«El Suizo»: Ein Ex-SVPler als Glücksfall für Kuba

Camaquito ist in Winterthur kein unbekannter Name. Der Sponsorenlauf im Stadtpark gehört zum festen Bestandteil des städtischen Kalenders. Was aber wird mit den Spendengeldern unternommen?

In Camagüey, der drittgrössten Stadt Kubas, hat der Winterthurer Mark Kuster mit seinem Kinderhilfswerk schon mehrere Dutzend Primarschulhäuser saniert und neu eingerichtet.

In Camagüey, der drittgrössten Stadt Kubas, hat der Winterthurer Mark Kuster mit seinem Kinderhilfswerk schon mehrere Dutzend Primarschulhäuser saniert und neu eingerichtet. Bild: pd/jpg

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«Camaquito? Claro que se conoce!» Wen man in Camagüey auch fragt, die Antworten sind einhellig: Eine gute Sache sei die Schweizer Hilfsorganisation, alle profitierten von ihr, die Schulen, das Spital, das Jugendorchester, die Kinder. Und der Mann dahinter, «el Suizo», sei für die Stadt ein Glücksfall; wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.

El Suizo, das ist Mark Kuster, ehemaliger Winterthurer, ehemaliger Verkaufsmanager, ehemaliger Präsident der Schweizer Jung-SVP - und eben: Gründer des privaten Kinderhilfswerks «Camaquito». Seit nunmehr zwölf Jahren lebt Kuster die meiste Zeit in der drittgrössten kubanischen Stadt, wo er sich vollamtlich um die vielen Projekte «seiner» Organisation kümmert.

Che Guevara im Eingangsbereich

«Los niños primero», die Kinder zuerst, lautet der Camaquito-Slogan. Das Motto ist Programm, setzt sich Kusters Organisation in erster Linie für die Interessen von Kindern und Jugendlichen in Camagüey und Umgebung ein. Angefangen mit der Bildung, beziehungsweise den Schulen.

So betraf das allererste Projekt Anfang der Nullerjahren, die komplette Renovation einer Blindenschule, welche von rund hundert sehbehinderten oder gehörlosen Kindern zwischen zwei und elf Jahren besucht wird. Inzwischen konnten schon mehrere Dutzend weitere Primarschulhäuser dank der Schweizer Hilfe saniert und neu eingerichtet werden, besonders solche, die 2008 von den verheerenden Hurrikanen beschädigt oder gar völlig zerstört wurden.

Seit einigen Jahren engagiert sich Camaquito auch im Kulturbereich, wie mit der Unterstützung des Ballett de Camagüey. Augenschein in einem Aussenquartier der Stadt. Wir stehen vor dem Sitz der Ballettkompagnie, einem baufälligen Gebäude im Kolonialstil, wie so viele in Kuba anzutreffen sind. Bröckelnder Mörtel, Risse in den Mauern, fehlende Dachziegel, ein Porträt des Revolutionshelden Che Guevara im Eingangsbereich. Soeben ist eine Reisegruppe aus Europa mit dem Car vorgefahren, um die international renommierte Institution zu besuchen.

Es fehlt an allem

Empfangen werden die deutschen und Schweizer Touristen von der Direktorin, auf ihrem Rundgang werden sie jedoch von Mark Kuster begleitet. Das hat seinen Grund: Im Haus, an dem sechzig professionell ausgebildete junge Tänzerinnen und Tänzer täglich trainieren und abends Tanzkurse für Kinder ab vier Jahren angeboten werden, fehlt es an vielem. Alles wird selber hergestellt, von den Requisiten aus Petflaschen über die Kostüme bis zu den Ballettschuhen.

Trainiert und geprobt wird in einer uralten Turnhalle mit Wellblechdach. Seit einigen Jahren unterstützt Camaquito die Kompagnie mit einem jährlichen Beitrag. Dank der – für Schweizer Verhältnisse bescheidenen – Hilfe konnten die Musikanlage ersetzt, Ventilatoren angeschafft, unumgängliche Reparaturen am Gebäude vorgenommen und die Kostüme und Bühnenbilder zu mehreren Produktionen überhaupt erst realisiert werden.

