«Die Jugendlichen, die in den Jihad ziehen, sind nur die Spitze des Eisbergs»

Als junger Palästinenser in Israel war Ahmad Mansour ein Islamist. Heute betreut der Psychologe in Berlin Jihad-Rückkehrer. Dass jüngst mehrere junge Winterthurer nach Syrien ausreisten, erstaunt ihn nicht.

«Das Phänomen heisst nicht IS, das Phänomen ist die Radikalisierung unter Jugendlichen»: Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour weiss, warum viele junge Menschen auf den Salafismus ansprechen.

«Das Phänomen heisst nicht IS, das Phänomen ist die Radikalisierung unter Jugendlichen»: Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour weiss, warum viele junge Menschen auf den Salafismus ansprechen. Bild: Matthias Käser

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Ahmad Mansour, woran dachten Sie, als Sie von den jungen Menschen aus Winterthur hörten, die vermutlich nach Syrien in den Jihad gezogen sind?
Das hat mich nicht überrascht. Wir haben es hier mit einem Phänomen zu tun, das sich nicht auf einzelne Städte oder Staaten beschränkt, sondern Jugendliche in ganz Europa betrifft. Jugendliche, die in den Irak oder nach Syrien gehen, um beim IS oder bei al-Qaida zu kämpfen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Noch viel mehr junge Menschen sind radikalisiert und bleiben in Europa. Und manche von ihnen begehen ihre Taten hier, wie sich in Kopenhagen und Paris zeigte. Das Phänomen heisst für mich darum nicht IS. Das Phänomen ist die Radikalisierung unter Jugendlichen.

Ein von der Stadt Winterthur beauftragter Extremismus­experte hält es für Zufall, dass es mehrere lokale Fälle gibt. Man habe nämlich keine ­Vernetzungsstrukturen gefunden. Wie sehen Sie das?
Ob es ein Zufall ist, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls muss man nicht immer nach den grossen Strukturen suchen. Man radikalisiert sich nicht einfach im Internet, aber es braucht auch nicht zwingend eine Organisation dahinterzustecken. Radikalisierungen und Rekrutierungen gehen immer auf eine emotionale Bezugsperson zurück. In einer Stadt wie Winterthur kann es durchaus sein, dass nur ein bis zwei Salafisten aktiv sind, die zu den jüngsten Fällen führten. Wiederum sehe ich durchaus Strukturen, wenn ich lese, dass die «Lies!»-Aktion in Winterthur war. Wir wissen aus Deutschland, dass es bei der Aktion von «Die wahre Religion» nicht nur darum geht, Korane zu verteilen. Es gibt eindeutige Verbindungen zwischen Hilfsprojekten des Vereins «Die wahre Religion» und Rekrutierungen des Islamischen Staats.

Was reizt denn Jugendliche überhaupt am radikalen Islam, dem Salafismus?
Jugendliche, die sich davon angesprochen fühlen, sind immer auf der Suche nach etwas: Orientierung, Halt, Aufgaben, einem dichotomischen Weltbild von Schwarz und Weiss, von Gut und Böse. Psychologisch betrachtet, handelt es sich um verlorene Seelen, denen eine starke Vaterfigur oder mütterliche Liebe fehlt. Viele neu Radikalisierte reden deshalb von einer «zweiten Geburt». Die soziologische Erklärung ist, dass Jugendliche mit der Ideologie rebellieren und sich von der Mehrheitsgesellschaft oder den Eltern abgrenzen. Bei den Salafisten werden sie gebraucht und bekommen das Gefühl, etwas bewegen zu können.

Haben Salafisten also leichtes Spiel bei Jugendlichen?
Ja, aber nicht, weil sie das alles erfunden hätten. Die Inhalte, die sie vermitteln, sind schon in Teilen des Mainstream-Islamverständnisses vorhanden, wo auch eine Angstpädagogik präsent ist. Damit meine ich beispielsweise ein Gottesbild, das klare Vorgaben gibt, keine Zweifel zulässt und bestraft. Ich rede von Buchstabenglaube und von Geschlechtertrennung, die man in Moscheen findet. Jugendliche kennen solche Inhalte schon vor ihrer Radikalisierung. Die Salafisten spitzen sie nur noch zu und sprechen dar­über hinaus die Sprache der Jugendlichen.

