Fortgehen, um anzukommen

Das Programm der 51. Solothurner Filmtage ­präsentiert sich breit ­gefächert und bunt. Etliche ­Premierenfilme begleiten ihre Prot­ago­nis­ten auf Reisen.

Die Schauspielerin Sabine Timoteo macht sich im Film «Zen for Nothing» in Japan auf die Suche nach der Weisheit des Zen.

Die Schauspielerin Sabine Timoteo macht sich im Film «Zen for Nothing» in Japan auf die Suche nach der Weisheit des Zen. Bild: pd

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Sabine Timoteo verbringt einige Monate in einem japanischen Zen-Kloster. Mathias Gnädinger begleitet einen aufgeweckten Zehnjährigen in die Heimat der Sumoringer. «Der Goalie bin ig»-Star Marcus Signer ist als gestresster Vater mit seiner Filmfamilie auf einem Hardcore-Wandertrip in Island: Hinaus in die Welt, auf ferne Inseln, in abgelegene Oasen der Einkehr und Stille treibt es die Prot­ago­nis­ten von «Zen for Nothing», «Der grosse Sommer» und «Welcome to Iceland». Die drei Filme – sie erfuhren diese Tage in Solothurn wenn nicht alle ihre Welt-, so doch zumindest ihre Europapremiere – sind Werke gestandener Regisseure und könnten unterschiedlicher nicht sein.

«Der grosse Sommer» von Stefan Jäger zeigt den letztjährig verstorbenen Mathias Gnädinger in seiner letzten grossen Rolle als ehemaligen Schwingerkönig und ist eine berührende Komödie. Er startet diese Tage regulär im Kino, eine gesonderte Besprechung folgt in dieser Zeitung.

Felix Tissis «Welcome to Iceland» führt, wie viele frühere Filme des Berners, in die landschaftliche Verlorenheit. Es ist ein Roadmovie, das weitgehend abseits der Strasse in den dunklen Lavalandschaften Islands spielt, und dreht sich im Kern um den verzweifelten Versuch eines Mannes, seine Familie zu retten.

Dass der Film zugleich die Geschichten von Gattin und Kindern erzählt, die mit ihrem Vater auf dem Survivaltrip das Schoggi-Naschen und das Lachen verlernen, ist logisch. Dass die vier auf ihrem tagelangen Marsch zwar nie an einem Hof vorbeikommen und keinem Einheimischen begegnen, ihre Wege sich dann aber doch mit denjenigen eines sich ewig streitenden Liebespaares sowie eines suizidalen Egozentrikers mit Transistorradio kreuzen, ist weniger logisch.

Dass alle Figuren dann auch noch perfekt Deutsch reden und sich binnen weniger Tage so gut mögen, dass windeilig neue Liebesallianzen entstehen, drückt den Film, der doch eigentlich ein durchaus ernstes Thema behandelt, leider etwas unnötig in die Ecke der skurrilen Groteske; bildlich stark und irgendwie gmögig ist er trotzdem.

Zenmeditation

Ins Dokumentarische dann zielt «Zen for Nothing». Der Film von Werner Penzel begleitet die Schauspielerin Sabine Timoteo während eines mehrmonatigen Aufenthalts im Zenkloster Antaiji auf einem Hochplateau an der Westküste Japans. Man ist da eingerichtet auf Gäste, von denen die einen länger, die anderen kürzer bleiben. Freundlich empfangen, in ein Zimmer geführt und unterwiesen in der Benutzung japanischer Toiletten, gilt es für Timoteo fortan am Klosteralltag teil­zunehmen. Tagwacht ist früh­morgens um vier. Es folgen Meditation, Frühstück, Meditation. Immer wieder: Meditation. Knien, Sitzen, aufrechte Haltung, Schweigen. Sich verlieren in Gedanken oder im Nichtdenken. Dazwischen: Alltag. Kochen. Gartenarbeit. Gespräche. Mit anderen, die da sind: Mönchen, Gästen, dem Abt des Klosters, der ursprünglich aus Berlin kommt. ­Ankommen und Sein in der Gegenwart. Auch: Musik machen. Mit Singsang beten. Wohltuend fürwahr, auch als Film. Im Off Weisheiten des japanischen Zenmeisters Kodo Sawaki, der da kernig behauptet: «Zen bringt uns überhaupt nichts.» Ein Film, der zum Nachdenken und – mit einem grossartig sorgfältigen Fred-Frith-Soundtrack ausgestattet – zum Hören anregt.

Nahes Paradies

Es sind die drei Filme, wie gesagt, sehr verschieden. Und doch begleiten sie alle drei ihre Prot­ago­nis­ten auf ihrer Reise weniger in fremde Länder als zu sich selber. Sie führen weg aus dem Alltag in der Schweiz, der heute allgegenwärtigen Hektik und Hetze und sind, auch wenn sie dies explizit nicht so sagen, vielleicht auch eine Reaktion darauf. Doch man muss, auch das konnte man in Solothurn sehen, nicht weggehen, um im Paradies anzukommen. Es gibt da diesen einen grossartig kleinen neuen Film, «Fragments du paradis» des Waadtländers Stéphane Goël. Dieser begleitet seinen 79-jährigen Vater, einen ehemaligen Landwirt, auf einer Wanderung zu einem Plätzchen hoch oben auf der Alp, das dieser in jungen Jahren entdeckte und wo er seine Asche dereinst verstreut haben möchte. Es sei dies für den Vater ein paradiesischer Ort, der ihm Kraft gab und an den er auch zurückkehrte, wenn ihn Sorgen plagten. Eingeschnitten in diese Wanderung finden sich Aussagen von anderen Menschen, die Stéphane Goël am Ende ihres Lebens nach ihren Vorstellungen vom Tod, Jenseits und Paradies befragte. Was dabei zustande kam, präsentiert sich nun als buntes Panoptikum humorvoll lebensweiser und sehr menschlicher An- und Zuversicht(en): Er ist tatsächlich vielfältig gut und stark unterwegs, der Schweizer Film in Solothurn 2016. (Der Landbote)

(Erstellt: 24.01.2016, 17:08 Uhr)

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