Winterthur

Aus Abfall ein soziales und ökologisches Geschäft gemacht

Das Start-Up Mr. Green bietet einen Abholdienst für Recyclinggüter. Das Sammeln und Sortieren übernehmen in Winterthur Mitarbeiter der Brühlgut-Stiftung.

«Da oben sind sie», sagt Lorenz Wicki, gelbe Leuchtjacke, funkelnder Ohrstecker, verschmitztes Lachen. Er zeigt in Richtung eines Einfamilienhauses, davor drei grüne Säcke. «Mr. Green» steht darauf, darüber prangt das Konterfei eines muskelbepackten Mannes, fast wie Superman. Zusammen mit seinen Kollegen Lucien Le und Markus Steiner fährt er in einem Lieferwagen durch Winterthurs Quartiere und sammelt die Säcke ein

«Wir arbeiten für diejenigen Leute, die zu faul sind, die Sachen selber zu sortieren und zur Sammelstelle zu bringen.»Lucien Le,
Brühlgut-Mitarbeiter

«Mr. Green» steht für ein Recycling-Abonnement, das ein Start-Up-Unternehmen aus der Stadt Zürich anbietet. In den grünen Sack wandern PET-Flaschen, Altglas, Batterien, ausgediente Elektrogeräte. Bunt durchmischt, auf das Sortieren darf verzichtet werden. Je nach Abo kann der Sack ein- oder zweimal pro Monat an die Strasse gestellt werden. Der Dienst startete vor einigen Jahren in der Stadt Zürich, expandierte dann in Gemeinden rund um den Zürichsee und ins Zürcher Oberland.

Abwechslung vom Alltag in der Werkstatt

In Winterthur arbeitet das junge Unternehmen mit der Brühlgut-Stiftung zusammen und schafft so Arbeitsplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen.«Wir arbeiten für diejenigen Leute, die zu faul sind, die Sachen selber zu sortieren und zur Sammelstelle zu bringen», sagt Le, Brille, grünes T-Shirt mit «Mr. Green»-Logo auf der Brust. Und auch von älteren Menschen, die nicht mehr so fit sind, würden sie sehr geschätzt. «Die Arbeit ist cool, weil ich ab und zu vom Alltag in der Brühlgut-Werkstatt wegkomme und viel Neues erleben kann.»

Am Anfang hätten sie zu zweit gearbeitet, sagt Le. Doch es habe sich bald gezeigt, dass für ihn das Einsammeln der Säcke zu beschwerlich sei. Der Grund ist seine Hemiplegie, die linke Körperhälfte ist zu einem grossen Teil gelähmt. Also stiess Wicki als Läufer dazu und Le übernahm die Rolle des Koordinators. Sein Blick ist auf ein Handy geheftet, das an einem Plastikarm von der Windschutzscheibe hängt. Auf einer App verfolgt er die Route von einem Kunden zum nächsten, tippt die Anzahl gesammelter Säcke ein, gibt Bescheid, wenn einem Neukunden Säcke in den Briefkasten gelegt werden müssen.

Engpass in der Quartierstrasse

Steiner, grossgewachsen, Koteletten, verspiegelte Sonnenbrille, steuert den sperrigen Brühlgut-Lieferwagen gekonnt durch die Quartierstrassen. An einer Kreuzung wird es eng: Bauarbeiter reissen die halbe Strasse auf, ein Lastwagen kommt entgegen, für einen Moment geht nichts mehr. «In solchen Situationen muss man ruhig bleiben und überlegen, was zu tun ist», sagt Steiner. Dann setzt er zurück. «Kommt er vorbei?», fragt Wicki. «Danke sagen wäre nett», sagt Le, als der Lastwagen an ihnen vorbei fährt.

«Unsere Mitarbeiter können die meisten Probleme selber lösen», sagt Michael Loetscher, der bei der Brühlgut-Stiftung die Abteilung Dienstleistungen leitet. «Das gibt ihnen viel Selbstvertrauen.» Loetscher war es, der im Herbst 2015 die Zusammenarbeit mit den Zürcher Jungunternehmern aufgleiste.

Zusammenarbeit startete wegen «Velafrica»

Der erste Kontakt kam wegen einer Sammelaktion zugunsten von «Velafrica» zustande, bei der Brühlgut-Mitarbeiter gemeinsam mit der Recyclingfirma über 400 Velos bei Privathaushalten abholten. Die Velos werden in der Brühlgutwerkstatt repariert und danach in afrikanische Länder verschifft. Die Zusammenarbeit ging in Form des Recycling-Abos weiter und mittlerweile fährt das Dreierteam Le, Wicki und Steiner bei 56 Kunden in Winterthur vorbei. Am Ende ihres knapp achtstündigen Arbeitstages liefern sie zwischen 80 und 120 Säcke in Töss ab, wo sich die Brühlgut-Stiftung in einer ehemaligen Rieter-Halle eingemietet hat.

Die Sortierung der Recyclinggüter übernimmt am nächsten Tag ein anderes Brühlgut-Team: Benjamin Berger, Daniel Spörri und Fabrizio Ghirlanda, alle tragen ein grünes Shirt, Arbeitshandschuhe und Stahlkappenschuhe. Sie legen die Säcke auf einen Tisch in der Halle, reissen sie auf, beäugen den Inhalt. Spörri muss lachen, als er auf eine golden glänzende Verpackung in Form eines Tannenbaums stösst. «Schon wieder Weihnachten», sagt er.

Auch das Sortieren von Recyclinggütern kann Spass machen: Brühlgut-Mitarbeiter in einer ehemaligen Rieter-Halle in Töss.

Für jede Art von Wertstoff steht eine Mulde parat; die drei werfen Bierflaschen, Blechdosen, Blumentöpfe in hohem Bogen hinein. Wenn sie nicht wissen, welche Mulde die richtige ist, fragen sie ihre Gruppenleiterin Alyssa Castro. «Wir brauchen zu dritt etwa zwei Tage, um alles zu sortieren», sagt sie. Und dann, wenn die Mulden voll sind, holt die Winterthurer Recyclingfirma Maag die Wertstoffe ab. (Der Landbote)

Erstellt: 19.04.2017, 15:31 Uhr

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