung

Seinem Programm treu bleibt das Kunstmuseum auch mit dem Gast aus dem US-Staat New York, dem bald 81-jährigen amerikanischen Bildhauer und Kunstlehrer William Tucker. Keine Zufälligkeit, sondern eine künstlerische Beziehung über ein Jahrhundert bestimmte die Wahl dieses Künstlers. So paradox es auf den ersten Blick klingt, Tuckers mächtige Bronzeskulpturen lassen sich in direkter Linie zu Medardo Rossos Schaffen sehen. Wirklich erstaunlich. Denn der im Haus mit mehreren Werken vertretene Italiener, der einst der modernen Skulptur den Weg wies, ist nicht durch Grösse, sondern durch seinen unendlich zarten Umgang mit Gips, Wachs und Bronze aufgefallen.

Aber zu den schönsten Überraschungen dieses zweiten grösseren Auftritt Tuckers in einem europäischen Museum gehört die beglückende Erfahrung, dass der ursprünglich aus England stammende Künstler taktil genauso gefühlsvoll die Modelliermasse formen und verstreichen kann wie Rosso. Vollends meisterlich wird diese elementare skulpturale Leistung freilich bei Tuckers gewaltigen Brocken im grossen Saal des Erweiterungsbaus. Einem Naturereignis ähnlich überwältigen die amorphen Volumen die Sinne. Als hätten Meteoriten eingeschlagen, lagern sie Felsen gleich auf dem Beton­boden oder balancieren auf roh gezimmerten, niedrigen Holztischen. Es ist ihre pure Körperlichkeit, die einen bildlich gesprochen umhaut; eine physische Kraft, die von diesen Riesentorsi, zusammengestauchten Fragmenten, gekrümmten Gliedern und Fäusten ausgeht und der der Betrachter schlicht nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen hat.

Verdiente Weihe im späten Alter

Das Erlebnis ist eine künstlerisch gezähmte Form dessen, was die Romantiker in der Natur angesichts der überwältigenden Wirkung der Berge und Stürme, der Meere und unendlichen Firmamente erfahren haben. Tuckers Winterthurer Ausstellung, die Werke unterschiedlicher Grösse aus rund dreissig Jahren umfasst, ist eine verdiente Weihe im späten Alter.

Hans Arp & William Tucker: Kunstmuseum Winterthur, bis 22. Mai.

(Landbote)

(Erstellt: 30.01.2016, 09:39 Uhr)

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