«Die Zeit des Sterbens muss nicht todtraurig sein»

Elisabeth Fankhauser will über ­das Sterben sprechen. Der Verein ­Palliative zh+sh lädt am Samstag ­deshalb zu ­Gesprächen über den letzten ­Lebensabschnitt an verschiedenen Orten im Kanton ein.

Hat schon viele Menschen an ihren letzten Tagen im Leben begleitet: Elisabeth Fankhauser.

Hat schon viele Menschen an ihren letzten Tagen im Leben begleitet: Elisabeth Fankhauser. Bild: Johanna Bossart

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Frau Fankhauser, wie ­beginnt man ein Gespräch über das Sterben?
Elisabeth Fankhauser: Das ist nicht immer einfach, weil der Tod noch immer ein Tabuthema ist. An unserem Anlass haben wir deshalb verschiedene Einstiegshilfen ins Gespräch vorbereitet, wir zeigen zum Beispiel kurze Video­clips und legen Kärtlein mit Fragen und Zitaten auf die Tische. Wir wollen in kleinen Gruppen diskutieren. Wir sind ausserdem sechs Fachleute aus verschiedenen Bereichen vor Ort und helfen wenn nötig, das Gespräch anzustossen.

Warum das Ganze?
Wir finden es wichtig, dass über das Thema Sterben gesprochen wird und dass sich jeder seine ­Gedanken macht und sich fragt: Wie will ich einmal sterben? Wo will ich sterben, zu Hause oder an einem anderen Ort? Wer soll dann bei mir sein? Und was will ich bis dahin noch erlebt haben?

Wird die Gesprächsrunde nicht eine morbide Angelegenheit?
Hoffentlich nicht! Das Ziel ist ein lockerer Rahmen. Die Zeit des Sterbens muss ja nicht zwingend todtraurig sein. Ich habe eine Frau mit ALS begleitet, und wir haben sehr viel gelacht miteinander. Es gibt ja dieses Sprichwort: Man soll nicht dem Leben Jahre anhängen, sondern den verbleibenden Jahren Leben geben. Das versuchen wir zu vermitteln. Wir wollen erreichen, dass die Menschen bis zum Tod bewusst leben.

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit der Gesprächsrunde an?
Wir wissen nicht, wer kommen wird, aber eingeladen sind alle Menschen, ob sie nun selbst betagt sind oder selbst noch Eltern oder gar Grosseltern haben. Das Thema Sterben ist zwar ein sehr persönliches, aber der Austausch kann sehr bereichernd sein, ge­rade weil es so viele verschiedene Ansichten darüber gibt.

Wie haben Sie denn begonnen, sich eingehender mit dem Tod zu befassen?
Ich bin diplomierte Pflegefachfrau und war in meiner Ausbildung vom ersten Tag an mit dem Tod konfrontiert. Damals gab es noch keine Chemotherapie, und darum waren Schwerstkrebskranke wochenlang bei uns im Spital. Zur Palliative Care stiess ich 1992 an einem Vortrag. Seither engagiere ich mich dafür.

Im Mittelalter gab es mit der Ars moriendi eine eigene ­Literaturgattung, die sich der «Kunst des Sterbens» widmete. Warum beschäftigen wir uns heute weniger damit?
Ich glaube, man wollte den Tod weghaben und hat ihn darum verdrängt. Aber ich habe das Gefühl, dass das Bewusstsein dafür wieder aufkommt. Auch in Winterthur, abgesehen von unserer Veranstaltung: Der Theologe Wolfgang Weigand hat das Café Goodbye im Bistro Dimensione in­itiiert, wo ab November über den Tod diskutiert wird.

Die Angst vor dem Tod ist ein ­natürlicher Überlebensinstinkt. Wäre aber trotzdem etwas mehr Mut angebracht?
Viele Leute sagen mir, dass sie gar keine Angst vor dem Tod haben, sondern Angst vor dem Sterben. Sie fürchten das Leiden, das damit verbunden sein könnte. Dar­um finde ich es ganz wichtig, sie darüber aufzuklären, dass und wie das Leiden mit Palliative Care gemildert werden kann.

Handelt es sich auch um eine Frage der Akzeptanz?
Ganz bestimmt. Ich habe einmal erlebt, dass sich eine krebskranke Frau völlig verschlossen hat und nicht willig war, mit ihrem Partner über ihre Krankheit zu reden. Das war für ihn fast nicht zu verkraften und hat ihn weit über die Trauer hinaus begleitet.

Aber wenn ich nicht todkrank bin, sollte ich doch lieber mein Leben geniessen, als über ­meinen Tod zu reden.
Das schliesst sich ja nicht aus. Auch in der Palliative Care geht es uns darum, dass Menschen ihr Leben noch geniessen können. Wir wollen Lebensqualität geben, zum Beispiel indem wir Wünsche erfüllen. Ich denke da an eine Patientin, die zu Hause sterben wollte, aber die sie nicht die Treppe hinaufbrachten. Also kam die Feuerwehr zu Hilfe und hob sie durch ein Fenster in die Wohnung. Oder ein Kollege von mir wusste, dass er die Hochzeit seiner Tochter nicht mehr erleben würde. Sein letzter Wunsch war es, die Kirche zu betreten, in der seine Tochter heiraten wird. Manchmal sind es also gar nicht so grosse Wünsche, die den Sterbenden aber viel bedeuten. Wichtig ist einfach, dass man sich diese Gedanken macht und sie mitteilt. (landbote.ch)

(Erstellt: 08.10.2015, 15:41 Uhr)

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Zur Person

Elisabeth Fankhauser ist ­Vorstandsmitglied des Netzwerks Palliative zh+sh und beim Verein ­Palliative Care Winterthur.

Gespräche über das Sterben

Am Welt-Palliative-Care-Tag am Samstag, 10. Oktober organisiert der Verein Palliative zh+sh an sechs Standorten Gespräche über das Sterben. In Winterthur ­beginnt der Anlass im ­Kongresshaus an der Liebestrasse 3 um 9 Uhr und dauert rund drei Stunden. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Die Idee für die Gespräche in ungezwungener Atmosphäre geht zurück auf Projekte wie das «Death Café» oder das «Conversation Project» in den USA und England. Es war ein Soziologe aus dem Wallis, Bernard Crettaz, der 2010 die ersten «cafés mortels» in Paris ins Leben rief.

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