Premiere

Alles Schlechte kommt von oben

Karls Kühne Gassenschau legt bei Sektor 1 nochmals eine Schippe drauf: Der Reload verblüfft durch noch spektakulärere Stunts und Effekte, ist jedoch nicht durchs Band brachial und kompromisslos.

«S-K-N! Satelliten-Kehricht-Niederschlag!» Der Orbit spuckt zurück, mit was ihn die Menschheit einst gefüttert hat: Müll, wohin das Auge reicht.

«S-K-N! Satelliten-Kehricht-Niederschlag!» Der Orbit spuckt zurück, mit was ihn die Menschheit einst gefüttert hat: Müll, wohin das Auge reicht. Bild: Ernesto Graf

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Schön aufgeräumt, gepützelt und poliert ist sie, die Welt im Jahr 2066: gekämmte hügelige Golfrasen-Landschaft, ein Apfelbäumchen steht da, neben einem funkelnden Teich. Doch der Schein trügt im Vorzeigepark Sektor 1. Die Äpfel sind von Hand gehängt, der Rasen sieht schon bald so schmuddlig zugemüllt aus, wie die Zürcher Seepromenade an einem sommerlichen Samstagabend. Nur: Der Abfall kommt sackweise und von oben. Der Orbit schlägt zurück gewissermassen. Dorthin hat die Menschheit ihren Müll in Kübelwagenraketen katapultiert, und von da regnet er jetzt wieder zurück, der Schutzschild hat Risse bekommen.

Die eisig-kühle Diktatorin Frau Krähenbühl und ihre rechte Hand, Herr Blumer, kommandieren den bunt gemischten Putztrupp um Anführer Rico zum Zwangsdienst ab. Doch es hilft ja nichts. Inzwischen türmen sich gar Giftmülltonnen im Hochglanz-Sektor. Beim Saubermachen mithelfen müssen auch Giorgio Moretti, seine schwangere Frau und die Stieftochter Dani. Die überstellige Teenagerin lehnt sich gegen ihren anpässlerischen und überforderten Papa auf und bandelt mit «Dynamite Rony» an, einem der Radau-Brüder der Putzkolonne.

Die Unterdrückten mucken auf

Langsam werden die Bruchlinien sichtbarer: Hier das Regime, das aus dem Kontrollturm die Order verteilt. Dort die Unterdrückten, die das bevorstehende totale Chaos immer enger zusammenschweisst. Es beginnt zu menscheln. Der Freiheitsdrang glimmt immer mehr auf und neben Rony und Dani kommen sich auch die verdatterte Seniorin Ida und der zerstreute Tüftler Schröder langsam näher, bei einem verbotenen Wissenschaftsexperiment. Das Stück zerfleddert nun etwas in verschiedene Handlungsstränge und hat seine erste Länge, denn die Dialoge bleiben flach und die Pointen platt. Hallo Spektakel? Wo bleiben die Feuerfontänen, wo die viel gelobten Spezialeffekte, denkt man – und paff: Schröder hebt meterweit vom Boden ab und landet im Teich. Sein Raketenantrieb, er funktioniert. Langsam dämmert es, die Nacht bricht ein und das Stück nimmt rasant an Fahrt auf. Alarm, S-K-N! Der nächste Satelliten-Kehricht-Niederschlag prasselt auf den Sektor 1 ein. Loser Müll verteilt sich jetzt über das ganze Green, selbst das Tinguely-artige-Putzmobil, das nun über die Hügel braust, kann nichts mehr ausrichten.

Der Untergang ist eingeläutet, die Apokalypse naht und der Kontrollturm wackelt. Sinnbildlich, dass inzwischen ganze blubbernde Müll-Tsunamis wie eine Wand auf den Park zurollen. Dramatisch genial inszenierter Höhepunkt ist Morettis Albtraum, bei dem er sich mit den schlimmsten Schicksalen für seine beiden Liebsten herumquält, die inzwischen eingekerkert wurden. Weiteren Effekt-Knallern im Schlussfurioso kann man nicht anders als gebannt folgen.

Karls Stärke ist und bleibt die dritte Dimension

Seine Stärken hat Karls Kühne Gassenschau damit am Schluss noch ausgespielt, als Freilichtspektakel, das die dritte Dimension mit spektakulären Stunts feiert, mit Dampf, Getöse, Feuerbällen und viel Fantasie. Das macht der Truppe keiner nach.

Mehr Punk wünscht man sich in den Dialogen. Sie haben bestenfalls Volkstheater-Niveau, ebenso der Plot und die Figuren: die rabiate italienische Mama, der berserkende Gang-Leader mit Fuchsschwanz, harter Schale und weichem Kern, der zerstreute Wissenschaftler. Das ist stereotyp – und schade. Denn das Stück transportiert in seiner skizzierten Dystopie des Überwachungsstaats Bilder und Botschaften nicht immer gleich profan. Hilflos, naiv und konsterniert stottert die leicht senile Frau Ida am Schluss zwischen den Müllbergen etwa: «Ich habe einmal in der Woche auf Fleisch verzichtet, auch wenn es Aktion war. Und habe immer den Klima-Rappen bezahlt, wenn ich nach Mallorca geflogen bin. Ich habe den Abfall doch immer getrennt, immer, und jetzt ist er wieder gemischt.»

Darin steckt die subtil verpackte Kernbotschaft. Frau Ida hält den Zuschauern, Herrn und Frau Schweizer, den Spiegel vor, die sich mit solchen Aktionen ein reines Gewissen kaufen, in Zeiten des Verpackungsblödsinns (mit über 700 Kilogramm Abfall pro Kopf und Jahr liegen nur die Amerikaner und die Dänen vor den Schweizern). Denn mit dem Müll verhält es sich bekanntlich wie mit der Toilette: aus dem Auge, aus dem Sinn. Und während das eine beim Altstadtbummel unter unseren Füssen in Richtung ARA fliesst, stapelt sich das andere auf dem Stinkberg am Stadtrand. Oder es kommt irgendwann von oben.

Karls Kühne Gassenschau, Sektor 1, Industriepark Hegi. 22. Mai - 26. August, 27 Vorstellungen. Infos unter www.sektor1.ch. (landbote.ch)

Erstellt: 18.05.2017, 17:56 Uhr

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