Pro & Contra

Sollen die Winterthurer Dorfeten abwechseln?

Immer weniger Besuchende, immer mehr Gebühren: Sollen die Winterthurer Dorfeten einander abwechseln oder weiterhin alle fünf jedes Jahr stattfinden?

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Der Wülflinger Thomas Möckli ist Blattmacher beim Landboten

Jährlich fünf Dorfeten in fünf Winterthurer Quartieren und alle fünf Dorfet-Präsidenten jammern. Sie jammern über die Konkurrenz anderer Feste Sie jammern über immer mehr Gebühren zuhanden der Stadtverwaltung. Und sie jammern über die mangelnde Anerkennung ihrer Freiwilligen-Leistung für Kultur- und Quartierentwicklung.

Was ist los? Als Wülflinger kann ich vorderhand nur für Wülflingen und von früher sprechen: Als ich noch kein Wülflinger war und die Stadt nur von aussen kannte, besuchte ich die verschiedenen Dorfeten abwechslungsweise. In einem Jahr war Töss der Renner, ­- etwa weil es dort besonders gute Pizzas gab -, das nächste Oberi, - womöglich, weil wir dort einen besonders gut platzierten Boxkasten ausgemacht hatten, an dem wir unsere jugendlichen Kräfte zur Schau stellen konnten. Wo es hinging, wurde jeweils kurz davor - auch ohne SMS und Whats app - abgemacht. Der Hype hing davon ab, wer alles hingeht und was einem dort geboten wurde. Es gab auch Jahre, da fielen alle Dorfeten aus, weil anderswo besseres geboten wurde.

Es braucht neue Ideen - und da diese mitunter selten, teuer und aufwändig sind, wären sie vielleicht einfacher nur alle fünf Jahre zu realisieren.

Was ist heute anders als früher? Als ich Wülflinger wurde, besuchte ich die dortige Dorfet regelmässig, ein paar Jahre lang. Ich dachte, um mich im Quartier einleben zu können, gehört der Besuch dazu, entwickelte so etwas wie Quartierloyalität jenseits der werdenden Grossstadt. Mit der Zeit verlor ich aber die Lust. Denn was geboten wurde, änderte sich nie: Ich kannte die Festmeile und deren Standbetreiber auswendig; die Musik bleibt zur selben Festzeit dieselbe, die Menüs sind die ewig gleichen. Mit der Zeit wusste ich sogar auf ein paar Minuten genau, wann ich gehen musste, um in der gelangweilt flanierenden Menge jemanden zu treffen oder eben gerade nicht.

Warum bleiben diese Dorfeten die ewig selben? Wenn die Vereine und die Dorfetorganisatoren glauben, sie würden zur Quartierentwicklung beitragen, dann müsste mehr drinliegen, als jährlich den Festplan vom Vorjahr hervorzunehmen. Statt zu jammern und von der mitunter auch selbst herbeigestimmten Sparstadt Fördergelder zu fordern, sollten die Dorfet-Präsidenten mehr auf ihre Quartierbewohner hören, was diese denn nächstes Jahr auf ihre Festbänke locken würde. Abschauen könnten sie sich das bei allen anderen «Kultur»-Veranstaltern, die sich ständig und nicht selten ebenfalls im Freiwilligeneinsatz entwickeln und nach dem Publikumsgusto strecken müssen. Da neue Ideen mitunter selten, teuer und aufwändig sind, wären sie vielleicht einfacher nur alle fünf Jahre zu realisieren. Eine solche Dorfet wäre dann wohl garantiert gut besucht und der Quartiervölkerverständigung im Grossstadtdorf dürfte es zumindest nicht schaden.

Der Oberwinterthurer Jakob Bächtold ist stellvertretender Chefredaktor des Landboten.

Als Quartierbewohner ist es mir ehrlich gesagt egal, wie oft die Dorfeten in den anderen Stadtteilen stattfinden. Hauptsache die Dorfet bei uns ­– für mich in Oberwinterthur – findet jährlich statt. Ich freue mich schon jetzt darauf. Auf die Festbeiz, auf eine Bratwurst, auf die Leute auf der Gasse, aufs Büchsenschiessen (auch wenn es viel zu teuer ist) und auf den Autoscooter.

Ich gebe ja zu, dass die Daten der Dorfeten nicht ganz gerecht verteilt sind. Oberwinterthur hat mit dem letzten Sommerferien-Wochenende den idealen Zeitpunkt gepachtet, umso mehr, da jetzt das «Winterthurer-Wochenende» der Musikfestwochen vorverschoben wurde. Alle sind von ihren grossen und kleinen Reisen zurück, man trifft sich wieder und hat viel zu erzählen. Aus Gerechtigkeitsgründen könnte man daher allenfalls ein Datums-Rotationssystem in Betracht ziehen. Damit nicht immer Veltheim im (regnerischen) Mai den Anfang machen und auch Oberwinterthur einmal im Frühherbst auf ein trockenes Wochenende hoffen müsste.

Mir ist ein jährliches, kleines, feines Dorffest lieber, als ein Riesenevent alle paar Jahre.

Andererseits: Tradition ist Tradition. So lange es läuft, muss man daran doch nichts ändern. Darum bin ich auch gegen andere Neuerfindungen in Bezug auf die Dorfeten. Dass das Oberifäscht neuerdings «Römerfest» heisst, hat mich nicht begeistert. Und ob solche Ideen wirklich mehr Publikum anlocken, bezweifle ich.

Mir ist ein jährliches, kleines, feines Dorffest lieber, als ein Riesenevent alle paar Jahre. Die Feiern sind so schon gross genug: Seen hat letztes Jahr mit 35 000 Besuchern einen Rekord verzeichnet. Aus meiner Sicht ist es nicht die Aufgabe der Dorfeten, die Einwohnerinnen und Einwohner der ganzen Stadt zusammenzuführen. Dafür ist Winterthur längst zu gross. Die Dorfeten sollen in erster Linie Quartierfeste sein: Treffpunkte für die Bewohnerinnen und Bewohner der einzelnen Stadtteile. Das ist wichtig, denn das Sozialleben sowie die Integration von Neuzuzügern aus nah und fern spielt sich auf Quartierebene ab, nicht gesamtstädtisch.

Dorfeten wegzusparen, wäre ein Armutszeugnis für die Stadt. Die Quartiervereine und ihre Organisationskomitees stellen die Feste mit viel Gratisarbeit auf die Beine. Wenn sie sich jetzt beklagen, muss man das ernst nehmen. Sie klönen sicher nicht auf Vorrat. In Aktionismus verfallen muss man deswegen aber auch nicht. Die Stadt hat die Gebührenordnung neu überarbeitet. Jetzt kann man einmal abwarten, wie sich das auf die Dorfeten auswirkt. Wenn die Probleme weiterkochen, muss dieses Regelwerk wieder überprüft werden. Die jährlichen Quartierfeste sind jedenfalls wichtiger als ein paar Tausend Franken Gebührengeld in der Stadtkasse. (Der Landbote)

Erstellt: 19.05.2017, 17:31 Uhr

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