Spargeln sind noch lange nicht reif – und doch schon «marktfrisch»

Auf den Feldern der Region beginnt die Spargelernte frühestens in zwei Wochen. Bei den Grossverteilern ist das Gemüse trotzdem schon Aktion, weil die Kunden dies so wünschen, heisst es bei Migros und Coop.

Auf dem Markt sucht man Spargeln noch vergeblich, Marktfrau Jacqueline Isliker verkauft stattdessen Federkohl. In Flaach sind die Stängel noch im Boden, es gibt erst Importspargeln aus Mexiko.

Auf dem Markt sucht man Spargeln noch vergeblich, Marktfrau Jacqueline Isliker verkauft stattdessen Federkohl. In Flaach sind die Stängel noch im Boden, es gibt erst Importspargeln aus Mexiko. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bauer Jürg Gisler steht auf seinem Feld in Flaach und schaut nach, wie es «seinen» Spargeln geht. Dabei hilft ihm nicht nur seine Erfahrung, sondern auch sein Handy. Eine App, die mit Sensoren auf dem Feld verbunden ist, verrät ihm: Die Bodentemperatur an den Wurzeln beträgt genau 9 Grad. Das ist ideal, damit das Gemüse spriesst. Der Winter war den Spargeln hingegen eher zu warm. Gisler sagt: «Etwas kälter wäre mir lieber gewesen, dann wären die Spargeln nicht im Winterschlaf gestört worden.»

Für die Spargeln in den Grossverteilern ist der Winterschlaf längstens vorbei. In Migros und Coop haben sie «Saison» und werden «marktfrisch» feilgeboten – obwohl sie aus Mexiko oder Peru stammen. Hierzulande beginnt die Spargelsaison frühestens Ende März. Letztes Jahr habe er erst am 14. April geerntet, sagt Gisler. «Dieses Jahr werden wir wohl etwas früher sein.»

«Hinters Licht geführt»

Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), kritisiert die Spargelaktionen der Grossverteiler scharf: «Die Kunden werden systematisch hinters Licht geführt. Die meisten wissen nicht mehr, wann welches Gemüse Saison hat», sagt sie. «Die Grossverteiler verleiten die Konsumenten dazu, sich unökologisch zu verhalten.»

Monika Weibel, Pressesprecherin der Migros, erwidert: «Die Spargeln, die wir aktuell anbieten, haben in den jeweiligen Herkunftsländern Saison.» Die frühen Spargeln entsprächen einem Kundenbedürfnis. Man sei aber bemüht, die Spargeln so bald wie möglich aus näheren Ländern wie Spanien, Ungarn oder Deutschland zu beziehen. Später biete die Migros auch inländische Spargeln an. Doch: «Die inländische Produktion ist leider noch nicht so gross, dass die Nachfrage gestillt werden könnte.» Der Anteil Schweizer Spargeln liege im Mai und Juni bei 10 Prozent.

Auch Coop erklärt: «Die Spargeln entsprechen einem Kundenbedürfnis.» Dass das Gemüse aus Übersee als «saisonal» beworben wird, ist gemäss Pressestelle jedoch ein Versehen: Die Spargeln aus Peru und Mexiko seien noch Restbestände. Demnächst kämen spanische Spargeln in die Läden. Und Spanien zählt offenbar zur «Schweiz und dem näheren Ausland», nach dessen Kulturzeiten sich Coop bei der Verwendung des Begriffs «Saison» orientiert, wie es auf Anfrage heisst.

Konsumentenschützerin Stalder hält dagegen: «Die Grossverteiler machen in der Werbung immer wieder grosse Versprechen, wie nachhaltig sie unterwegs sind.» Wenn es aber konkret um das Angebot von Früchten und Gemüse im Verkaufsregal gehe, blockten sie ab. «Das ist ein sehr widersprüchliches Verhalten.»

Auch Corina Gyssler, Pressesprecherin der Umweltorganisation WWF, kritisiert die Verwischung der Erntezeiten: «Erdbeeren haben im Grossverteiler offenbar immer Saison.» Zudem werde nicht genau deklariert: Bei den Spargeln aus Übersee sei oft unklar, ob sie per Schiff oder Flugzeug eingeführt worden sind.

«Unsere Kunden warten»

Auf dem Wochenmarkt in Winterthur schüttelt man über die verfrühte «Spargelsaison» in den Läden zwar den Kopf. Die Marktfahrer nehmen es jedoch gelassen. «Unsere Kunden warten, bis wir regionale Spargeln im Angebot haben», sagt Jacqueline Isliker, Bäuerin aus Riketwil, und verkauft eine Portion frisch geernteten Federkohl und Nüssli­salat. Auch Spargelbauer Gisler stört die frühe Konkurrenz in den Grossverteilern wenig: «Ich habe null Absatzprobleme.» Trotz des höheren Preises (17 bis 19 Franken pro Kilo ge­gen­über 6.20 bis 10.40 aktuell in Coop und Mi­gros). Gisler ist überzeugt: «Wer einmal frischen, einheimischen Spargel gegessen hat, kauft keine Importware mehr, die durch den langen Transportweg den Geschmack verloren hat.» (Landbote)

(Erstellt: 13.03.2016, 19:25 Uhr)

Stichworte

Was wann Saison hat

Wer wissen will, wann welches Gemüse wirklich Saison hat, findet dazu im Internet praktische Informationen:
Die Stiftung für Konsumentenschutz Schweiz SKS hat Saisontabellen für Gemüse und Früchte aufgeschaltet, die sich gut ausdrucken lassen.
Die Umweltorganisation WWF stellt einen Online-Ratgeber zur Verfügung, auf dem die Früchte und Gemüse nach Monaten angezeigt werden können.

Ökobilanz

Was ist schädlicher? Flugimport oder Bodenheizung?

Der Grundsatz, regionales und saisonales Gemüse zu kaufen, sei für umweltbewusste Konsumenten als Faustregel sicher gültig, sagt Niels Jungbluth. Der doktorierte ETH-Umweltwissenschafter ist Geschäftsführer der Firma ESU-Services, die sich auf das Erstellen von Ökobilanzen spezialisiert hat. In Einzelfällen könne der Vergleich aber überraschend ausfallen, sagt Jungbluth: «Regional heisst nicht ­immer umweltfreundlicher.»

Bei Importen aus Übersee ist entscheidend, ob die Ware per Schiff oder mit dem Flugzeug befördert wird. Der Schiffstransport verschlechtere die Ökobilanz teilweise weniger als die ener­gie­intensive Produktion, etwa im Gewächshaus. Jungbluth erwähnt als Beispiel Spargelfelder mit Bodenheizung, die es seit einigen Jahren in Deutschland und vereinzelt auch in der Schweiz gebe. «Diese Spargeln haben natürlich recht hohe Umweltbelastungen, können aber im Grossverteiler als regionales Gemüse ohne weitere Deklaration verkauft werden.» bä

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Postkarten aus der Ferne
Blog Reisetetris
Hier gilt das Faustrecht

Werbung

KIWI

Kiwi Kinos Winterthur