Gachnang

Es flogen Geistesblitze in Schloss Kefikon

Lebensnahen Unterricht wollte der Gründer des Landerziehungsheims August Bach seinen Schülern bieten. Neben Garten- und Bauarbeiten sollte auch im Physikunterricht der Funken überspringen.

Mit diesem Hochspannungsgenerator konnten im Physikunterricht Funkenentladungen erzeugt werden.

Mit diesem Hochspannungsgenerator konnten im Physikunterricht Funkenentladungen erzeugt werden. Bild: Johanna Bossart

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«Treibholz der Geschichte» nennt man Relikte, die ihrer ursprünglichen Funktion beraubt sind und – wie in diesem Fall – im Depot landen. Es ist das Historische Museum Thurgau, das diesen um 1900 vom Basler Friedrich Klingelfuss gebauten Funkeninduktor lagert. Einst konnten ihn die Knaben im Landerziehungsheim Schloss Kefikon im Naturkundeunterricht in Aktion erleben. Denn mit dem Gerät führten die Lehrer vor, wie mithilfe einer Funkenstrecke und eines Hammers (Unterbrechers) Elektronen entladen und Blitze generiert werden.Sammlungsassistentin Lea Hun­keler (Foto) zeigt die Stell­hebel an beiden Seiten, mit denen man die Spannung erhöhen konnte – ja, heute ist der Induktor ausser Betrieb; es fehlen der Hammer und die Batterie. «Ausserdem wäre es gar nicht mehr erlaubt, eine solche Spannung im offenen Experiment herzustellen!»

Es muss eindrücklich gewesen sein, für die zehn- bis siebzehnjährigen Buben, Blitze in verschiedenen Stärken zu erzeugen, die sich an dem Teller über dem Zylinder funkensprühend entluden. Das Gerät ist circa einen halben Meter breit und damit ungewöhnlich gross für den Schulunterricht vor hundert Jahren.

Neues Pädagogikkonzept

Das Landerziehungsheim war aber auch keine gewöhnliche Schule, sondern ein neues pädagogisches Konzept zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als August Bach das Internat eröffnete, war ihm am «Arbeitsprinzip» gelegen. Die Jungen verbrachten den halben Tag mit Werkstattaktivitäten. Nach dem theoretischen Unterricht am Morgen (darunter Biblische Geschichte, Memorieren und Kalligrafie) stand nach dem Mittagessen Gartenbau im Wechsel mit Reinigungsarbeiten im Schloss auf dem Programm. Anschliessend gab es täglich Zeichenunterricht (Freihand und Geometrie).

Bach selbst ist als Pionier auf dem Gebiet der Handarbeit in die Geschichte eingegangen. Er hat den Thurgauischen Verein für Knabenhandarbeit und Schulreform ins Leben gerufen und erfand Experimentiergeräte für das selbstständige Lernen; so die bachsche Schulwaage mit einem reichhaltigen Instrumentarium für Schulversuche.

«Landerziehungsheim» Schloss Kefikon, gegründet 1906. Bild: Marc Dahinden

Die Privatschule führte eine Primar- und eine Sekundarstufe, stand unter staatlicher Aufsicht und erfüllte den Thurgauer Lehrplan. «Das Heim ist für Schweizerknaben und Schweizer im Ausland berechnet und soll Charakter einer echten Schweizer­familie tragen», schrieb Bach. ­Dabei war seine Didaktik fortschrittlich und sollte durchaus Anstösse in die öffentlichen Schulen tragen. «Die staatliche Schule sollte überdies von den Postulaten Abstand nehmen, ­wonach (. . .) alle Schüler auf dasselbe Bildungsniveau zu heben seien», ist von ihm überliefert. Kritiker hielten ihm hingegen vor, dass sich jeder Transfer seines privilegierten Ansatzes in die Volksschule verbiete. Der Grund: Dort würden überfüllte Schul­stuben, Mangel an Zeit und Geld, Interesselosigkeit der Eltern und passiver Widerstand der Schulbehörden den Alltag beherrschen.

Das Schulgeld erlaubte Bach in der Tat den Ausbau des von ihm erworbenen Schlosses Kefikon, wobei die Schüler ihren Anteil dazu beitrugen. Tagebuchvermerke Bachs belegen, dass sie Balustraden sicherten, Balkonborde gipsten, Holz spalteten und Gartenwege kiesten. Gemeinsam wurde ein Teich gestaltet und ­sogar der Bau eines «Druidenschlosses» ist erwähnt. «Wir lassen uns gerne etwas von unserem Unterrichtsplane abdrängen», wird Bach zitiert.

Um ihr Taschengeld aufzubessern, konnten die Schüler ihr selbst angebautes Gemüse «zu Marktpreisen» an die Küche verkaufen. Die regelmässig auftauchenden kantonalen Schulinspektoren fanden lobende Worte für Bachs Erziehungsmethoden. Nicht nur der reinliche Zustand der Anlage wurde hervorgehoben, sondern auch der gute Gesundheitszustand der höflichen Burschen.

Die frühen Dokumente über den Schulbetrieb fielen im Januar 1929 einem «aus Unachtsamkeit» entstandenen Kaminbrand zum Opfer. Prekär war die Situation, weil die Kefikoner Feuerwehr bei minus 30 Grad kaum mit Wasser löschen konnte!

Interessant ist, dass Schloss Kefikon nunmehr in der vierten Generation von der Familie Bach (im Verwaltungsrat) als Institution geführt wird. Heute richtet sich das Angebot an Kinder und Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf im schulischen sowie im emotional-sozialen Bereich. Beim Umbau des Hauses in den 1980er-Jahren hat der Funkeninduktor den Weg aus dem Schulasservat ins Depot des Historischen Museums Thurgau ­ge­funden – und wartet auf einen ­Einsatz in einer passenden Aus­stellung. (Landbote)

Erstellt: 16.02.2017, 16:44 Uhr

Museumshäppli

Der Eintritt ins Historische Museum Thurgau im Schloss Frauenfeld (Rathausplatz 2) ist frei; zudem sind jeweils am letzten Donnerstag im Monat Vorträge über Mittag inkl.

Nächster Termin: 23. Februar, «Embleme der Landvögte – Der Wappenzyklus im Schloss Frauenfeld» mit dem Winterthurer Historiker Peter Niederhäuser.

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