Mit 13 Franken am Tag selber einkaufen

Für die jungen Asylbewerber im neuen Heim an der Hausackerstrasse gelten klare Regeln. Mithilfe von Sozialpädagogen sollen sie möglichst eigenständig haushalten.

Der 30-jährige Sozialarbeiter Thomas Schnellmann ist für den Betrieb an der Haussacker-Strasse in Wiesendangen.

Der 30-jährige Sozialarbeiter Thomas Schnellmann ist für den Betrieb an der Haussacker-Strasse in Wiesendangen. Bild: Heinz Diener

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Thomas Schnellmann hat keine leichte Aufgabe. Der 30-jährige Sozialpädagoge ist mit seinem Team bald zuständig für bis zu 30 Teenager, die aus verschiedenen Ländern geflüchtet sind und demnächst in Wiesendangen wohnen sollen. Schnellmann muss mit verschiedenen Kulturen zurechtkommen und Sprachbarrieren überwinden.

Am Mittwochabend hat er Anwohnern an der Hausackerstrasse in Wiesendangen erklärt, wie die Zürcher Fachorganisation AOZ die Kinder und Jugendlichen im ehemaligen Gebäude der Stiftung Steinegg aufnehmen und betreuen will. Das Interesse im Quartier war gross. So gross, dass die Informationsveranstaltung in zwei verschiedenen Räumen abgehalten werden musste. Rund hundert Personen sind gekommen. In der Fragerunde am Schluss musste Schnellmann vor allem Fragen zum Heimbetrieb beantworten: «Wie viele Betreuer sind vor Ort?», wollte jemand wissen. Eine Frau fragte sich, ob die Kinder auch psychologisch betreut würden. Und eine andere schlug vor, dass reguläre Schulklassen das Heim allenfalls besuchen sollten.

Die AOZ betreibt die neue Aussenstelle für minderjährige Asylsuchende in Wiesendangen im Auftrag des Sozialamtes des Kantons. Die Neueröffnung ist nötig geworden, da seit Frühling 2015 zunehmend junge Flüchtlinge ohne Eltern einreisen. Hauptsächlich aus Eritrea und Afghanistan, wie Thomas Schmutz, ­Leiter Kommunikation der AOZ, sagte. Da die rund 70 Plätze im Zen­trum Lilienberg in Affoltern am Albis nicht mehr ausreichten, habe der Kanton im vergangenen Jahr bereits drei Aussenstellen in der Stadt Zürich eröffnet.

Schwierige Erlebnisse

Thomas Schnellmann war schon für den Aufbau der Aussenstelle in Zürich-Höngg zuständig, nun ist er auch für den Betrieb an der Hausackerstrasse in Wiesendangen verantwortlich. «Viele Minderjährige haben auf ihrer Flucht schwierige Si­tua­tio­nen überstanden», sagte er am Mittwochabend zu den Anwohnern. «Womöglich sind Mitreisende oder Verwandte gestorben.» Sie hätten deshalb vor allem das Bedürfnis nach Ruhe. Im Heim wolle man sie in erster Linie darin unterstützen, in der ohnehin schwierigen Teenagerzeit ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Zudem wolle man ihnen zeigen, wie sie sich in der Schweiz zurechtfinden können. Zuständig dafür ist ein Team von sechs Sozialpädagogen. Die Nachtwache übernehmen abwechselnd zehn Personen, in der Regel sind das Laien. So könne ­sichergestellt werden, dass im Heim stets ein Erwachsener anwesend sei. Auf die Frage, ob die Kinder psychologische Betreuung erhielten, antwortete Schnellmann, dass dies kaum machbar sei, aufgrund der Finanzen und der Sprachbarriere. Zudem müssten die Betroffenen dies selber wollen, was aus kulturellen Gründen selten vorkomme.

Die Jugendlichen sollen mit Unterstützung der Sozialpädagogen im Heim selber kochen, einkaufen und das Gebäude reinigen. Die Freizeit können sie weitgehend individuell gestalten. Beliebt seien vor allem Fussballplätze, sagte Schnellmann. Am Wochenende werde jeweils ein Ausflug organisiert. «Zum Beispiel zum Eislaufen oder ins Schwimmbad.» Je nach Asylstatus erhalten die jungen Asylbewerber für Lebensmittel, Mobilität, Telefon et cetera 13 oder 16 Franken pro Tag. Für Kleider kommen halbjährlich rund 190 Franken hinzu. Im Heim gilt Alkohol- und Rauchverbot. Bei Verstössen sind Sanktionen möglich. So wird ihnen etwa die Zeit am Computer gekürzt oder sie müssen mehr reinigen.

Mehrere Anwohner stellten Fragen zum Unterricht der Asylbewerber, der im Heim selber stattfinden soll. Verantwortlich dafür ist die Schulgemeinde Wiesendangen. Schulpräsident Daniel Schmid begrüsst die vorgesehenen Einschulungsklassen im Heim. Denn so könne der Bildungsstand abgeholt und ein allfälliger Wechsel in die reguläre Schule erleichtert werden. «30 Kinder direkt in Regelklassen zu integrieren, wäre schwierig gewesen», sagte er. Zudem lerne die Schule die Kinder so frühzeitig kennen. Unterrichtet würden im Heim vor allem Deutsch, aber auch Mathematik oder Singen. Soziale Aspekte spielten ebenfalls eine wichtige Rolle. Weiter erwähnte Schmid, dass der zusätzliche Unterricht für die Schulgemeinde kostenneutral sei. Als ihn ein Anwohner auf mögliche Widerstände bei der Integration ansprach, antwortete Schmid, dass dies zwar nicht ausgeschlossen sei, Integration für beide Seiten aber auch förderlich sein könne.

Die Politische Gemeinde ist am Projekt nicht beteiligt, wie Gemeindepräsident Kurt Roth betonte. Das Gebäude gehöre einem Investor, der es an die AOZ vermietet (Kasten). Rafael Rohner

Teamleiter Thomas Schnellmann in der Küche des Heims und am Infoabend mit Anwohnern und AOZ-Kommunikationsleiter Thomas Schmutz. Heinz Diener (Landbote)

(Erstellt: 28.01.2016, 22:05 Uhr)

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