Das geheime Treffen der Winterthurer Kebabchefs

Kebabbuden in der Altstadt haben ihre Preise abgesprochen. Die Branche, die unter immer grösserer Konkurrenz leidet, ist sich aber keiner Schuld bewusst.

Kebabliebhaber müssen seit dem 1. Januar mehr bezahlen: Auf Stadtgebiet haben fast alle Anbieter ihre Preise erhöht, offenbar nicht zufällig.

Kebabliebhaber müssen seit dem 1. Januar mehr bezahlen: Auf Stadtgebiet haben fast alle Anbieter ihre Preise erhöht, offenbar nicht zufällig. Bild: Ruedi Widmer

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Es war ein milder Herbsttag, als sich vor wenigen Monaten die allermeisten Winterthurer Kebabverkäufer zu einem inoffiziellen Treffen in der Altstadt zusammenfanden. In einem türkischen Lokal an einer viel befahrenen Strasse besprach man die Herausforderungen der Branche: steigende Einkaufspreise und höhere städtische Gebühren. Im Plenum fassten die Unternehmer schliesslich den Entscheid, den Döner Kebab ab dem Jahr 2016 für 10 statt 9 Franken anzubieten. Dies, um die finanzielle Lage vieler Verkäufer wenigstens ein bisschen zu verbessern. Der Fernsehsender Tele Top berichtete kürzlich über die Preiserhöhung.

Diese Geschichte einer klandestinen Preisabsprache unter den Kebabchefs erzählen unabhängig voneinander mehrere Personen aus der Branche, darunter auch Teilnehmer des Treffens. Und sie geben freimütig zu, dass dies nicht zum ersten Mal so geschah. Auch Anfang 2014 stiegen die Kebabpreise in Winterthur, von 8 auf 9 Franken. Diese Erhöhung sei ebenfalls von den meisten Chefs der knapp ein Dutzend Betriebe beschlossen worden. Wer die Treffen jeweils organisierte, ist unklar.

Gibt es den «Kebabmarkt»?

In der Schweiz sind Preisabsprachen unter Konkurrenzbetrieben verboten. Dennoch weiss die zuständige Wettbewerbsbehörde Weko nicht, ob sie sich des Winterthurer Falls annehmen wird. Was sich erstmal befremdlich anhört, hat mehrere Gründe. Erstens schätzt die Weko den volkswirtschaftlichen Schaden als so gering ein, dass sich ein aufwendiges Verfahren finanziell wohl nicht lohnen würde. Und zweitens ist die Rechtslage, trotz vermeintlich eindeutigem Kartellrechtsverstoss, unklar. Die Weko formuliert das folgendermassen: «Döner Kebab dürften im kartellrechtlichen Sinn keinen eigenen Produktmarkt darstellen, sondern zu einem grösseren Markt im Take-away-Bereich gehören.» Nach dieser Logik können die Kunden also ganz einfach vom Kebab auf ein Sandwich einer Bäcke­rei umsteigen, der Wett­bewerb im gesamten Take-away-Markt bliebe intakt. Doch ob diese Argumentation rechtlich wasserdicht ist, damit beschäftigen sich derzeit sowohl das Bundes- als auch das Bundesverwaltungsgericht. Sie untersuchen Absprachefälle in ähnlichen Branchen und Teilbranchen. Die Weko will, bevor sie in Winterthur aktiv wird, die jeweiligen Präzedenzurteile der Gerichte abwarten.

Ein Kebab für 15 Franken

Die Preisabsprache, ob sie nun juristisch verfolgt wird oder nicht, beleuchtet die harte wirtschaftliche Realität der Kebabbranche. Die Stand- und Restaurantbesitzer in der Winterthurer Altstadt sind sich einig: Mit dem Kebabverkauf alleine verdient man kein Geld. Die prall gefüllten Fleischtaschen seien eigentlich ein Minusgeschäft, heisst es unisono. Ein Kebab könne sich erst ab einem Preis von gegen 15 Franken rechnen. In vielen Betrieben findet deshalb eine Querfinanzierung mittels anderer Verkäufe statt, und oft helfen Familienmitglieder für wenig oder gar keinen Lohn bei der Produktion mit.

Doch die Kebabbuden machen sich das Leben vor allem gegenseitig schwer. Derzeit versuchen sich auf Stadtgebiet nicht weniger als 30 Anbieter im Verkauf der türkischen Fleischspeise. Zu den Take-away-Ständen kommen vermehrt auch Kebabrestaurants hinzu, deren finanzielles Risiko nochmals einiges grösser ist. Und obwohl man eine Sättigung des Marktes erwarten würde, wächst die Branche weiter. Alleine im vergangenen Jahr registrierte die Gewerbepolizei fünf neue Verkaufsbetriebe.

Der Druck auf die Kleinunternehmer erklärt denn auch, weshalb sie in der Preisabsprache kein Vergehen sehen wollen. Man vermeide ja bloss Zustände wie in Berlin, heisst es. Dort erhalte der Konsument einen Kebab bereits für einen Tiefpreis von weniger als zwei Euro. (Landbote)

(Erstellt: 25.01.2016, 20:41 Uhr)

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Kebabkartelle?

Weitere Berichte über Preisabsprachen in der Kebabbranche liegen einige Jahre zurück. 2004 sorgte eine mutmassliche Absprache in Schaffhausen für Aufsehen. Döner Kebab kosteten überall von einem Tag auf den anderen 7 Franken pro Stück. 1998 war in Kleinbasel die Rede von einem «Döner­kartell». Bestätigt hatten sich die Berichte allerdings nie. Es blieb unklar, ob der Einheitspreis gewollt zustande kam oder ein «natürliches Parallelverhalten» der Betreiber dazu geführt hatte. mpl

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