Musikkollegium

Sommer im Konzertsaal

Eine Ausstellung und ein Konzert im Stadthaus erinnern an den Komponisten Joachim Raff und seine Beziehung zu Winterthur. Aufgeführt wird seine 9. Sinfonie, die vom Sommer handelt.

Von Joachim Raff gibt es nur wenige Porträts, er liess sich ungern fotografieren – Zeichnung  von 1856. z

Von Joachim Raff gibt es nur wenige Porträts, er liess sich ungern fotografieren – Zeichnung von 1856. z Bild: vg / Carlo Stuppia

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Komponisten haben ihre Jahreszeiten, Vivaldi wie Haydn, in vier Konzerten der eine, der andere im vierteiligen Oratorium. Joachim Raff (1822–1882) wiederum widmete sich dem Jahreslauf in vier von einander unabhängigen Werken, dies aber doch systematisch in den vier Sinfonien, die in den Jahren 1876 bis 1879 entstanden. Als Sinfonie Nr. 8 in A-Dur blühten 1877 zuerst seine «Frühlingsklänge» im Konzertsaal von Wiesbaden auf, wo Raff seit zwanzig Jahren freischaffend gelebt und sich zu einem der meistgespielten Sinfoniker Deutschlands entwickelt hatte.1877 wurde Raff zum Direktor des neu gegründeten Hoch’schen Konservatoriums in Frankfurt berufen, das er aufzubauen hatte. Bereits 1878 konnte es seinen Betrieb aufnehmen, und das bedeutete eine strenge Zeit, aber gewiss nochmals Sommer im Leben des unerhört produktiven Komponisten. Die Sinfonie über diese Jahreszeit erklang dann erstmals im darauf folgenden Jahr, wiederum in Wiesbaden, als Sinfonie Nr. 9 in e-Moll.

«Im Sommer» ist mit den Satzbezeichnungen «Ein heisser Tag» (Allegro), «Die Jagd der Elfen» (Allegro), «Eclogue» (Allegretto) und «Zum Erntekranz» (Allegro) überschrieben, und diese Hinweise zeigen, dass man sich nicht nur auf dem Gebiet klimatischer Assoziationen treiben lassen kann, wozu aber etwa Piccolo-Blitze und Pauken-Donner in der Durchführung im ersten Satz einladen. Im Spiel sind shakespearsche Sommernachts-Elfen und mit ihnen die Erinnerung an Mendelssohn und damit auch ein musikalischer Bezug zum klassischen Romantiker. Und mit den «Eklogen» verweist Raff vorimpressionistisch sogar in die Antike, auf Vergils Hirtendichtung. Verstiegen wirkt Raffs Komponieren darob nicht. Einfälle scheinen ihm zuzufliegen, Themen und Melodien entwickeln sich eingängig. Man gibt sich dieser Musik leicht hin, die Assoziationen sind frei, Raffs Komponieren ist nicht in dem Sinne Programmmusik, dass sie andere als die Notenschlüssel brauchte.

Sehr lange dauerte der Sommer für Raff nach dem grossen Erfolg dieser Sinfonie nicht mehr. 1880 folgte die Uraufführung des Werks «Zur Herbstzeit», die schon 1876 entstandene «Winter»-Sinfonie kam als Nr. 11 erst nach seinem Tod heraus. Joachim Raff starb 1882 in seiner Wohnung in Frankfurt am Main. Kurz war auch sein Nachruhm neben den Heroen Brahms und Bruckner.

Raff-Zentrum Lachen

Bestrebungen, die Erinnerung an Raff wachzuhalten beziehungsweise wieder zu wecken, gingen im 20. Jahrhundert auch von seinem Schweizer Geburtsort aus: Lachen am Obersee. Am Geburtshaus wurde eine Gedenktafel angebracht, ein Platz nach ihm benannt. 1972 wurde in Lachen die Raff-Gesellschaft gegründet, und seit den Neunzigerjahren geht es für Raff auch international stets vorwärts wieder Richtung Sommer: Im Konzertsaal und auf Tonträgern wächst seine Präsenz. 2015 erschien die umfassende Biografie über den Komponisten von Res Marty. Sie zeichnet das Porträt eines Mannes, der «ein vielfältiges Profil als Musiker, Wissenschaftler und Pädagoge» hatte und dessen Leben für die Kunst «Fleiss, Leidenschaft und Pflichterfüllung prägten.»

Geboren wurde Joachim Raff am 27. Mai 1822 in Lachen als Sohn der dort beheimateten Tochter eines Kantonspräsidenten und des zugewanderten Lehrers und Organisten, der aus politischen Gründen aus Deutschland emigriert war. Das Gymnasium absolvierte Joachim im Württembergischen und in Schwyz. Klavier, Orgel und Violinspiel brachte er sich selber bei. Als Schullehrer wirkte er in Rapperswil, bevor er, ermutigt durch erste Erfolge als Komponist, die Musikerlaufbahn einschlug. Entscheidend für Raff wurde 1845 die Begegnung mit Franz Liszt, der ihn zu seinem Assistenten machte. Daneben schlug er sich mit unterschiedlichsten Aktivitäten in der Musikbranche durch. Ein erstes Opernprojekt in Stuttgart scheiterte. Nach 1850 löste er sich vom Bannkreis Liszts, zog mit seiner Frau, der Schauspielerin Doris Genast, nach Wiesbaden, wo sie engagiert war und er ohne feste Stellung sich als Komponist durchzusetzen begann.

Winterthurer Verleger

Mit der 1. Sinfonie «An das Vaterland»schaffte Raff 1863 definitiv den Durchbruch. Sie machte wohl auch den WinterthurerMusikverleger Jakob Melchior Rieter-Biedermann (1811–1876) auf den Komponisten aufmerksam. Neunzehn Werke (vierzehn Klavierwerke, ein Klaviertrio, drei Bach-Bearbeitungen und ein Beitrag zu einem Orgelbuch) erschienen in seinem Verlag.

In den 1870er-Jahren, als Raffs Ruhm im Zenit stand, standen Werke von ihm öfters auch auf den Programmen des Musikkollegiums. Deren Präsenz spiegelt den Jahreszeitenwechsel, den Raffs Musik erlebte. Nach zahlreichen Aufführungen in den 1880er-Jahren versiegte die Raff-Begeisterung um 1900. Erst 1978 erklang erstmals wieder eine seiner Sinfonien in Winterthur.

Mit der Ouvertüre «Eine feste Burg ist unser Gott» op. 127 und der Sinfonie Nr. 9 e-Moll, «Im Sommer», meldet sich Raff nun wiederum zurück – ob mit grösserer Nachhaltigkeit, wird sich zeigen. Das Musikkollegium spielt die beiden Werke am Samstag in einem Freikonzert. Dazwischen interpretiert der junge Pianist Andrew Tyson das Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll KV 466 von Mozart. Die Leitung hat Lorenzo Coladonato. (Landbote)

Erstellt: 14.03.2017, 16:25 Uhr

Ausstellung und Konzert

Samstag, 18. 3., 17 Uhr, Stadthaus; Eintritt frei. Ausstellung im Foyer diese Woche.

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