Emmanuel Pahud

«Mozart ist eine stetige Erfrischung»

Mit einer kleinen Schweiz-Tournee beehrt der kosmopolitische Flötist sein Heimatland. Das Barockprogramm erklingt mit dem Zürcher Kammerorchester unter Willi Zimmermann.

Als gereifter Musiker und ohne seine charakteristische Goldflöte zeigt sich Emmanuel Pahud auf seiner aktuellen CD «CPE Bach Flute Concertos».

Als gereifter Musiker und ohne seine charakteristische Goldflöte zeigt sich Emmanuel Pahud auf seiner aktuellen CD «CPE Bach Flute Concertos». Bild: Denis Felix

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Ihre Virtuosität ist mit einer geradezu überschäumenden Spielfreude gepaart. Wenn Sie auf der Bühne stehen und die Musik interpretieren: Spielen Sie dann eigentlich für sich oder für das Publikum?
Emmanuel Pahud: Es ist beides gleichzeitig. Natürlich gibt es Momente, wo man die Musik zelebriert, und man muss selberdavon überzeugt sein, man darf nichts «darstellen», sondern man muss «sein» in dem Moment. Aber es ist unterschiedlich. Wenn ich zum Beispiel Debussy spiele – seine Musik ist für mich so intim, dass das Publikum fast stört. Das ergibt einen Moment des Voyeurismus im Konzert, da spiele ich viel lieber in der Generalprobe, bis wir eingespielt sind und die Luft hinter uns schwingt. ­Vielleicht sollte das in einer Art Dämmerung auf der Bühne stattfinden.

Sie spielen immer häufiger von einem Tablet und nicht mehr vom Notenblatt.
Ich habe das Tablet zwar auf der letzten Tournee irgendwo liegen lassen, aber zwei Tage später wurde es wieder gefunden und ich bekomme es bald zurück . . . Jedenfalls kann man so auch über neue Aufführungsformen nachdenken, in Zusammenarbeit mit Akustikern und Regisseuren: Die Beleuchtung auf der Bühne muss zum Beispiel nicht mehr so grell sein, denn die Noten leuchten selbst. Die Konzertsituation kann man damit ganz anders gestalten und die konventionelle Form «Bühne – Versammlung» auflösen, damit die Leute die Musik «sehen». Denn dass die musikalische Botschaft menschlich rüberkommt, das ist mein Job.

Kleine Kostprobe von Emmanuel Pahud CPE Bach Flute Concertos. Warner Classics via Youtube

Das Programm Ihrer Schweiz-Tournee mit dem Zürcher Kammerorchester unter Willi Zimmermann beinhaltet das Flötenkonzert C-Dur von Ignaz Pleyel, das Sie schon auf Ihrer CD«Revolution» präsentiert haben.
Es ist ein Stück von grossen Ausmassen, es dauert über 23 Minuten. Das ist so lang wie das Mozart-G-Dur-Konzert, also die längste Proportion, die man für Flöte damals geschrieben hat. Pleyel selbst klingt wie Mozart, ist aber kein Mozart. Also vom Stil her sehr klassisch, er war ja ein Schüler von Haydn. Der hat ihn auch zu sich nach London geholt, aber als Pleyel zu erfolgreich wurde, hat er ihn wieder nach Hause geschickt!

Ich finde, Pleyel war ein sehr inspirierter Melodist. Allein die Orchestereinleitung ist sehr thea­tralisch und bringt viele Farben mit sich. Es hat eine gewisse Virtuosität, auch Dramatik in der Schreibweise, die die Elektrizität in der Luft von damals widerspiegelt: Es ist eine Hommage an diese leider kriegerische Revolutionszeit, hat aber auch Stolz und Eleganz und ist unglaublich geschmackvoll.

Dazu erklingt das Andante C-Dur für Flöte und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart. Letzteres ist ein Stück, das Sie sicher schon als Kind spielen konnten. Wo liegt für Sie heute, als 47-Jähriger, der Reiz darin?
Mozarts Andante ist wie eine Opernarie. Es ist frei von der Form des Flötenkonzerts, es ist wahrscheinlich eine Skizze oder ein Anfang oder eine Alternative zu einem Satz in einem seiner Flötenkonzerte. Vielleicht etwas, das er nicht vervollständigt hat, denn er hat seinen Auftrag für Flötenwerke nicht komplett erfüllt. Es ist ein Stück Paradies in der Musik. Natürlich spielt man es relativ früh in der Laufbahn, weil es von der Fingerfertigkeit nicht so extrem virtuos ist, aber es verlangt von der Atemführung her viel Können, auch der Ausdruck auf den langen Tönen ist etwas, das erst schön klingt, wenn man sein Instrument technisch meistert. Mozart ist eine stetige Erfrischung für mich. Ich spiele seine Flötenkonzerte seit nunmehr 32 Jahren und entdecke immer wieder Sachen darin, obwohl ich sein Schaffen für Flöte kreuz und quer studiert habe.

