«Der Islamismus entsteht auch in Brüssel, Berlin oder Winterthur»

Der Jihad-Experte Ahmad Mansour referierte gestern in der Alten Kaserne über radikalisierte Muslime. Er warnte vor Salafisten – und vor Syrien-Rückkehrern.

Hat selber eine radikale Vergangenheit: Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour.

Hat selber eine radikale Vergangenheit: Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour. Bild: Marc Dahinden

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Es war ein ungewöhnliches Bild für einen Abendanlass der Volkshochschule Winterthur und Umgebung. Mehrere Personenschützer, darunter auch Berliner Polizeibeamte, inspizierten kurz vor halb acht Uhr gestern Abend den grossen Saal der Alten Kaserne, positionierten sich strategisch im Raum und blieben auch die folgenden eineinhalb Stunden äusserst wachsam. Immer im Blick hatten sie ihr Schutzobjekt hinter dem Rednerpult, den Berliner Psychologen und Jihad-Experten Ahmad Mansour.

Dass Mansour diese Massnahme nötig hat, überrascht wenig. In Berlin arbeitet der 39-Jährige mit jungen Menschen, die dem radikalen Islam den Rücken kehren wollen. Dabei bezeichnet er öffentlich Salafisten, wie beispielsweise die Mitglieder der Koran-Verteilaktion «Lies!», als «terrornah». An seinem gestrigen Vortrag, der sich weitgehend auf sein Buch «Generation Allah» stützte, sprach er darüber, weshalb und wie sich junge Muslime radikalisieren.

Stadträte im Publikum

Und dieses Thema interessiert in Winterthur, der Stadt, in der mehrere Fälle von Jihad-Reisenden bekannt wurden. So befanden sich unter den knapp 200 Zuhörern mit Nicolas Galladé (SP) und Stefan Fritschi (FDP) auch zwei Vertreter der Winterthurer Stadtregierung.

«Sie sind nicht wegen mir hier», begann Mansour sein Referat. «Sie sind hier, weil Sie Angst haben.» Der Experte tönte die Terroranschläge in Paris an, sprach von der mörderischen Ideologie des IS und schuf mit drastischen Videos einen Einblick in die Rekrutierungswelt der Jihad-Anwerber in Deutschland und der Schweiz. «Die Salafisten sagen zu den Jugendlichen: Den Wohlstand, den du hier nicht kriegst, den erhältst du im Paradies.» Die Jungen würden mit einfachen, klaren Botschaften abgeholt. «Das ist pures Schwarzweissdenken.»

Islamismus entstehe indes nicht mehr nur als Exportprodukt in den arabischen Ländern, sondern «längst auch in Brüssel, Berlin oder Winterthur». Jene, die in den Syrien-Krieg ziehen, seien nur die Spitze des Eisberges.

Mansour nannte zahlreiche Gründe, warum sich Jugendliche einem radikalen Islam anschliessen. Dazu zählen laut dem Ex­perten familiäre und schulische Probleme, die Abwesenheit des Vaters oder Depressionen. Ein naher Bezug zum Islam oder Diskriminierungserfahrungen seien hingegen zweitrangig. Aus der Arbeit mit Jugendlichen in Berlin könne zudem folgende Regel abgeleitet werden. «In einer kritischen Teenagerphase sind solche Jugendliche für etwa zwei Jahre empfänglich für sehr extreme Ideologien.» Dieses Zeitfenster wüssten Salafisten zu nutzen.

Eine neue Wir-Kultur

Vieles am Auftritt Mansours hinterliess den schalen Geschmack einer gewissen Oberflächlichkeit. Abrupt sprang er von den Ursachen zu den Folgen einer Radikalisierung, oder er verlor sich in allzu simplem Psychologismus. Am stärksten war sein Auftritt dann, wenn er von sich erzählte. Denn Mansour blickt selber auf eine radikale Teenagerzeit (als junger Palästinenser in Israel) zurück.

Winterthur machte Mansour trotz der Medienberichte in seinem Vortrag nicht zum Thema. Von einer Fragestellerin auf die beiden hiesigen Jihad-Rückkehrer angesprochen, meinte er trocken: «Entweder sind sie traumatisiert, oder sie sind zurückgekommen, um Anschläge zu machen.» Und auf die Frage, was man konkret gegen Radikalisierungen tun könne, antwortete der Jihad-Experte: «Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Schulen, Sozialarbeit und der ganzen Bevölkerung. Wir müssen Antworten geben, bevor sie die Radikalen geben, und eine europäische Wir-Kultur schaffen, in der auch die Muslime dazugehören.» (Landbote)

(Erstellt: 08.01.2016, 09:23 Uhr)

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