Berührende Szenen

Szenenwechsel. Aus einem mit einem schwarzen Tuch verhängten Hauseingang an einer belebten Strasse nahe dem Stadtzentrum ist laute Musik zu hören. Der neugierige Besucher tritt ein und findet sich im Halbdunkeln eines Saals wieder, in dem vier Halbwüchsige zu dröhnenden Klängen ab PC komplizierteste Schritt- und Bewegungsfolgen einüben. Die Kinder sind voll bei der Sache. Getanzt wird die Geschichte einer Tochter, die von zuhause auszieht und daran fast zerbricht. Oder die Begegnung eines Jungen und eines gehbehinderten Mädchens im Rollstuhl.

Berührende Szenen, deren Ausführung auf ein kompromissloses Training schliessen lassen. 40 zehn- bis fünfzehnjährige Schülerinnen und Schüler besuchen zurzeit die Kindertanzschule „La Andariega“, wo sie jeden Nachmittag unter der Aufsicht von professionellen Lehrern trainieren. Auch hier unterstützt Camaquito mit Beiträgen an Gebäuderaparaturen, elektrische Anlagen und ermöglicht dadurch erst einen geregelten Unterricht.

Dieser scheint sich auszuzahlen, hat die Schule doch mit ihren Produktionen schon etliche Preise gewonnen. Vor zwei Jahren ermöglichten Schweizer Sponsoren der Kindertruppe zudem eine kleine Tournee in der Schweiz, bei der sie auch in der alten Kaserne auftrat. Verläuft alles nach Plan, sollte das Vorhaben diesen Sommer eine Zweitauflage erleben.

Gespendetes Baumaterial

Bei all seinen Projekten arbeitet Kuster eng mit den örtlichen Behörden zusammen. Notgedrungen, denn eine rein private Initiative wäre im heutigen Kuba gar nicht möglich – die Behörden würden die „ausländische Hilfe“ nicht tolerieren. Inzwischen hat der Schweizer dank seiner Kontakte und Erfolgen das Vertrauen der massgeblichen Stellen erlangt.

Das geht sogar so weit, dass er zuweilen sogar von offizieller Seite um Unterstützung angefragt wird. Dabei organisiert (und bezahlt) Camaquito das Baumaterial, der Staat stellt die Bauarbeiter. „In Kuba mangelt es nicht an Knowhow, kompetente Fachkräfte gibt es genug“, erklärt Kuster. Was hingegen fehle sei das Geld, die Devisen. Das materielle Engagement der Hilfsorganisation beschränkt sich aber nicht nur auf den Bildungsbereich. Unterstützung erhielten bisher auch vier Landgemeinden, deren Trinkwasserversorgung repariert oder überhaupt erst gebaut wurde. Das bisher grösste Projekt betrifft die Sanierung der Maternité von Camagüey.

In den letzten Jahren sind die maroden Gebäude der 500-Betten-Klinik etappenweise für eine halbe Million Franken saniert worden. Insbesondere wurden die Geburts- und Operationssäle renoviert und neu eingerichtet. Vor zwei Wochen konnte das Projekt abgeschlossen und die Klinik festlich eingeweiht werden.

Symphonieorchester mit Winterthurer Bezug

„Viva el fútbol“ heisst ein weiteres Camaquito-Vorhaben. Wie es der Name andeutet, geht es dabei darum, Jugendlichen das Fussballspielen als Freizeitsport zu ermöglichen und sie so von der Strasse zu holen. Das geht von der Planierung von Brachlandparzellen mithilfe von Quartierbewohnern über die Anschaffung von Bällen, Toren und Leibchen bis zur Organisation von Stadtmeisterschaften und Fussballcamps für Hunderte von Buben und Mädchen.

