Butterzopf für Flüchtlinge

Im Alltag kocht Kevin Müller im Park-Hotel für Geschäftsleute. Gestern lud der 17-jährige Kochlehrling in Töss über 100 Asylsuchende zum Gratis-Brunch.

Festmahl unter freiem Himmel: Dank Essensspenden konnte Kevin Müller die Bewohner des DZ Kloster mit einem Brunch überraschen.

Festmahl unter freiem Himmel: Dank Essensspenden konnte Kevin Müller die Bewohner des DZ Kloster mit einem Brunch überraschen. Bild: Nathalie Guinand

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Als Kevin Müller für seine Vertiefungsarbeit das Thema Engagement zugeteilt wurde, war für den 17-Jährigen klar: Er wollte für einmal diejenigen bewirten, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. «Zuerst dachte ich an Obdachlose», sagt der Kochlehrling aus Rämismühle. «Dann sah ich die ganzen Fernsehbilder über die Flüchtlingsströme. Mir wurde klar, dass ich etwas für Asylbewerber tun möchte.»

Im kantonalen Durchgangszentrum Kloster in Töss stiess die Idee eines Brunchs für die Bewohner auf viel Wohlwollen. «Das hatten wir so noch nie», sagt Standortleiterin Prisca Dürst. «Eine tolle Abwechslung.» Weil im Haus kein Platz war, verlegte man den Gratis-Zmorge kurzerhand nach draussen, auf Festbänke. Die Esswaren wurden von der Schweizer Tafel gespendet und wo noch etwas fehlte, half Kevins Arbeitgeber, das Park-Hotel, aus.

Scheu vor Lachs und Müesli

Was schliesslich auf der langen Festbankreihe steht, ist ein Brunch ganz nach Schweizer Geschmack: Zopf, Käse- und Fleischplatten, Müesli und Joghurt. Die Bewohner, mehrheitlich junge Männer aus afrikanischen Ländern, mustern die Esswaren scheu und neugierig. «Zeig ihnen vor, wie sie sich bedienen können», sagt Dürst zu Kevin. Die Kommunikation mit den über 100 Bewohnern, die kaum Englisch, geschweige denn Deutsch sprechen, ist nicht immer leicht. «Wir reden mit Händen, Füssen und Zeichnungen», sagt Dürst und lacht. Es ist ein strenger Tag, ihr Team ist nur zu zweit, doch man sieht es ihr nicht an.

Nach einer kurzen Demonstration haben alle verstanden, dass sie sich bedienen dürfen, und stellen sich geduldig in die Schlange. «Sie haben sich zuerst auf die Dinge konzentriert, die sie schon kannten», sagt Kevin. «Eier und Weissbrot waren zuerst weg. Lachs oder Müesli hingegen kannte kaum jemand.» Die Scheu vor dem Unbekannten ist bald überwunden. Von den drei Säcken Knuspermüesli bleibt kein Krümel übrig. «Good», lobt einer der jungen Männer und zeigt mit dem Daumen nach oben. Kevin strahlt. Unterkunft so voll wie nie

Das DZ Kloster der Asylorganisation Zürich (AOZ) ist für die meisten die zweite Station in der Schweiz. In den sogenannten Empfangszentren wurden ihre Personalien und Gesuche erfasst und sie wurden auf die Kantone verteilt. Hier bleiben sie ein bis drei Monate, so lange, bis ihnen Plätze in den Gemeinden zugewiesen werden. «Wir merken die Flüchtlingssituation auch hier», sagt Dürst. «Es ist zwar kein Vergleich mit Deutschland oder Österreich, aber das Haus ist so voll wie nie. Es ist für 85 Personen ausgelegt, aktuell haben wir 105 untergebracht.» Die Zahl der Syrer sei gestiegen, doch im Moment machen Eritreer noch klar die Mehrheit aus. Familien sind nur zwei dabei, es sind hauptsächlich junge Männer um die 20.

«Es ist schön, dass wir für einmal alle zusammen essen», sagt Katereyna (29) aus der Ukraine. «Das bringt die Menschen zusammen. Wer so etwas organisiert, hat ein gutes Herz.» Normalerweise kocht und isst sie zusammen mit ihren zwei tibetischen Zimmerkameradinnen. Die Bewohner verpflegen sich im Haus generell selbst, in einer der vier Küchen. Das Taschengeld von knapp 13 Franken täglich muss für alles ausser Medikamente reichen, auch für Kleider, Busbillette und Handy. Da lohnt sich gemeinsames Einkaufen und Kochen. Keine Stunde nach dem Beginn sind alle satt, die Platten leer, und Kevin und Mutter Dagi, die ihn unterstützte, ziehen eine positives Fazit. «Die Leute sind sehr dankbar», sagt Kevin. «Super», lobt Sardat (19), der sonst mit seinen afghanischen Mitbewohnern kocht. Reis und Hühnchen. Was schmeckte am besten? «Alles», sagt Sardat. (Der Landbote)

(Erstellt: 16.09.2015, 20:49 Uhr)

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