Ein Wort zur Zusammenarbeit mit dem ZKO, bitte.
Willi Zimmermann kenne ich schon seit meiner Basler Zeit, da war er schon ein prominenter Schweizer Geiger und ich noch keine 20 Jahre alt. Meine Lehrer, André Jaunet, Peter Lukas Graf und Aurèle Nicolet haben alle mit Edmond de Stoutz und dem Zürcher Kammerorchester gespielt. Das ist ein fester Bestandteil dank des reichen Repertoires für Kammerorchester und Flöte.

Sie spielen dabei im Schauspielhaus im Pfauen, das akustisch nicht für Konzerte optimiert ist.
Ja, es mag eher für Sprechtheater gemacht sein, aber das bekommen wir schon zum Schwingen, zum Rocken. Auch auf die Konzerte in Bern und Chur freue ich mich.

Bitte drehen Sie doch einmalan dieser Spieluhr (es ertönt «Die Zauberflöte: Das klingetso herrlich»). Was denken Sie, wenn Sie das hören?
Da denke ich wieder an meine Jugend. Ich war immer so gerne in der Oper, gerade in der «Zauberflöte», das ist doch auch mein Instrument. Ich mag das Verspielte und dennoch Ironische an dieser Musik. Da steckt natürlich mehr Zweideutigkeit darin als in dieser kleinen Box für Touristen.

Pleyel und Mozart waren nicht nur Zeitgenossen und beideÖsterreicher, sie waren auch Freimaurer. Gehören Sie ebenfalls einer Loge an?
Nein, ich bin Mitglied von keiner anderen Vereinigung als den Berliner Philharmonikern.

Fühlen Sie sich als Schweizer, oder ist Genf nur Ihr Geburtsort?
Viel mehr eigentlich! Ich habe Blut aus dem Waadtland von meinem Vater und Grossvater und meiner Grossmutter mütterlicherseits. Die Vorfahren waren Schweizer, die im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlichen Gründen über den Rhein ins Elsass – damals noch Deutschland – geflüchtet sind. Zwei Jahre später war das Elsass Frankreich, deswegen ist diese Seite auch französisch geworden. Die schweizerische Herkunft fliesst in meinen Venen, egal ob ich im Hotel bin in Singapur oder in Rio de Janeiro oder zu Hause in Berlin.

Sie haben nicht nur äusserlich Gemeinsamkeiten: Die Komponisten Ignaz Josef Pleyel (l.) und Wolfgang Amadeus Mozart. Bild: zvg

Wann kommen Sie denn nochin die Schweiz?
Wir gehen mit der Familie, Eltern, Bruder, Kindern und soweiter regelmässig Ski fahren, an verschiedenen Orten, und im Sommer treffen wir uns ebenfalls. Denn natürlich ist die Schweiz eines der schönsten Länder der Welt. Ich war immer begeistert, wenn ich mich etwas länger in der Natur aufhalten konnte, nach dem Stadtleben – wie meine Lungen auflebten und das Flötenspiel auch!

Sie sind aber ebenso Franzose und der französischen Kultur sehr nahe. Frankreich hat Sie als Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet.
Ja gut, der französische Staat hat mir einen Orden gegeben, aber den geben sie auch ausländischen Künstlern wie Silvester Stallone. Von daher ist es keine Exklusivität, aber es ist toll. Ich bin dankbar, dass es anerkannt wird, aber viel mehr als das, glaube ich, soll es nicht bedeuten. Wenn man berühmt werden möchte, dann sollte man etwas anderes machen als klassische Musik oder Jazz. Das sind nur sechs oder sieben Prozent des Musikmarkts.

Trevor Pinnock, mit dem Siezuletzt die Flötenkonzerte von Carl Philipp Emanuel Bacheingespielt haben, gilt alsMeister des Originalklangs.
Unter anderem, ja.

Wieso hat er Ihnen einmodernes Instrument erlaubt?
Er ist ja schon in den Achtzigerjahren mit Jean-Pierre Rampal auf Tournee gegangen und hat am Klavier mit ihm Bach-Sonaten gespielt. Er war nie nur ein Spezialist mit Instrumenten aus der Zeit, aber es war ein grosses Projekt, das ihn 30 Jahre lang beschäftigt hat. Es geht um die Weise des Herangehens an die Musik: Mit modernen oder historischen Instrumenten hat man natürlich unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Wichtig ist, wie wir das bedienen, um Musik daraus zu machen, um diesen Text wieder so zu beleben, wie wir uns vorstellen, wie der Komponist das gemeint hat. Authentizität hin oder her – keiner von uns weiss, wie man damals gelebt hat.

Wie haben Sie sich dieserEpoche angenähert?
Man kann sich das gar nicht vorstellen. Man müsste ohne Elek­trizität, Heizung, Telekommunikation komplett anders leben. Es gab ja gar keine Konzerte in der heutigen Form; in einem Salon in einem Schloss höchstens. Der Weg dahin fordert von uns, dass wir ins Musikinstrumentenmuseum gehen und Instrumente von Friedrich dem Grossen ausprobieren, dass wir in seinemSalon auch einmal spielen und einen Gusto für diese Musik bekommen. Und diese Schritte haben wir gemeinsam gemacht, mit der Kammerakademie Potsdam, die dort auch zu Hause ist.

