Zürich

Batterien durch die Luft aufladen

Die Fahrzeugherstellerin Bombardier verfügt über eine Technologie, die Dieselbusse zum Verschwinden bringen könnte. Die VBZ geben sich abwartend kritisch.

Elektrische Spulen in der Bodenplatte und an der Unterseite des Busses machen es möglich: Die Batterie wird ohne Stecker aufgeladen.

Elektrische Spulen in der Bodenplatte und an der Unterseite des Busses machen es möglich: Die Batterie wird ohne Stecker aufgeladen. Bild: pd

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Dieselbusse eliminieren und damit die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen senken ist das Hauptziel von Christian Köbel. Am liebsten natürlich mit der ­Primove-Technologie, die Köbel als Produktverantwortlicher bei Bombardier in Oerlikon mitentwickelt.

Der Clou an Primove ist das Ladesystem für die batteriebetriebenen Elektrobusse: Es basiert auf der magnetischen Induktion – ähnlich wie gewisse elektrische Zahnbürsten. An den Endhaltestellen werden fünf mal zwei Meter grosse Bodenplatten mit einer elektrischen Spule eingebaut. Die Spule erzeugt ein magnetisches Feld. In einer zweiten Spule auf der Unterseite des Busses wird ein elektrischer Strom induziert. Damit wird dann die Batterie aufgeladen.

Ohne Ladestopp geht es nicht

Sobald der Bus über der Bodenplatte hält, beginnt automatisch der Ladevorgang – ohne jede Berührung. Bombardier gibt den Wirkungsgrad mit über 90 Prozent an. Es geht also ein Teil der Energie verloren. Eine Minute Ladezeit reicht aus, damit der Bus zwei Kilometer zurücklegen kann. Die Batterien sind laut Christian Köbel so ausgelegt, dass ein Bus seine bis zu 15 Kilometer lange Strecke mit einer ganzen Ladung viermal absolvieren kann.

Bei längeren Strecken werden leistungsfähigere Batterien verwendet. Mehr Leistung bedeutet allerdings auch mehr Gewicht. Dies wiederum wirkt sich negativ auf die Zahl der Passagiere aus, die transportiert werden kann. «Mit einer Batterie von 4,5 Tonnen kämen wir ohne aufzuladen durch den Tag», sagt Köbel, «das würde allerdings nicht aufgehen.» Die Achsen der Busse seien samt Passagieren auf ein Maximalgewicht von 19 Tonnen ausgelegt. Bei einem Leergewicht des Busses von 12 Tonnen liessen sich dann nämlich nur noch gut 30 Passagiere befördern.

Die Bombardier-Standardbatterie wiegt 700 Kilogramm. Ohne Ladestopp geht es also nicht. Gerade während der Hauptverkehrszeiten bleibt aber wenig Zeit an den Endhaltestellen, bis sich der Bus wieder auf den Weg machen muss.

Im Hauptverkehr, so Köbel, komme man dank der Batteriekapazität ohne vollständiges Aufladen über die Runden. Da reiche es aus, die Zeit während des Ein- und Aussteigens der Passagiere zu nutzen. Ausserhalb des Hauptverkehrs würden die Busse an den Endstationen dafür gut und gerne fünf Minuten pausieren – das zumindest beobachte er auf seinem Arbeitsweg beim Bus, der zwischen Kilchberg und Bürkliplatz verkehrt.

Etwas teurer als Diesel

Gratis ist Primove nicht zu haben. Laut Köbel kostet es zwischen 200 000 und 250 000 Franken, eine Haltestelle mit der Induktionsladetechnologie auszurüsten. Was die Kosten der Batterien anbelangt, sagt Köbel: «Man kann je nach Batteriegrösse mit einem Drittel bis der Hälfte des Fahrzeugpreises rechnen.» Die Lebensdauer der Batterie betrage acht Jahre. Während der 16 Jahre, die ein Bus unterwegs ist, wird die Batterie also einmal ausgetauscht.

Der studierte Ingenieur und Ökonom rechnet vor, dass sich die Bombardier-Technologie – über die ganze Lebensdauer der Systeme – bei einem Dieselpreis ab 1.20 Franken pro Liter lohnen würde. Mit dem aktuellen Preis pro Liter sei Primove über alles gesehen rund 10 Prozent teurer als der herkömmliche Dieselbus.

Die Alltagstauglichkeit ihrer Technologie beweist Bombardier aktuell mit vorerst jeweils einer Buslinie in Berlin, Braunschweig und Mannheim in Deutschland sowie im belgischen Brügge. Für die Zukunft scheint Köbel aus verschiedenen Gründen optimistisch. So weiss er, dass in verschiedenen europäischen Grossstädten zwischen 2020 und 2030 die Busflotten erneuert und auf Elektro umgerüstet werden.

Blick nach China

Die Batterietechnologie entwickle sich rasch weiter. «Bei gleichem Gewicht steigen die Kapazitäten laufend», sagt Köbel. Schützenhilfe könnte von der Autoindustrie kommen: Ein grosser deutscher Autohersteller will die Bombardier-Technologie ab nächstem Jahr für Elektroautos einsetzen. Und auch in China – einem Markt, für den Köbel zuständig ist – zeigt man Interesse. «Kontaktloses Laden ist dort die Zukunft», sagt Köbel. Allein in der Metropole Shanghai sind 10 000 Busse unterwegs. Kein Wunder also, dass die Busbranche nach China schaut, wie Köbel bemerkt.

VBZ beobachten den Markt

Da nimmt sich die Zahl der rund 600 Dieselbusse, die im ganzen Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) unterwegs sind, geradezu bescheiden aus. Von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) ist zu erfahren, dass langfristig Diesel- durch Elektrobusse ersetzt werden sollen – abhängig von der Finanzierbarkeit –, wie es in der Strategie des ZVV heisst. Allerdings stehen momentan Trolleybusse, die mit Oberleitungen betrieben werden, als Lösung im Vordergrund.

Laut VBZ entwickelt sich der Batteriebusmarkt sehr dynamisch. Gelenkbusse würden mit ihrem höheren Fahrzeuggewicht grosse Anforderungen an die Kapazität und Leistungsfähigkeit der Batterien stellen. Die VBZ schreiben aber, sie würden alle Entwicklungen auf dem Markt sehr genau verfolgen. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 25.07.2016, 09:31 Uhr

Was macht die Konkurrenz?

Der Markt für Elektrobusse ist umkämpft

Bombardier ist nicht der einzige Konzern, der sich vom Markt mit den Elektrobussen ein Stück abschneiden will. In diesen Tagen hat ABB bekannt gegeben, dass sie von der Stadt Genf einen Auftrag an Land gezogen hat. Für rund 16 Millionen Schweizer Franken soll sie zusammen mit dem Bushersteller Hess zwölf vollelektrische Busse liefern. Sie sind mit der von ABB entwickelten Schnellladetechnologie ausgerüstet. Laut dem Hersteller verbindet sich der Bus innert weniger als einer Sekunde mit dem Ladekontakt an der Haltestelle. Unterwegs werden die Bordbatterien binnen 15 Sekunden nachgeladen, an den Endhaltestellen erfolgt in vier bis fünf Minuten eine vollständige Wiederaufladung.
In Wien und Göteborg sind Vollelektrobusse mit Siemens-Technologie unterwegs. Geladen wird an den Endstationen mit einem Schnellladesystem.

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