Fussball

Ein mittleres Wunder

Eine Halbzeit lang klar dominiert, schaffte es der FCW doch in die Cup-Halbfinals: Er holte gegen die Young Boys ein 0:2 auf und gewann nach 121 Minuten das Elfmeterschiessen 5:3. Er ist nach einer sehr erstaunlichen Steigerung erstmals seit fünf Jahren wieder unter den letzten vier.

Unbändige Freude über das sensationelle Weiterkommen: die Spieler des FC Winterthur stürmen nach dem entscheidenden verwandelten Elfmeter Richtung Schütze Silvio.

Unbändige Freude über das sensationelle Weiterkommen: die Spieler des FC Winterthur stürmen nach dem entscheidenden verwandelten Elfmeter Richtung Schütze Silvio. Bild: Keystone

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Es gab im mit knapp 10 000 Zuschauern besetzten Wankdorf keinen, dem bei Halbzeit nicht sonnenklar gewesen wäre, dass die unsägliche Serie von Berner Cup-Niederlagen gegen unterklassige Gegner an diesem Abend keine Fortsetzung erfahren würde. Denn die Young Boys führten nicht nur 2:0, sie waren auch so klar überlegen, wie man das gemeinhin von einem Zweiten der Super League gegen einen sportlich kriselnden Neunten der Challenge League erwartet.

Aber Fussball ist nun mal eine spezielle Sportart, und die Cup-Eigenschaften der Young Boys sind noch spezieller. Wie sie es schafften, ihre Reihe von Misserfolgen gegen Aussenseiter fortzuschreiben, war schon aussergewöhnlich. Aber nicht minder aussergewöhnlich war, wie sich die Winterthurer in dieser zweiten Halbzeit steigerten. Nun spielten sie so, dass man nach 90 Minuten sagen konnte, es sei durchaus gerechtfertigt gewesen, dass aus diesem 0:2 ein 2:2 wurde. Nun kämpften sie nicht nur, sie waren auch mutig und spielstark.

So ausgelassen feierten die Winti-Fans den aussergewöhnlichen Cup-Triumph bei der Rückkehr am Winterthurer Bahnhof. Video: Rafael Rohner

Das Glück in der Verlängerung

Gewiss, in der Verlängerung waren die Berner dann klar überlegen, die Winterthurer verlegten sich weitestgehend auf die Chance, die sie sich in einem Elfmeterschiessen ausrechneten – wie damals im November 2011, als die Young Boys in einem Achtelfinal auf die Schützenwiese gekommen und dann in der Kurzentscheidung nach einem 1:1 ausgeschieden waren. Es gab die eine oder andere Szene, in denen das für die Berner erlösende 3:2 hätte fallen können, wenn nicht müssen. Aber ihr Topskorer Guillaume Hoarau traf zuerst die Latte, dann den Innenpfosten, und Yoric Ravet köpfelte aus bester Position schwach daneben.

Die Spielzusammenfassung des Schweizer Fernsehens.

Aber da war eben schon nicht mehr die Sicherheit zu erkennen, die einer wie Hoarau ganz am Anfang ausgespielt hatte. Da brauchte er nach einem bösen Fehler Julian Roths, einem von Torhüter Minder abgewehrten Ball und einem Zuspiel Thorsten Schicks die Kugel nur noch ins leere Tor zu schieben. Das 2:0 war ein 18-m-Freistoss Leonardo Bertones nach einem mit einem Foul gestoppten Konter der Young Boys.

Silvio trifft, Minder hält

Die Winterthurer Tore waren nach gut einer Stunde binnen fünf Minuten gefallen – und sie versetzten die Berner in einen nervlichen Zustand, der ihnen schliesslich das neuerliche – aus ihrer Sicht schmähliche – Cup-Out einbrockte. Zuerst enteilte Silvio mit einem weiten Pass Roths der Berner Abwehr. Er lupfte den Ball dann über Torhüter Yvon Mvogo hinweg – damit hatte er auch im fünften Pflichtspiel dieses Jahres ein Tor geschossen. Geradezu perfekt herausgespielt war dann das 2:2: Guillaume Katz, Silvio, Karim Gazzetta, Schättin und – nach dessen Rückpass – Manuel Sutter waren am Ball, ehe der über die Linie flutschte. Teils wars gar Direktspiel.

