Lindau

Es fehlt nur noch Huonders Segen

Die Deutschschweizer Kopten halten ihre Messen ­künftig in der katholischen Kirche St. Josef in Grafstal ab. Sie ­dürfen die Kirche mindestens für die nächsten 99 Jahre nutzen.

Mit dem Deal zufrieden, von links: Monika Schmid (Gemeindeleiterin), Isidoros El-Anba-Samuel (Pater), Refaat Rizkallah (Sprecher der koptischen Christen) und Urs Müller (Pfarrkirchenstiftung St. Joseph).

Mit dem Deal zufrieden, von links: Monika Schmid (Gemeindeleiterin), Isidoros El-Anba-Samuel (Pater), Refaat Rizkallah (Sprecher der koptischen Christen) und Urs Müller (Pfarrkirchenstiftung St. Joseph). Bild: Nicolas Zonvi

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Die kleine katholische Kirche in Grafstal hat nichts Spektakuläres an sich: Weder ist sie besonders alt noch von moderner Architektur geprägt, wie zum Beispiel die reformierte Kirche in Effretikon. Die Spitze des weiss verputzten Mauerwerks bildet ein Türmchen aus Kupferblech. Etwas Spezielles ist erst im Innern auszumachen: Der eigentliche Kirchenraum befindet sich nicht im Erdgeschoss, sondern im oberen Stockwerk.

Doch dieser Kirchenraum steht seit der Einweihung des Gemeindezentrums in Effretikon, 1983, immer öfter leer. Nur eine kleine Gruppe feiert die Gottesdienste mit, die jeweils am Samstagabend stattfinden. Das Pfarreizentrum in Effretikon ist eine Konkurrenz.

Kopten brauchen mehr Platz

«Die Aufrechterhaltung der Kirche in Grafstal ist mit hohen Kosten verbunden. Das Gebäude kostet uns mehr, als wir es nutzen können», sagt Schmid. Die Kirche in Effretikon mit dem Pfarreizentrum sei gross genug. «Wir können die Kirche nicht aus Nostalgie weiterbetreiben, gerade in der heutigen Zeit haben wir andere Aufgaben. Das verstehen auch die Mitglieder der Pfarrei.»

Die Pfarrei St. Martin hat sich deshalb Alternativen überlegt. Ein Abriss der Kirche und Neubau von Sozialwohnungen stand im Raum, wurde aber wieder verworfen. «Wir wollen das Kirchengebäude erhalten, lediglich das Wohngebäude nebenan könnte abgerissen werden», sagt Schmid.

Gemeinsam mit dem Generalvikariat des Kantons Zürich erarbeitete man eine andere Lösung: Die Kirche sollte verkauft werden. «Das Generalvikariat erhält vor allem von orthodoxen Kirchen Anfragen, ob es freie Kirchengebäude gebe», sagt die Effretiker Gemeindeleiterin. Auch die koptischen Christen hatten für einen grösseren Kirchenraum angefragt.

«Unsere kleine Kirche in Dietlikon platzt aus allen Nähten», sagt Refaat Rizkallah, Sprecher der Gemeinde der koptischen Christen. Vor zehn Jahren habe man die Liegenschaft der Neuapostolischen Kirche abgekauft, mittlerweile werde die koptische Gemeinschaft aber immer grösser. «Bis zu 80 Gläubige besuchen unsere Gottesdienste. Wir brauchen unbedingt mehr Platz.» Denn nach den Messen, die dreimal die Woche stattfinden, geniessen die Kopten gerne die Gemeinschaft, tauschen sich aus. «Besonders sonntags, da kochen wir immer ein grosses Mittagessen, zu dem auch die Öffentlichkeit eingeladen ist.»

Baurecht statt Verkauf

Das Bistum Chur, das der katholischen Kirche des Kantons Zürich vorsteht, hatte aber etwas gegen den Verkauf. «Würde die Kirche verkauft, könnte sie dereinst zweckentfremdet werden», sagt Generalvikar Martin Grichting. Die Grafstaler Kirche müsse im Besitz der Pfarrkirchenstiftung St. Josef bleiben (mehr zum Artikel).

Der Vorschlag des Bistums: Die Liegenschaft sollte im Baurecht abgegeben werden. Das heisst, dass die Kopten als Mieter für sämtliche Kosten selbst aufkommen, das Gebäude aber weder abreissen noch substanziell verändern dürfen. «So ist sichergestellt, dass die Kirche dauerhaft durch eine christliche Gemeinschaft für ihren Gottesdienst verwendet wird», sagt Grichting.

Mit dieser Lösung sind sowohl Refaat Rizkallah, Monika Schmid als auch Urs Müller, Mitglied der Pfarrkirchenstiftung St. Josef, einverstanden. Gemeinsam haben sie den Vertrag ausgearbeitet. Müller sagt: «Der Vertrag läuft über die nächsten 99 Jahre. Mehr lässt das Gesetz nicht zu.»

48 000 Franken Miete

Pro Jahr müssen die Kopten für die Kirche 48 000 Franken Zins bezahlen. Die Unterzeichnung des Vertrags sei lediglich eine Formsache, zum Schluss müsse Bischof Vitus Huonder seinen Segen geben. «Wir haben beim Aufsetzen des Vertrags darauf geachtet, dass er keine Einwände haben wird», sagt Müller.

Rizkallah freut sich «riesig» über den Deal. «Die Grafstaler Kirche ist perfekt für uns», sagt er. Dank der speziellen Architektur befindet sich im Erdgeschoss ein abgegrenzter Gemeinschaftsraum mit Küche. Den Raum im Obergeschoss wird die koptisch-orthodoxe Gemeinschaft durch eine sogenannte Ikonostase zweiteilen.

«Der Altar muss durch diese bebilderte Holzwand von den Gläubigen abgegrenzt sein, so will es unsere Religion», sagt Rizkallah. Dank des Baurechts sei der Einbau einer solchen Wand kein Problem. «Mit dieser Lösung stimmt einfach alles für uns.» Auch vonseiten der katholischen Pfarrei ist nur Positives zu vernehmen. «Wir haben grosses Glück», sagt Urs Müller. Denn in Zukunft würden wohl stets mehr Kirchen auf den Immobilienmarkt gelangen, der Verkauf werde dann immer schwieriger, vermutet er.

Läuft alles nach Plan, ziehen die Kopten am 1. Oktober in die Kirche nach Grafstal. Die Katholiken werden am 2. Juli in einem Gottesdienst mit ihrer Kirche abschliessen. «Der Abschied wird sicher sehr emotional», sagt Monika Schmid. Sie sei der familiären Atmosphäre wegen immer sehr gerne in der Kirche gewesen. «So wie es jetzt kommt, wird es aber sicher gut.»

(Landbote)

Erstellt: 07.04.2016, 10:54 Uhr

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