Gibt es soziale Schichten, die darauf besonders ansprechen?
Nein, definitiv nicht. Es ist weder ein System speziell für Opfer von Diskriminierung und Rassismus, noch ist es ein Unterschichtphänomen. Unsere Erfahrung zeigt, dass es Menschen aus allen Schichten treffen kann, ob mit oder ohne muslimischen Glauben, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, ob bildungsnah oder bildungsfern. Was man sagen kann, ist, dass Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstrukturen besonders gefährdet sind. Nämlich solche, die emotional oder mental nicht in der Gesellschaft angekommen sind.

In Ihrer Jugend waren Sie selbst ein Islamist. Wie kam es dazu?
Nicht anders als bei vielen anderen. Mit 13 Jahren war ich ein Aussenseiter und mein Leben war langweilig. Bis mich eines Tages ein Imam ansprach und einlud. Darauf war ich stolz. Bei den Besuchen beim Imam lernte ich Freunde kennen und fing an, den Koran zu studieren. Erst als ich glücklich, aber auch abhängig war, stellte der Imam zunehmend die Ideologie in den Vordergrund. Auf einmal ging es um Feindbilder, um den Islam, der über alle anderen siegen wird, oder um die Frau, die sich verhüllen müsse. Ich ging weiterhin zum Imam, weil ich endlich Aufgaben bekommen hatte, unabhängig von den Eltern geworden war und besser als diejenigen, die mich gemobbt hatten.

Wie kamen Sie davon weg?
Das Studium war meine Rettung. In Tel Aviv kam ich in eine ganz andere Umgebung mit neuen Leuten und anderen Büchern. So wurde mir rasch die Doppelmoral des Imams bewusst, wenn er zum Beispiel Gerechtigkeit predigte, seiner Schwester aber das Erbe verweigerte. Trotz dieser Erkenntnis war das Loslösen für mich ein langer Prozess, der mit vielen Ängsten verbunden war und Jahre dauerte.

Wie lässt sich unterscheiden, ob ein Jugendlicher im Radikalisierungsprozess ist oder bloss zum Glauben gefunden hat?
Da gibt es keine Rezepte. Wir müssen das Gespräch suchen und jeden Jugendlichen individuell betrachten. Dabei geht es nicht nur um bestimmte Aussagen, die ein Jugendlicher gemacht hat. Sondern darum, ob sich seine Rhetorik und sein Verhalten verändert haben. Wenn einer plötzlich jeglichen Augenkontakt zu Frauen vermeidet, den Lehrern nicht mehr die Hand gibt, Kunst und Musik ablehnt, dann sind das Alarmsignale.

Radikalisierung ist das eine. Dann in ein Kriegsgebiet zu ziehen, bleibt ein grosser Schritt. Was gibt den Ausschlag dazu?
Die Propagandamaschinerie des Islamischen Staats ist unfassbar gut ausgebaut und spricht unterschiedliche Gruppierungen an, nicht nur gewaltbereite Jugendliche. Es gibt auch Videos des IS, die eine heile Welt versprechen und Menschen anziehen, die islamisch leben wollen, was sie in Europa nicht für möglich halten. Es werden Junge angesprochen, die wegen der humanitären Katastrophe in Syrien Hilfe leisten wollen, vor Ort aber instrumentalisiert werden. Wiederum gibt es junge Frauen, die in den Jihadisten Heldenfiguren sehen und sie heiraten wollen. Und schliesslich sind in Europa auch Hintermänner aktiv, welche Jugendliche aktiv zur Ausreise bewegen.

Was erwartet einen ausgereisten Jugend­lichen in Syrien? Wird ihm ­sogleich eine Waffe in die Hände gedrückt?
Nein. Ist er erst einmal – gegen Bezahlung – von der türkischen Grenze nach Syrien geschleust worden, wird er während einiger Wochen beobachtet. In grossen Schulen wird ermittelt, welche Motivation Ankömmlinge haben: Will er in den Krieg, in eine Koranschule, oder will er bloss in Syrien leben? Einige Jugendliche setzen sich direkt auf die Warteliste für Selbstmordattentate, weil sie möglichst bald sterben wollen, um ins Paradies zu kommen. Die meisten Europäer aber werden als Kanonenfutter an der Front eingesetzt. Sie bekommen eine Grundausbildung, doch die Waffe müssen sie selber bezahlen.

Die Winterthurer Behörden sind von der Häufung der Ausreisen überrascht worden. Was empfehlen Sie ihnen?
Dass sie nicht erst aktiv werden, wenn noch mehr Jugendliche ausreisen. Wir haben es mit einer starken Radikalisierungstendenz bei Jugendlichen zu tun. Sie leben in Europa, tragen aber Werte in sich, die in einer demokratischen Struktur nichts zu suchen haben. Darum muss unbedingt ein Umdenken stattfinden. Nicht nur in der Politik und bei der Sicherheit, sondern vor allem in Schulen.

