Turbenthal

«Kultur muss man machen, nicht denken»

Mit dem Kulturladen im Gehörlosendorf geht die Stiftung Schloss Turbenthal einen ungewöhnlichen Weg. Reto Casanova, Mitglied der Stiftungsleitung, erklärt die Idee hinter der «Veranstaltung» und wirft auch einen Blick in den Dorfladen.

Der Laden des Gehörlosendorfs Turbenthal wird gelegentlich zur Kleinkunstbühne. Geschäftsführer Reto Casanova setzt sich dafür ein.

Der Laden des Gehörlosendorfs Turbenthal wird gelegentlich zur Kleinkunstbühne. Geschäftsführer Reto Casanova setzt sich dafür ein. Bild: Madeleine Schoder

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Die Tösstaler Marionetten kommen in den Kulturladen. Wie darf man sich die Vorbereitung des Theaterabends bei Ihnen vorstellen?
Reto Casanova: Unsere Gebärdendolmetscher beschäftigen sich bereits seit Wochen mit Videos und Tonbändern von «Der Alchimist», das bei uns im Gehörlosendorf aufgeführt werden wird. Wir möchten aber nicht nur unseren Bewohnern Abwechslung bieten, sondern auch Kultur heraustragen in die Region.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Kleinkunst in Ihrem Ladenraum aufzuführen?
Unser neuer Dorfladen befindet sich in der 90 Jahre alten Turnhalle, die zum Glück vorm Abriss gerettet werden konnte. Dank eines Modulsystems können wir die Verkaufsregale beiseite räumen, eine Bar einrichten und Stühle aufstellen. Erfreulich ist, dass wir mit einem Legat einen kleinen Kulturfonds gründen konnten.

Das künstlerische Angebot ermöglicht uns, mit Unterstützung von Privaten und Unternehmern, Hörende, Hörbeeinträchtigte und Gehörlose zusammen zu bringen. Wir wollen Brücken zwischen den Menschen schaffen und fünfmal im Jahr unterhalten. Marcel Jenni — wir arbeiten zusammen in einer Co-Leitung — hatte übrigens die zündende Idee für den Kulturladen.Haben Sie dafür eigene Mitarbeiter eingestellt?
Nein, die «Chefs» sind Gastgeber und unsere Leute müssen sehr flexibel sein. Ihre Arbeitzeit geht eigentlich nur bis 18 Uhr, aber dann engagieren sie sich noch ehrenamtlich für den Kulturladen. Das Projekt hat einen hohen «Lustaspekt». Kultur muss man machen, nicht denken.

Man kann fast nicht glauben, dass es immer noch Gehörlose gibt, beim heutigen Stand der Medizin.
Geburtsgehörlose gibt es weiterhin, zum Beispiel durch Medikamente in der Schwangerschaft. Fälle wie bei Streptomycin (Anm. der Red.: frühes Antibiotikum gegen Tuberkulose) passieren zwar nicht mehr, aber es treten auch Schäden durch schwere Mittelohrentzündungen oder cerebrale Beeinträchtigungen auf. Die Versorgung durch Hörgeräte, insbesondere Cochlea-Implantate hat sich verbessert, aber dann stellt sich möglicherweise auch die Frage nach der Identität: Bin ich nun ein Gehörloser oder ein Hörender?

Nicht hören zu können, ist eine Sache; nicht zu verstehen, eine andere. Kommen im Zuge der Flüchtlingsströme auch vermehrt Migranten zu Ihnen?
Ja, Menschen mit Gehörlosigkeit oder Hörbehinderungen sowie Migrationshintergrund landen zunehmend bei uns. Wir beheimaten zurzeit 16 Nationalitäten, aber der Platz muss finanziert sein. Wir führen gerade ein Gespräch, um einen gehörlosen Eriträer zu uns nehmen zu können. Kulturvielfalt ist uns wichtig. Angestellte übersetzen zum Beispiel für ihre neu eingetroffenen Landsleute. Wenn Sie dann beispielsweise ein lachendes schwarzes Gesicht hinter dem Speisebuffet sehen, sind sie schon angekommen.

Das klingt nach Kollegialität. Gibt es keine Konflikte zwischen nationalen Gruppen?
Nein, in diesem Betrieb haben wir keine politischen oder religiösen Auseinandersetzungen. Jeder wird respektiert wie er ist; wir schulen auch kulturelle Kompetenzen. Beispielsweise haben wir an einem Betriebsausflug gemeinsam slowenische Tänze gelernt. Ein ehemals eriträischer Flüchtling hat es bei uns vom Praktikum in der Pflege bis zur Festanstellung gebracht. Und wir lernen voneinander: Wussten Sie, dass das Alphabet in Sri Lanka 256 Zeichen hat?

Haben Sie persönlich einen Wunsch, wer einmal bei Ihnen auftreten sollte?
Sinead O’Connor würde von Marcel Jenni und mir gemeinsam auf Händen in den Kulturladen getragen werden. (Landbote)

Erstellt: 10.04.2017, 16:02 Uhr

Tösstaler Marionetten

Freitag, 21. April, 20 Uhr. Türöffnung 18 Uhr. St. Gallerstrasse 8, Turbenthal. Eintritt: Fr. 25/AHV, IV 20.

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