Andelfingen

Journalisten befragen Andelfinger Richter

Für einmal befragten die Richter nicht die Angeklagten, sondern Medienvertreter die Richter. Dabei gab vor allem das Ende der Laienrichter in Andelfingen zu reden.

Das kleinste Gericht im Kanton Zürich: Das Bezirksgericht Andelfingen.

Das kleinste Gericht im Kanton Zürich: Das Bezirksgericht Andelfingen. Bild: Heinz Diener

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Verkehrte Welt am Mittwochnachmittag am Bezirksgericht Andelfingen: Die sechs Journalisten des «Landboten», der «Andelfinger Zeitung», der «Schaffhauser Nachrichten» sowie des «Tages-Anzeigers» und der «NZZ» werden im Gerichtssaal gebeten, für einmal auf den grossen Richterstühlen Platz zu nehmen – in denen es sich so bedeutungsvoll wippen lässt. Die Gastgeber, Gerichtspräsident Lorenz Schreiber und sein Team, nehmen derweil dort Platz, wo sonst die Angeklagten mit ihren Anwälten und die Staatsanwaltschaft sitzen.

Nachwehen der Abstimmung

«Damit wir und Sie einen anderen Blickwinkel einnehmen», sagte Schreiber. Am ersten Anlass dieser Art stellte das Andelfinger Gericht seinen Jahresbericht 2016 vor. Für einmal konnten die Journalisten im Gerichtssaal die Richter befragen. Und deren Antworten waren überraschend unverblümt.

Besonderes Interesse weckte der «Neue» am kleinsten Gericht im Kanton: Rechtsanwalt Thomas Keller, der seit gut eineinhalb Monaten in Andelfingen als nebenamtlicher Bezirksrichter arbeitet. «Ich bin das verkörperte Resultat der letztjährigen Abstimmung», sagte er und meinte damit das Volks-Ja vom Juni 2016 zur Abschaffung der Laienrichter. Der Jurist Keller, der sonst als Selbstständiger in einer Kanzlei in Zürich arbeitet, hat in Andelfingen ein 20-Prozent-Pensum und ersetzt den Laienrichter Paul Marthaler. Nach Einschätzung Kellers hat dieser das Abstimmungsresultat als «Misstrauensvotum» aufgefasst und ist deshalb zurückgetreten. Keller, der im Weinland wohnt, wurde daraufhin als einziger Kandidat in stiller Wahl ins Richteramt gehoben. Angefragt worden war er von der Schweizerischen Volkspartei (SVP), der er selber angehört. «Ich persönlich stimmte Nein», sagte er zur Laienrichter-Abstimmung. Denn die Frage «Jurist oder Nicht-Jurist» sei die falsche. Entscheidend sei, dass auch bei den Richtern Quereinsteiger wie er eine Möglichkeit hätten. Er sprach sich damit gegen ein ausschliessliches «Karriere-Richterum» aus – Quereinsteiger sollten also «das Establishment aufmischen können». Und als Anwalt könne er eine Aussensicht einbringen. Damit ähnelt Kellers Argument zur Judikative stark jenem der SVP zur Legislative, wonach es nicht nur Berufspolitiker geben sollte. Seinen Quereinstieg als Anwalt ins Andelfinger Richtergremium sieht Keller als den gleichen Vorteil wie bei den Laienrichtern. Und als selbstständiger Anwalt im Hauptberuf sei er für dieses Amt auch genügend flexibel – er könne sich also die nötige Zeit «freischaufeln».

Eine der letzten drei Andelfinger Laienrichter, die ihre Amtszeit noch beenden können, ist Margrit Gut. «Bei uns im Weinland hat man die Laienrichter nicht abschaffen wollen», sagte die Bezirksrichterin am Mittwoch den Medienvertretern. Während im Kanton der Ja-Stimmenanteil bei knapp 66 Prozent lag, waren es im Bezirk Andelfingen nämlich bloss gut 47 – das einzige Nein der zwölf Bezirke. Das Weinländer Ja zu den Laienrichtern habe sie als «Fingerzeig gedeutet, die Amtszeit fertigzumachen», sagte Gut. Sie ist seit 1996 Bezirksrichterin in Andelfingen. Dabei habe sie sich stets unterstützt und akzeptiert gefühlt, erzählte sie. Und auch ohne juristische Ausbildung habe man Lösungen finden können. Aber es sei nun einmal der Lauf der Dinge, dass man heute in fast allen Berufen einen Studienabschluss benötige.

Hohe Belastung seit Jahren

Der Jahresbericht 2016 des Bezirksgerichts Andelfingen ist fürs Obergericht gedacht im Sinne eines Rechenschaftsberichts. Er enthält denn auch sehr viele Zahlen und juristische Abkürzungen zur Arbeit des Gerichts. «Die Zahlen sagen nichts über die Komplexität der Fälle aus», schränkte Ersatzrichter Georg Merkli ein. Zudem können bei einem so kleinen Gericht ein paar Fälle mehr oder weniger gleich zu markanten prozentualen Veränderungen führen. «Generell muss die Geschäftslast im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt als hoch bezeichnet werden», heisst es im Bericht. Aber: Der am Ende des Berichtsjahres erreichte Arbeitsstand sei insgesamt als gut zu beurteilen. Inklusive Sekretariat und juristische Praktikanten verfügt das Gericht über ziemlich genau 1000 Stellenprozente. «Das ist seit Jahren, ja sogar Jahrzehnten unverändert so», sagte Lorenz Schreiber. ()

Erstellt: 16.02.2017, 17:31 Uhr

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