Wie könnte Prävention denn konkret aussehen?
Wir brauchen neue Konzepte, die berücksichtigen, dass Jugendliche insgesamt religiöser geworden sind und dass sie ihre Religion oft als Ideologie verstehen. Für Schulen bedeutet dies, dass sie die Schüler lehren müssen, Demokratie zu leben und ihre Werte zu verstehen. Da braucht man nicht über IS oder al-Qaida zu reden, sondern über alltägliche Themen wie Geschlechtertrennung, Buchstabenglaube oder die Frage, ob man aufgrund der Meinungsfreiheit religiöse Inhalte kritisieren darf. Es darf nicht passieren, dass immer mehr Jugendliche ein Denken in Schwarzweissbildern annehmen und an Verschwörungstheorien glauben. Denn Themen wie der Nahostkonflikt beschäftigen Jugendliche, aber in der Schule gibt es kaum Raum, um differenziert darüber zu diskutieren. Darum informieren sich Junge im Internet, wo sie auf einseitige Weltbilder treffen, die von Opferrollen und Feindbildern geprägt sind.

Welche Möglichkeiten bleiben den muslimischen Gemeinschaften? Sind die lokalen Imame in der Verantwortung?
Sie sind in der Verantwortung, aber auch ein Teil des Problems. Sie müssen endlich einen alternativen Glauben anbieten, der mit Radikalen nichts zu tun hat. Solange aber in den meisten Moscheen immer noch der Buchstabenglaube gelehrt und die Erneuerung des Islam abgelehnt wird, dann sind das keine Partner für uns. Denn das sind die, die eine Basis für Radikale schaffen. Wir brauchen deshalb dringend eine islamische Reformation.

Weshalb gibt es bisher keine Aufklärung im Islam?
Die meisten Moscheeverbände in Europa sind politisch-ideologisch geprägt und haben kein Interesse an Reformation, weil sie Macht verlieren würden. Für sie ist es viel leichter, zu sagen, Terrorismus habe mit dem Islam nichts zu tun, als sich zu fragen: Wie kann so ein Ungeheuer unter uns entstehen und was müssen wir tun, um das zu verhindern? Der Islam braucht viel mehr kritische Stimmen, die auch Vorbilder für die Jugendlichen sein können.

In Deutschland sind erste jugendliche Kämpfer aus Syrien zurückgekehrt. In welcher Verfassung sind sie?
Ganz unterschiedlich. Es gibt die Jungen, die hochtraumatisiert sind. Es gibt aber auch die Rückkehrer, die in Europa Missionen wie Rekrutierungen oder sogar Anschläge durchführen sollen. Diese müssen intensiv beobachtet werden. Und schliesslich gibt es die Aussteiger, die nichts mehr mit der Ideologie zu tun haben wollen, weil sie festgestellt haben, dass die Realität nicht dem entspricht, was ihnen versprochen wurde. Diese Aussteiger müssen wir für die Präventionsarbeit gewinnen, sofern ihr Zustand das zulässt.

Und wie soll der Staat mit den Rückkehrern umgehen?
Jeder Mensch, der sich einer terroristischen Organisation angeschlossen hat, muss vor Gericht und seine Strafe bekommen. Ich bin der Letzte, der solche Jugendliche entkriminalisieren will. Jedoch reicht eine Strafe alleine auch nicht aus. Im Gefängnis müssen die Jungen deradikalisiert werden. Die nötigen Programme fehlen uns noch. (Landbote)

(Erstellt: 07.04.2015, 21:18 Uhr)

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Zur Person: Ahmad Mansour

Der in Israel aufgewachsene ­Palästinenser zählt zu den wichtigsten Islamismus-­Experten Deutschlands. Der 38-jährige Psychologe lebt seit zehn Jahren in Deutschland und arbeitet in Berlin mit radikalisierten Muslimen, welche die IS-Terroristen bewundern. Neben seiner Tätigkeit als Gruppenleiter beim Heroes-Projekt ist er als Familienberater bei Hayat tätig, einer Beratungsstelle für Deradikalisierung, und als Programme Director bei der Stiftung European Foundation for Democracy in Brüssel.
Für sein Engagement wurde ­Mansour 2014 mit dem Moses-Mendelssohn-Preis ausgezeichnet. Im Oktober 2015 erscheint im Fischer-Verlag sein erstes Buch mit dem Titel «Generation Allah: War­um wir im Kampf gegen religiösen Ex­tremismus umdenken müssen».

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