Beim Nähen wird Deutsch gesprochen

Jeden Mittwoch flicken die Frauen der Flickstube kaputte Kleider. Das Projekt der Caritas Zürich soll den Migrantinnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

Kon­zen­triert bei der Arbeit: Eine Frau aus Mazedonien misst in der Flickstube Winterthur eine kaputte Hose aus.

Kon­zen­triert bei der Arbeit: Eine Frau aus Mazedonien misst in der Flickstube Winterthur eine kaputte Hose aus. Bild: Moirtz Hager

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Wie das wohl habe passieren können, wundern sich die fünf Frauen und kichern. Vor ihnen auf dem grossen Tisch liegt eine Pyjamahose, die am Hosenboden einen riesigen Riss hat. Dann werden sie aber gleich wieder ernst: Den Riss, so überlegen sie, flicke man wohl am besten, indem man einen Stoffstreifen mit Klebevlies darüberlegt und diesen nachher festnäht.

Jeden Mittwochnachmittag ist die Flickstube im Treffpunkt Vogelsang gleich neben dem Hauptbahnhof geöffnet. Hier nehmen Migrantinnen zusammen mit Freiwilligen Flickware entgegen und hier wird genäht, abgesteckt und gewifelt. Für die Migrantenfrauen ist die Arbeit in der Flickstube eine Möglichkeit, ein Handwerk zu lernen und ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. «Bei der Arbeit und in der Kaffee­pause wird Deutsch gesprochen», erklärt Flickstubenleiterin Fried­run Hanhart. Die Frauen verdienen zudem etwas: «Wir verlangen für die Flickarbeiten einen Betrag. Das ist der Verdienst der Frauen.»

Hanhart ist Mitbegründerin der Caritas-Flickstuben, von wel­chen es im Kanton Zürich sieben gibt. Die erste entstand 2007 in Winterthur. «Wir haben damals vor allem mit albanischen Flüchtlingsfamilien gearbeitet und haben uns überlegt, wie wir insbesondere die Frauen noch besser erreichen.» Heute ist das Angebot für Migratinnen jeder Herkunft offen. Im Moment sind das eine Syrerin, zwei Türkinnen und zwei Mazedonierinnen. Früher waren beispielsweise auch Frauen aus dem Irak, Eritrea und dem Iran in der Flickstube. «Wir haben fünf Arbeitsplätze», sagt Hanhart. «Die Frauen dürfen drei Jahre hier arbeiten. Nachher soll jemand Neues die Möglichkeit haben.» Die Frauen erhalten von Caritas Zürich ein Arbeitszeugnis, das ihnen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern soll.

Raum für Diskussionen

Betreut wird die Flickstube von vier Freiwilligen: Neben Hanhart sind das Luisa Bosshard, Handarbeitslehrerin, Karin Hauert, passionierte Hobbynäherin, und Heidi Hohl, Schneiderin. Die Frei­willigen unterrichten die Frauen nicht nur im Flicken, sie überlegen sich auch immer wieder neue Nähprojekte, falls einmal nicht genug Kleider zum ­Flicken gebracht werden. «Wir haben zum Beispiel Einkaufs­taschen als Geschenk für die Caritas-Freiwilligen genäht», erzählt Bosshard. «Und für einen Kinderhort haben wir Bezüge für Sitzwürfel genäht.» Die Freiwilligen schauen, dass jeden Mittwoch für alle Niveaus etwas zum Arbeiten dabei ist. «Die einen müssen erst lernen, mit einer Nähmaschine eine gerade Linie zu nähen», erzählt Bossard. Andere meistern bereits kniffligere Aufgaben und wechseln souverän Reissverschlüsse aus.

Neben dem handwerklichen spielt aber auch der soziale Aspekt eine grosse Rolle. «Wir diskutieren hier viel – über die Familie, die Erziehung und kulturelle Unterschiede», erzählt eine Frau aus Mazedonien. Das bestätigen auch die beiden Leiterinnen: «Uns gefällt nicht nur, dass wir unser Fachwissen weitergeben können, sondern auch, dass wir kulturelle Brücken schlagen, indem wir den Frauen zeigen ­können, worauf in der hiesigen Arbeitswelt Wert gelegt wird.» Und unisono betonen Freiwillige und Migrantinnen: «Die Kaffeepause ist ebenso wichtig wie die Arbeitszeit.» (Landbote)

(Erstellt: 30.01.2016, 10:23 Uhr)

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Die Flickstube ist Teil von LernLokal, dem Bildungsangebot der Caritas Zürich. Sie ist jeweils mittwochs von 13.30 bis 16 Uhr geöffnet und befindet sich im Treffpunkt Vogelsang an der Unteren Vogelsangstrasse 2 in Winterthur. Kaputte, aber sau­bere Kleider und Heimtextilien können dort oder im Secondhandladen der Caritas Zürich in der Steinberggasse während dessen Öffnungszeiten abgegeben werden. Eine Hose kürzen kostet rund 15 Franken, ein Reissverschluss ersetzen rund 20 Franken. Nach Absprache werden auch aufwendigere Näharbeiten oder ganze Projekte (wie Kissen für einen Hort, kleine Kundengeschenke etc.) von der Flickstube Winterthur erstellt. Weitere Informationen: www. caritas-zuerich.ch/lernlokal. clp

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