Oberstammheim

«Malen im Freien hatte mir immer gefallen, aber es musste etwas Neues folgen»

Der Maler Eugen Del Negro arbeitet seit Jahrzehnten in Oberstammheim. Er ist Mitglied der Künstlergruppe Winterthur. Der Beitrag seiner Frau Margrit bestand aus einem blühenden Garten, den sie gepflegt und er gemalt hat.

Eugen Del Negro beugt sich in seinem Atelier über einige jüngere Arbeiten. Der Übergang zur Abstraktion war für ihn ein mühsamer Prozess.

Eugen Del Negro beugt sich in seinem Atelier über einige jüngere Arbeiten. Der Übergang zur Abstraktion war für ihn ein mühsamer Prozess. Bild: Tobias Humm

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Zum Gespräch lädt Eugen Del Negro in die Wohnstube des grosszügigen Hauses mit angebautem Atelier in Oberstammheim. Zum Kaffee serviert seine Frau Margrit selbst gebackenen Kuchen mit Beeren aus dem Garten. Und dieser Garten war während Jahrzehnten Motiv des Malers; er erscheint in allen Jahreszeiten auf ungezählten Bildern voller Blumen, Sträuchern und im Winter schneebedeckt. In der Pflege des Gartens bestand ihr Anteil an seinem Werk.

Eugen Del Negro war Architekt, Zeichenlehrer, aber in erster Linie immer Maler. Seit seiner Jugend erforscht er seine Umwelt mit Pinsel, Zeichenstiften, Leinwand und Papier. Ein sorgfältig gemachter Werkkatalog liegt auf dem Tisch; wer ihn durchblättert, dem fällt schnell etwas auf: Ein tiefer Riss zeichnet Del Negros Werk aus. Nachdem er von erdfarbigen Anfängen zu einer lichten und auch bunten Palette gefunden hatte, kam er 1986 in eine Schaffenskrise. Die Arbeit als Zeichenlehrer an der Kantonsschule liess sich nicht mehr mit dem Beruf als Künstler vereinbaren. Er verliess die Schule und betrat einen neuen Weg. «Das Malen im Freien hatte mir immer sehr gefallen, aber ich ­hatte das Gefühl, ich hätte diese Aufgabe gelöst. Es musste etwas Neues folgen.»

Ein Jahr lang zurückgezogen

Auf manchen Bildern scheint er nicht eine Landschaft dargestellt zu haben, sondern die Luft, die darüber schwebt. Eugen Del ­Negro, der erfolgreiche Landschaftsmaler mit einem erkennbaren, dem Spätimpressionismus verwandten Ausdruck, zog sich ein Jahr lang in sein Atelier zurück und bemalte Blatt um Blatt. Oft viele an einem Tag. Wertloses Papier half ihm, sich hemmungslos und ziellos seinen bildlichen Vorstellungen zu überlassen. So entstanden über 900 meist wilde Kompositionen, viel Schwarz, wenige Farben, Abstraktes, kaum sichtbare Motive, das Bild selbst wurde zum Motiv.

«Im Atelier habe ich das halbe Leben verbracht.»

Eugen Del Negro

Die Transformation eines Gegenstandes ins Ungegenständliche beschreibt er als mühsamen Prozess. Das war keine Kunst für Verkaufsausstellungen, aber für eine Retrospektive umso interessanter, weil sich darin der Weg vom eher konventionellen Landschafts-, Blumen- und Stilllebenmaler hin zum unabhängigen Künstler abzeichnet. In diesen Blättern lässt sich der innere Prozess nachverfolgen. Beim Durchblättern erlebt man, wie der Künstler sich selbst völlig neue Wege zum Ausdruck erschliesst.

Strikte Trennung der Werke

Sein Werk bewahrt er streng ­getrennt auf. In seinem Werk herrscht Ordnung. Die frühen Stillleben und Landschaften lagern im Keller, säuberlich geordnet, eigentlich ein abgeschlossenes Werk, für den Nachlassverwalter bereitgestellt. «Damals konnte ich nicht ohne Objekt malen», sagt er zu dieser Werkphase. Das neuere Werk ist abstrakt, versponnen, in endlosen Versuchen einer Struktur nachforschend, Naturformen in ihre Einzelteile zerlegend und neu gefügt zu Bildern formend.

«Am Schluss muss es ein Bild sein. Mich hat immer das Bild an sich interessiert», sagt er. ­Keine naturwissenschaftliche oder botanische Annäherung an ein Thema, kein Studieren über die Realität des Objekts. Darin unterschieden sich die gegenständliche und die ungegenständliche Phase nicht. Das Bild musste immer am Schluss für sich selber stehen.

«Das Bild muss am Schluss für sich selber stehen.»Eugen Del Negro

Und dieser Aspekt wird bei den Ungegenständlichen — oder müsste man sagen: bei den Bildern, wo das Bild sich selber Gegenstand ist? — noch wichtiger. Denn wo kein greifbares Objekt das Auge ablenkt, bleibt nur die Wirkung der Formen und Farben auf der Leinwand, die im Betrachter Emotionen auslösen.

Während sich der Wohnraum zum Garten hin öffnet, besteht das Atelier aus einem einzigen sehr hohen Raum, der nur durch ein grosses Oberlicht erhellt wird. Hier ist das neue Werk ­versammelt. Diese Arbeiten harren, meist sorgfältig gerahmt, auf gezimmerten Gestellen und in grossen Planschränken ruhend, ihrer Entdeckung.

Ausdrucksstarke grosse und kleine Bilder, viele in reinem Schwarzweiss, kontrastreich und kräftig fordern sie den Betrachter heraus. Im Moment hat Del Negro sich wieder der Natur zugewandt, wenn auch der toten: Er malt Nature Morte nach einem abgestorbenen Rosenstock. Schwarze Zeichnungen, mit deren Hilfe er die Strukturen erforscht und dem Wesen des Rosenstocks auf den Grund geht. (Der Landbote)

Erstellt: 09.02.2017, 12:00 Uhr

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