Hoher Grünanteil trotz Verdichtung

Was vor sechs Jahren unter lautem Protest begann, scheint nun auf gutem Weg. Die Rundumerneuerung eines Wohnquartiers mit hohem Grünanteil und tiefen Mieten.

Der Grünraum zwischen den Gebäuden soll nicht schmaler werden: Häuser der Genossenschaft Talgut in Zukunft. Die neuen Gebäude sind höher und stehen näher an der Zwinglistrasse.

Der Grünraum zwischen den Gebäuden soll nicht schmaler werden: Häuser der Genossenschaft Talgut in Zukunft. Die neuen Gebäude sind höher und stehen näher an der Zwinglistrasse. Bild: pd / Visualisierung Architekturbüro Miroslav Sik

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Talgut heisst das ruhige und durchgrünte Quartier, das hinter dem alten Busdepot Deutweg beginnt und sich bis zum Schulhaus Mattenbach ausdehnt. Vor allem zwei- und dreigeschossige Genossenschaftshäuser mit Familienwohnungen prägen das Gebiet. Vier alteingesessene Bauträger teilen sich das Quartier seit der Nachkriegszeit: die von Unternehmenskreisen lancierte Gesellschaft zur Erstellung billiger Wohnhäuser (genannt «die Billige»), die von Smuv-Gewerkschaftern gegründete Genossenschaft Talgut sowie die beiden grossen Wohnbaugenossenschaften GWG («die Gemeinnützige») und HGW («Heimstätten-Genossenschaft»).

Die Legende will wissen, dass die damals linke Genossenschaft Talgut weniger hoch bauen durfte als «die Billige», die bürgerlich dominiert war. Das sei so gewesen, bestätigt Talgut-Präsident Heinz Hunn: «Ich habe das in Gemeinderatsprotokollen nachgelesen: Die einen durften dreigeschossig bauen, unsere Genossenschaft aber nur zweigeschossig.» Doch das ist Vergangenheit, heute haben alle dieselben Probleme.

Eier legende Wollmilchsau

Viele der Bauten sind nach 60 bis 70 Jahren stark renovationsbedürftig, müssten isoliert werden (manche wurden es schon), zudem wären da und dort moderne Grundrisse und ein guter interner Lärmschutz wünschenswert. Und über allem steht der politische Druck zu verdichten: mehr Personen auf gleich gross bleibendem bebautem Gebiet unterzubringen, trotzdem die Wohnungen zu vergrössern und den Grünbereich nicht zu schmälern. Der Hobbybauer nennt so was die eier legende Wollmilchsau – Politiker und Planer greifen in so komplexen Fällen gern zum Gestaltungsplan.

Als die Genossenschaften und die Stadt sich vor sieben Jahren daran machten, diesen Erneuerungsprozess anzugehen, hagelte es zunächst Proteste: Mieter gründeten eine IG, der Mieterverband schaltete sich ein, 2000 Personen forderten per Petition, günstige Wohnungen zu erhalten. Oha, ahnte man im Stadthaus und in den Genossenschaftsbüros: Da müssen wir sorgfältig vorgehen.

Diese Arbeit ist nun getan. Stadt und Genossenschaften, Architektur- und Planungsbüro, Gemeinde- und Regierungsrat – alle haben ihr Bestes gegeben, und das Resultat lässt sich sehen in Form eines Gestaltungsplans.

Winterthur kann Vorbild sein

Die Stadt hat beispielsweise auf Strassen verzichtet – Entwidmung, sagt dem der Fachmann: Die Zwinglistrasse wird schmaler und von Bäumen gesäumt, der Salomon-Bleuler-Weg, der sich durch die Häuser schlängelt, wird in die Bebauung integriert. Das ergibt einen Flächengewinn, der grössere Häusergrundrisse erlaubt, ohne dass der Grünanteil dazwischen stark geschmälert wird. «Die innere Verdichtung eines Quartiers ist erstmals so umgesetzt worden, indem sich die vier Grundeigentümer und die Stadt vertraglich einigen konnten», sagt der beigezogene Zürcher Planer Reto Wild. Winterthur sei damit kantonale, wenn nicht sogar nationale Vorreiterin. Auch Genossenschaftspräsident Hunn schwärmt von diesem «unspektakulären, aber wichtigen Prozess». Besonders froh ist er, dass es gelang, Mieterinnen und Mieter zur Umsiedlung innerhalb des Quartiers zu bewegen.

Ein Stück weit kommt sogar vom Mieterverband Lob. Die Geschäftsführerin und AL-Gemeinderätin Katharina Gander sagt: «Vieles wurde richtig gemacht – auch dank der Petition. Positiv sind aus unserer Sicht etwa die Etappierung, die Angebote zur Umsiedlung und die Subventionierung.» Aber natürlich bleibe das Bedauern darüber, dass schöne günstige Wohnungen abgerissen werden. «Dort konnten Leute mit tiefen Einkommen wohnen, alleinerziehende Mütter beispielsweise», und das ohne Sozialhilfe. Neue Wohnungen für 700 bis 1000 Franken gibts selbst mit genossenschaftsinterner Subventionierung keine. Die kosten jetzt 1500 bis 2300 Franken. (Landbote)

(Erstellt: 04.03.2016, 20:08 Uhr)

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