Zürich

«Sauberes» CO2 fürs Gewächshaus

Bei der Kezo in Hinwil entsteht die weltweit erste industrielle Anlage, die Kohlenstoffdioxid aus der Luft filtert. Vom Pilotprojekt erhofft man sich Erkenntnisse für Wirtschaft und Forschung.

Wird ab Mitte 2016 mit CO2 aus einer weltweit einzigartigen Filteranlage beliefert: Das Gewächshaus der Gebrüder Meier in Hinwil.

Wird ab Mitte 2016 mit CO2 aus einer weltweit einzigartigen Filteranlage beliefert: Das Gewächshaus der Gebrüder Meier in Hinwil. Bild: Archivbild Nicolas Zonvi

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Auf dem Gelände der Kehrichtverwertung Zürcher Oberland (Kezo) wird in den nächsten Monaten eine revolutionäre Anlage gebaut: die weltweit erste, die CO2 direkt aus der Umgebungsluft filtert und für die kommerzielle Nutzung an einen Kunden liefert. Beim Abnehmer handelt es sich um die Gebrüder Meier Primanatura AG, welche eines der grossen Gewächshäuser betreibt, das gleich neben der Kezo steht.

Umgesetzt wird das Projekt durch die Zürcher Firma Climeworks, welche die neuartige Technologie zur atmosphärischen CO2-Gewinnung entwickelt hat (siehe Kasten). Nebst der Kezo und den Gebrüdern Meier figuriert auch das Bundesamt für Energie, welches das Projekt finanziell unterstützt, als Projektpartner.

«Ein idealer Standort»

Für die Anlage rechnet Climeworks mit Entwicklungs- und Baukosten von rund 3,5 bis 4 Millionen Franken. Sie soll Mitte 2016 in Betrieb genommen werden und wichtige Erkenntnisse für Forschung und Wirtschaft liefern. «Einerseits möchten wir sehen, wie sich unsere Technologie in der Praxis bewährt, andererseits soll auch die Höhe der Betriebskosten einer solchen Anlage bestimmt werden», sagt Projektleiter Dominique Kronenberg. Rund 900 Tonnen klimaneutrales CO2 soll die Anlage pro Jahr in das vier Hektaren grosse Gewächshaus der Gebrüder Meier liefern.

«Der Standort in Hinwil ist für uns ideal», sagt Kronenberg. Der Energiebedarf der Anlage werde durch die Kezo gedeckt und auch der Abnehmer des CO2 befinde sich in unmittelbarer Nähe. Zudem sei die Anlage auch nicht weit vom eigenen Firmensitz in Zürich-Oerlikon entfernt. Auch aufseiten der Projektpartner ist man erfreut darüber, dass das Projekt nun umgesetzt wird. «Wir standen mit Climeworks schon länger in Kontakt», sagt Markus Meier, Mitinhaber der Gebrüder Meier Primanatura AG. Vor rund sechs Jahren sei die Firma mit dieser Idee auf sie zugekommen. «Und wir waren sofort begeistert, denn es passt hervorragend zu unserer Strategie, möglichst CO2-neutrale und innovative Projekte umzusetzen.»

Eines dieser Projekte der Gebrüder Meier ist das Gewächshaus in Hinwil, das mit Abwärme der Kezo geheizt wird. «Allerdings mussten wir bisher für ein ideales Wachstum der Pflanzen sogenanntes technisches CO2 zuführen», erklärt Meier. «Aus der industriellen Produktion anfallendes CO2 wird derzeit noch mit Tanklastwagen angeliefert und per Schlauchsystem in das Gewächshaus geleitet.» Dieses Vorgehen sei anfänglich als Übergangslösung gedacht gewesen, allerdings habe die Entwicklungsphase des Climeworks-Projekts länger gedauert als ursprünglich gedacht.

Betriebskosten noch unklar Nun ist die Anlage aber bereit, um auf dem Dach eines Kezo-Gebäudes aufgebaut zu werden. «Dabei handelt es sich um vier Elemente in der Grösse von vier 40-Fuss-Schiffscontainern», erklärt Projektleiter Kronenberg. Im untersten dieser Elemente ist die gesamte Prozess- und Regelungstechnik untergebracht, in den oberen drei sogenannte CO2-Kollektoren, welche das Kohlenstoffdioxid aus der Luft filtern. Sie sollen per Kran auf das Gebäude gehievt werden. «Zuvor werden wir das entsprechende Fundament vorbereiten», erklärt Kezo-Geschäftsführer Daniel Böni.

Das Pilotprojekt ist vorerst auf drei Jahre angesetzt. «Unser Ziel ist es aber, die Anlage auch danach weiterbetreiben zu können», sagt Kronenberg. Ausschlaggebend dafür ist unter anderem, ob diese kostendeckend betrieben werden kann. «Derzeit herrscht noch Uneinigkeit darüber, wie hoch die Betriebskosten sein werden.» Einerseits gebe es Annahmen von einem renommierten US-Forschergremium, der American Physical Society, das von Kosten von 600 Dollar pro Tonne so produziertes CO2 ausgehe. In diesem Bereich tätige US-Firmen gehen dagegen von rund 30 Dollar pro Tonne aus. «Wir gehen davon aus, dass wir bereits mit dieser ersten Anlage unter den 600 Dollar pro Tonne liegen», sagt Kronenberg.

Den Gebrüdern Meier werde ein «marktüblicher Preis» für das CO2 berechnet. Markus Meier ist denn auch überzeugt, dass sie das Gewächshaus weiterhin wirtschaftlich betreiben können. (Der Landbote)

Erstellt: 21.10.2015, 21:51 Uhr

Die Direct-Air-Capture-Technologie

Mit speziellem Filtermaterial zu CO2 aus der Umgebungsluft

Die Climeworks AG, die in Hinwil die erste industrielle Anlage zur CO2-Filterung aus der Umgebungsluft plant, wurde 2009 als Spin-off-Unternehmen der ETH Zürich gegründet. Die Anlage basiert auf der von Climeworks entwickelten Direct-Air-Capture-Technologie (DAC).
Diese Technologie basiert auf einem Kreislauf aus Filterung der Umgebungsluft und der Regeneration eines speziellen Filtermaterials. Dabei wird chemisch auf der Oberfläche des Filters das Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre gesammelt. Sobald der Filter gesättigt ist, wird das CO2 per Erhitzung auf rund 100 Grad Celsius von der Filteroberfläche gelöst. Dadurch wird laut Clime-
works hochreines CO2 freigesetzt. Der Filter kann nach diesem Vorgang für weitere solche Kreisläufe wiederverwendet werden.
Laut den Entwicklern ist der grosse Vorteil dieser Technologie, dass rund 90 Prozent des Energiebedarfs aus Niedertemperaturwärme stammen können. Die restliche für den Kreislauf notwendige Energie wird als Strom für die Pump- und Steuerungsvorgänge beim Betrieb der Anlage benötigt. Revolutionär ist, dass die DAC-Technologie das Schliessen des Kohlenstoffkreislaufs ermöglicht. Gemäss Climeworks kann dadurch CO2 aus jeglichen Quellen wiederverwendet werden.
Bereits sind nebst der Pilotanlage in Hinwil weitere Projekte in Planung. So soll die Technologie schon bald auch eingesetzt werden, um CO2 für die in der Getränkeindustrie benötigte Kohlensäure zu gewinnen. Bislang werde dieses CO2 durch die Getränkehersteller vor allem als Industrieabfallprodukt bezogen, das aus der Verbrennung fossiler Treibstoffe stamme.?mm

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