Kolumne

Die Schlange als Vorbild

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Der Stadtrat solle sich für eine Überdeckung der Autobahn A1 bei Töss starkmachen, findet Gemeinderat Felix Helg. Denn das Autobahnrauschen raubt vielen Tössemern den Schlaf. Doch so ein Deckel kostet gut und gern 200 Millionen Franken. Was läge also näher, als den teuer gewonnenen Platz als Bauland zu nutzen?

Wie Wohnen> über der Autobahn funktioniert, kann man seit 1980 in Berlin besichtigen. Eingeschlossen von der kommunistischen DDR, wurde in der «Inselstadt» Westberlin der Platz knapp. Also wurde man ­erfinderisch und baute den Wohnpark Wilmersdorf, im Volksmund «die Schlange»: 1064 Wohnungen in einem mehr als 600 Meter langen Riegel über der vierspurigen Piste. Als «Wohlfühloaseüber der Autobahn» preist die Verwaltung die Schlange heute auf ihrer Website an – ganz ironiefrei. Denn wenn ein Gebäude nicht neben, sondern auf der Autobahn steht, gibt es keinen Lärm. Nur im endlosen Flur im Erd­geschoss hört man ein leises Pochen von den vorbeifahrenden Autos. Die Bewohner nennen das «den Puls der Schlange».

Wenn ein Gebäude nicht neben, sondern auf der Autobahn steht, gibt es keinen Lärm.

Das Beste an dieser kühnen Siebzigerjahre-Vision war aber die Müllentsorgung per Saug­anlage. Auf jeder Etage gab es Einwurfschächte. Der Güselsack wurde dann mit Unterdruck auf 90 km/h beschleunigt und zur Sammelstelle getragen. Das war wahnsinnig komfortabel und futuristisch und hat viele Ehen gerettet, weil die Frage entfiel, wer den Müll runterträgt. Doch schon bald wurde die Zukunft vom Zeitgeist überholt: Deutschland entdeckte die Mülltrennung, erst für Glas, dann für alle Wertstoffe. Es gab immer weniger zu saugen für die betagte Anlage. 2015 wurde sie endgültig dichtgemacht.

Manche Zukunftsvisionen altern eben schlechter als andere. Wenn in Winterthur also tatsächlich irgend­wann die A1 überbaut wird, wird man wahrscheinlich langweilige Unterflurcontainer verbauen. (Der Landbote)

Erstellt: 11.01.2017, 16:53 Uhr

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