Welche Vorteile hat denn eine Goldflöte?
Einige meiner Kollegen meinen, die Holzflöte klingt besser. Ich finde, die Holzflöte brennt besser im Kamin! Nein, Spass beiseite. Für mich ist Gold, 14 Karat, besonders ausgewogen und erlaubt mir, in allen möglichen Besetzungen zu spielen. Wenn ich eine Holzflöte spiele, bin ich zu begrenzt, was die Tragfähigkeit des Klangs und die Dichte betrifft. Eine Silberflöte, wie ich sie als Student gespielt habe, ist zwar sehr flexibel, aber etwas kernlos im Piano oder im Forte im Klang zu rauschig.

Im Sommer findet bereits die 25. Ausgabe Ihres Kammermusikfestivals Musique à l’Emperi in der Provence statt, das Sie mit Paul Meyer und Eric Le Sage ins Leben gerufen haben. Ist das eine Gelegenheit, das Konzept zu überarbeiten?
Wir werden sehen, was die Zukunft bereitet, wir wollen es einfach nur geniessen. Das Prinzip ist: Wir machen, was wir wollen, mit wem wir wollen. Es ist ein Labor, ein Ort der Begegnung, ein Ort des Zusammenwachens. Sogar unsere Kinder haben jedes Jahr dort die Ferien zusammen verbracht, und selbst mit 18 oder 20 Jahren – so alt sind meine Kinder – machen sie Jahr für Jahr Pläne für den Sommer. Es ist auch ein freundschaftliches und familiäres Rendez-vous. Wir versuchen, nicht alt zu werden, sondern unsere verlorene Jugend nicht zu vergessen und die Musik mit unserer Euphorie am Leben zu erhalten. Und so lang unsere Körper durchhalten und unsere musikalischen Fähigkeiten sowie das Publikum mitmachen, finde ich es eine ganz schöne Sache.

In der Tat gibt es Schweizer und andere internationale Gäste, die ein Ferienhaus in Südfrankreich haben und nach dem Opernfestival in Aix-en-Provence und dem Klavierfestival in La Roque d’Anthéron sich auch ­gerne Zeit für andere Musik nehmen.

Haben Sie schon einmal erlebt, eine Partitur, die Sie nichtkannten, aufzulegen und dann zu fühlen: Das habe ich doch schon gespielt?
Ja, tatsächlich. Ich habe so viele Noten gefressen als Teenager im Pariser Conservatoire oder durch meine Tätigkeit beim Kammermusikfestival. Manchmal war ich durch den Wind, habe 28 Stücke in Salon-de-Provence gespielt, innerhalb von zehn Konzerten. Plötzlich erkannte ich in den Noten meine Schrift wieder. Oder erst nach drei Tagen kommt beim Spielen eine andere Ebene des Gedächtnisses ins Spiel und der Körper erinnert sich auf einmal an die Bewegung, das Wesen. Ich mache es nicht mehr so, das war auch die Erfahrung. Daraus habe ich gelernt, etwas weniger zu machen oder nur, was ich gut kenne. (Landbote)

Erstellt: 15.05.2017, 14:59 Uhr

Emmanuel Pahud und das ZKO

Sonntag, 21. Mai, 16 Uhr.
Schauspielhaus Zürich.
Ausserdem 19. Mai, Zentrum Paul Klee, Bern/20. Mai, Theater Chur.

Emmanuel Pahud Im Gespräch

Der Soloflötist der Berliner Philharmoniker erscheint in einer Probenpause zum Interview. Mit dem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko, dem Nach­folger von Simon Rattle, hat er soeben Tschaikowsky geprobt sowie Mozart – mit dem sich Emmanuel Pahud (*1970) das Geburtsdatum teilt.
Der schon als «Jahrhundertflötist» bezeichtete Musiker schützt seinen Hals an diesem kühlen Frühlingstag mit einem grünen Schal. In dem geschäftigen Treiben hinter den Kulissen der Berliner Philharmonie ist er um eine konzentrierte Gesprächsatmosphäre bemüht und holt aus, um die historischen Sachverhalte zu erklären. Er spricht dicht und «allegro assai». Pahud gehört dem Orchester seit 1993 an, war 2007 bis 2010 auch dessen Medienvorstand. Er lebt in Berlin, wenn ihn seine umfangreichen Engagements als Solist oder Mitglied des Ensembles Les Vents Français nicht auf weltweite Reisen schicken. Auf die Frage, was er inzwischen von den Berlinern angenommen habe, antwortet er mit einem Hauch französischem Akzent: «Vielleicht die Berliner Schnauze.»
Der Franko-Schweizer ist auf Dutzenden Musik-CDs vertreten; mehrere seiner Soloaufnahmen gewannen Echo-Klassik-Awards und zeitgenössische Komponisten schrieben ihm Stücke auf den Leib. Sein neuestes Werk stellt die Flötenkonzerte von Carl Philipp Emanuel Bach vor. Im April ist er schon wieder im Studio. (gsp)

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