Einen besonderen Winterthurer Bezug hat schliesslich die Unterstützung des Jugendsymphonieorchesters von Camagüey. Auch hier fehlt es an allen Ecken und Enden, an Notenständern, Partituren, Ersatzsaiten für die Streich- oder Rohrblättern für die Holzblasinstrumente. Massgeblich mit von der Partie ist hier das Musikkollegium Winterthur.

Seit vier Jahren sind die Freikonzert-Kollekten für die kubanischen Jungmusiker bestimmt. Persönlich engagiert ist dabei Kontrabassist Egmont Rath, der in Camagüey auch schon unentgeltlich Masterkurse hielt. Seit einem Jahr ist Rath zudem Präsident des Vereins Camaquito, der Kusters Tätigkeit in Kuba von der Schweiz aus unterstützt aber auch kontrolliert.

(Landbote)

(Erstellt: 20.04.2015, 12:40 Uhr)

Stichworte

Veranstaltungshinweis

Freitag, 24. April, 17 bis 19.30 Uhr, Stadtgarten Winterthur: „Charity Run“ für Camaquito. Weitere Infos: www.camaquito.ch

Mark Kuster («El Suizo»), der Gründer von Camaquito mit eine Kuba-Flagge am letztjährigen Sponsorenlauf im Stadtpark. Begleitet wird er vom Stadtbusteam.

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Das private Kinderhilfswerk Camaquito

Seit seiner Gründung konnte Camaquito insgesamt knapp zwei Millionen Franken für gezielte Projekte in Camagüey und Umgebung einsetzen. Betrug das verfügbare Budget in der Anfangszeit lediglich einige wenige, von persönlichen Freunden und Bekannten gespendete Franken, waren es in den letzten Jahren jeweils rund dreihunderttausend Tausend Franken.

Besonders stolz ist Kuster auf die Effizienz und Transparenz „seiner“ Hilfsorganisation. „Die Ausgaben für Werbung und Administration sind auf ein Minimum beschränkt, über 85 Prozent der Spendengelder kommen den Kindern direkt zugute.“ Dass dem so ist, hat damit zu tun, dass er in der Schweiz auf die unentgeltliche Mithilfe zahlreicher Freiwilliger rechnen kann. Er selber erhält als einziger Festangestellter einen Monatslohn von 2000 Franken, der zudem grösstenteils nicht von Camaquito selbst, sondern von einem eigens dafür gegründeten Förderverein ausbezahlt wird.


Wenn Kuster über Camaquito referiert, spricht er zwar immer in der ersten Person Mehrzahl. Es ist aber offensichtlich, dass der Erfolg und der gute Ruf der Organisation ihn erster Linie ihm zu verdanken sind. Der Mann ist ein begnadeter Netzwerker und Kommunikator. Unzählige Firmen und Persönlichkeiten hat er für seine Ziele gewinnen und oft auch einspannen können. Eine davon ist alt Stadtpräsident Ernst Wohlwend.

Anfang Jahr haben er und seine Frau anlässlich einer Kubareise verschiedene Camaquito-Projekte besucht. „Was Camaquito in den letzten zehn Jahren erreicht hat, ist beeindruckend“, sagt er anerkennend. In Camagüey habe das Hilfswerk dank Kusters Initiative „wesentliche und nachhaltige Beiträge“ leisten können. Mit der Organisation ist er seit bald fünfzehn Jahren verbunden. In den Anfangszeiten habe ihn Kuster um Rat beim Aufbau seines Hilfswerks angefragt, und das, obschon der damalige Sozialvorsteher und der Jung-SVPler das politische Heu nicht auf der gleichen Bühne hatten, galt der damalige Jungpolitiker doch als einer seiner lautstärksten Gegner.

Trotzdem scheinen sie sich verstanden zu haben. Seit zwei Jahren ist Wohlwend offizieller Camaquito-Botschafter. Als solcher wirke er als Türöffner und Kontaktvermittler, erklärt er, insbesondere auf der Suche nach Sponsoren für Spezialprojekte wie die erwähnte Kurztournee des Kindertanzensembles im kommenden August.

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