Kolumne

Brief an meine Tanne

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Dem Weihnachtsmann werden Briefe geschrieben. Niemand aber schreibt dem Weihnachtsbaum. Dabei hätte doch dieser längst mal einen Brief verdient. Denn, lieber Weihnachtsbaum, es ist tatsächlich erklärungsbedürftig, was wir mit Dir tun. Da wirst Du in Baumschulen aufgezogen, gehegt und gepflegt und dann in die Stadt gefahren, wo man Dich, ganz wurzellos, vor dem Museum Oskar Reinhart auf Plätzen herumstehen lässt.

Menschen kommen vorbei und taxieren Dich, als wärst Du Teilnehmer bei «Germany’s Next Top Model». Wie böse sie reden: Zu gross oder zu klein, zu dick oder zu dürr seist Du, sagen sie ganz offen und ohne sich vor Dir zu schämen. Wer wollte da nicht die Zweige hängen lassen? Wenn Dich dann doch jemand adoptieren will, zieht man Dir ein viel zu enges Netzkleid an und trägt Dich unter Ächzen heim.

In der Wohnung der Menschen aber geschehen noch viel merkwürdigere Dinge: Heimlich und unter Ausschluss von Kindern wirst Du im schönsten Raum der Wohnung aufgestellt und mit glitzernden Accessoires behängt. Stolz stellst Du fest, dass Du mehr Schmuck anhast als die Gattin des Typen, der Dich geschmückt hat. Dann bewundern Dich alle, rufen laut, wie schön Du doch bist. Ja, sogar Lieder singt man, die eigens für Dich komponiert wurden. Auch Kerzen gibt man Dir zu halten, was Dir etwas Sorge macht – «Gefährliches Feuer so nah bei meinen empfindlichen Zweigen? Ob das gut geht?» –, aber die Begeisterung in den Augen derer, die vor Dir sitzen, macht das ungute Gefühl mehr als wett. Über Nacht wird sogar die Katze aus der Stube ausgesperrt, nur damit sie Dich nicht plagen kann.

Verzeih, lieber Weihnachtsbaum, dass unsere Liebe zu Dir so wankelmütig und unbeständig ist. 

Und dann, nach all der liebevollen Behandlung, ist plötzlich alles anders. Eines Morgens kommen die Menschen und nehmen Dir den ganzen schönen Schmuck wieder ab und beginnen an Dir rumzuschnippeln, als hätte es all die schönen Tage zuvor nie gegeben.

Nix mehr mit «O Tannenbaum, du kannst mir sehr gefallen». Stattdessen stellt man Dich an den Strassenrand neben den stinkenden Abfallkübel und lässt Dich wieder warten, bis ein grosses Auto kommt, das Dich abholt, zum letzten Mal. Verzeih, lieber Weihnachtsbaum, dass unsere Liebe zu Dir so wankelmütig und unbeständig ist. Ob es Dich tröstet, dass zumindest ich Dich nicht weggeben werde, sondern behalten, wenn auch nicht mehr so schön geschmückt, sondern zersägt in einer Kiste?

Im Sommer dann werde ich mit meinen Buben ein schönes Feuer aus Dir machen. Vielleicht gibt es Bratwürste. Dann werden wir uns nochmals sehr freuen an Dir. Aber ich weiss, das ist nur ein schwacher Trost. Sei uns nicht zu böse!

(Der Landbote)

Erstellt: 10.01.2017, 18:08 Uhr

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