Winterthur

Grosser Auftritt für die Orgel

Im Rahmen des Orgelherbstes feierte der Stadtkirchenorganist Tobias Frankenreiter mit dem Musikkollegium unter Thomas Zehetmair die Franzosen.

Die Stadtkirche Winterthur verfügt über eines der letzten spätromantischen Orgelwerke im deutschen Kulturkreis.

Die Stadtkirche Winterthur verfügt über eines der letzten spätromantischen Orgelwerke im deutschen Kulturkreis. Bild: Archiv / Hein Diener

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Man sieht sie vom Kirchenschiff her kaum: die grandiose Orgel der Stadtkirche mit ihrem prunkvollen barocken Prospekt. Dahinter steckt ein farbenreiches spätromantisches Orgelwerk, 1887/88 von E. F. Walcker gebaut, das heute 56 Register auf drei Manualen umfasst und über eine elektrische Traktur verfügt. Solche Orgeln sind in der Schweiz eine Seltenheit, diejenige in der Stadtkirche verfügt über eines der letzten spätromantischen Orgelwerke im deutschen Kulturkreis.Gerade die Franzosen haben mit ihrem Klangsinn und ihrem Flair für fein differenzierte Farbtöne den Orgelbau ins Exzessive getrieben. Zudem waren viele französische Komponisten auch grossartige Organisten, so auch Théodore Dubois und Camille Saint-Saëns, die in diesem Hauskonzert des Musikkollegiums zum Zug kamen. Kommt zur Orgel ein Orchester hinzu, ist dies akustisch eine Art «Verdoppelung», denn schon die Orgel selbst ist mit 56 orchestralen Farben bestückt.

In der Stadtkirche bietet die geräumige Empore vor der Orgel genügend Platz für ein mit dreifachem Holz bestücktes Orchester. So kam für einmal all das Gute von oben, der zum Teil wuchtige, kompakte Klang füllte den Raum über dem zahlreich erschienen Publikum. Théodore Dubois kennt man als Komponisten heute kaum mehr. Seine «Fantasie triomphale» für grosse Orgel und Orchester entstand 1889 zur Eröffnung und Einweihung des neu erbauten Chicago Auditoriums – entsprechend gewaltig sollte dort auch die neue Orgel zur Geltung kommen.

Sicher, das Stück wirkt eher einfach gebaut, hat volkstümliche Anklänge und steigert sich in einen etwas aufgeblasenen Triumphmarsch; das Orchester ist dabei eher Nebensache. Stadtkirchenorganist Tobias Frankenreiter registrierte das Stück jedoch so interessant und vielschichtig, dass man gerne zuhörte. Die elektrische Traktur der Orgel ermöglicht ein Vorprogrammieren der Registerwechsel, das ging alles nahtlos ineinander über.

Homogene Klangbalance

Umso deutlicher zeigte sich danach die künstlerische Substanz der «Orgelsinfonie» von Camille Saint-Saëns. Jede Aufführung dieses Gipfelwerks der französischen Sinfonik ist ein Ereignis. Das Musikkollegium blühte richtiggehend auf, Thomas Zehetmair forderte innig singende Streicher, die Holzbläser schnatterten ihre Sechzehntel-Figuren weich und fordernd, das vierhändige Klavierspiel und die Pauke sorgten für prägende Akzente, und das Blech setzte der weitsichtig vorbereiteten Steigerung die Krone auf.

Zu all dem der liegende Klang der Orgel: der brummende 32‘-Fuss-Pedal-Bass, das Schwellwerk geheimnisvoll und hintergründig eingesetzt, der Wechsel zwischen gedackten (weiche, mit einem Dcckel versehene Pfeifen) und harten Zungen-Registern (metallig scharfe Pfeifen) effektvoll, Tobias Frankenreiter lotete das üppige Orgelwerk eindrücklich aus. Erstaunlich war die Transparenz des Gesamtklangs, die Akustik der Kirche vermischte und verwischte nicht, Zehetmair gelang eine klar strukturierte und doch homogene Klangbalance zwischen Bläsern, Streichern und der Orgel. Das Publikum, das den Klangapparat grossteils im Rücken hatte, war begeistert und spendete innigen Applaus. (Der Landbote)

Erstellt: 18.11.2016, 14:27 Uhr

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