Diese beiden Tore, ja die auch offensiv erstaunliche zweite Halbzeit ihrer Mannschaft durften die rund 800 Winterthurer Fans vor ihrer Kurve geniessen. Und vor ihnen wurde dann auch das Elfmeterschiessen ausgetragen. Mit Winterthurern, die begannen und der Reihe nach verwerteten – wie damals vor fünf Jahren auf dem Weg in die Halbfinals zuerst gegen YB und dann auch gegen den FC St. Gallen. Leandro Di Gregorio, Arxhend Cani und Patrik Schuler schossen allesamt in die – vom Goalie aus gesehen – rechte Ecke, danach Manuel Sutter und Silvio in die andere. Die Vorentscheidung erzwang Minder, der FCW-Cupgoalie, mit seiner Parade gegen den zweiten YB-Schützen, Ravet. Und die Entscheidung war dann, wie Silvio den Ball souverän an Mvogo vorbeischob. Es war bemerkenswert, wie kühl, wie souverän alle fünf Winterthurer ihren Elfmeter verwerteten.

Mit sieben Neuen

Damit hatte der FCW geschafft, was ihm zuletzt im Spätherbst 1972 (!!!) gelungen war: Er hatte einen Cupmatch gegen einen Nationalliga-A- oder – heutzutage – Super-League-Klub auf dessen Platz gewonnen. Damals war es in einem Viertelfinal mit Hin- und Rückspiel ein 2:1 in Sion, dem ein 2:1 auf der Schützenwiese folgte. Aber damals war der FCW, mitten in seinen besten Jahren, ein Spitzenklub der Nationalliga A – und nicht ein vom Abstieg bedrohter Neunter zweiter Klasse.

Die Pressekonferenz der beiden Trainer nach dem Spiel. Quelle: youtube.

Das war insofern ein mittleres Wunder, als die Winterthurer in diesem Frühjahr ja mehrheitlich schwächere Leistungen geboten hatten – und wie sie gestern be-gannen, deutete wenig auf dieses glorreiche Ende hin. Umberto Romano und Dario Zuffi hatten im Vergleich zum samstäglichen Match in Schaffhausen gleich sieben neue Spieler aufgestellt, teils freiwillig, teils gezwungen. Im Goal stand Minder – der einen erstklassigen Match machte. Fehlerfrei, auch mit dem Fuss immer wieder sauber. Sein bisher grösstes, vor allem auch wichtigstes Spiel.

In der Abwehr standen mit Schuler und Roth neben Katz zwei Neue. Roth erholte sich allmählich von seinem Fehlstart, Schuler und Katz gehörten zu den wenigen, die von Anfang an gut spielten. Katz machte, selbst gegen Hoarau, seinen mit Abstand besten Match seit langer, langer Zeit.

Ins Mittelfeld kehrte, erstmals seit seinem Fussbruch Ende Oktober, Marco Mangold zurück – und er war gleich wieder der «Sechser », der in dieser Rolle wohl der beste im FCW-Kader ist. An seiner Seite stand der Romand Gazzetta – bei seinem Debüt im «Eins» des FCW. Und er war gut. In Abwesenheit Michel Avanzinis war Di Gregorio diesmal rechter und nicht linker Aussenläufer. Auch er anfangs reichlich zaghaft, in der zweiten Halbzeit aber so gut wie noch nie für den FCW.

Wieder «Romano-Wechsel»

Neu in der Startelf waren auch Tobias Schättin als linker Aussenläufer und Luka Sliskovic als Stürmer. Für Sliskovic und den eher enttäuschenden Luca Radice kamen dann nach knapp einer Stunde Manuel Sutter und Arxhend Cani – zwei Minuten später stands 1:2, sieben Minuten später 2:2. Und man kann sagen, es seien – anders als in Schaffhau-sen – wieder «Romano-Wechsel» gewesen. Denn einer der Neuen, Sutter, schoss das zweite Tor. Wichtiger aber war, wie sich die Neuen grundsätzlich einfügten, schliesslich auch noch Tiziano Lanza für Schättin. Und Manuel Sutter ab jenem Moment auch als linker Aussenläufer ...

Spätestens nach seinem ersten Tor war der FCW eine Mannschaft, die im Verhältnis zu so manchem Match in letzter Zeit nicht wiederzuerkennen war. Kämpferisch einwandfrei, weil in jedem Moment solidarisch, und spielerisch so gut, dass es gegen die Abwehr der Nummer 2 des Landes zu zwei Toren reichte. Und dazu, den Young Boys ein weiteres Mal die Chance zu rauben, einen Titel zu gewinnen. Es bleibt vorderhand bei 1986 für den letzten Meistertitel, 1987 für den letzten Cupsieg. Und der FCW kann seinen Job, den Platz in der Challenge League zu behaupten, als Cup-Halbfinalist angehen.

Die schönsten Bilder des historischen Triumphes. Bilder: Milad Ahmadvand.

(landbote.ch)

Erstellt: 02.03.2017, 01:35 Uhr

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