Ein Bauch für die Wissenschaft

Hebammenstudentinnen sollen an der ZHAW möglichst früh in Kontakt mit Schwangeren kommen. Selbst im neunten Monat schwanger, bin ich einer Studentin Red und Antwort gestanden.

Am «Modell» lernen, wie sich schwanger sein anfühlt: Studentin Nina Ziegler mit Redaktorin Chantal Hebeisen.

Am «Modell» lernen, wie sich schwanger sein anfühlt: Studentin Nina Ziegler mit Redaktorin Chantal Hebeisen. Bild: Marc Dahinden

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An einem Nachmittag Mitte Oktober treffe ich mich das erste Mal mit Nina Ziegler. Die 23-Jährige ist Hebammenstudentin im ersten Jahr am Institut für Gesundheit der ZHAW und ihr Interesse gilt meinem Bauch. Mit einem freundlichen, offenen Lächeln kommt sie auf mich zu und streckt mir die Hand entgegen. Sie hat die Aufgabe, im Rahmen ihres Studiums von einer schwangeren Frau möglichst viel und lebensnah zu erfahren, wie es sich anfühlt, wenn ein Kind in einem heranwächst.

«In den Studienunterlagen ist die Schwangerschaft mit all den dazugehörigen Phänomenen zwar detailliert beschrieben – doch es ist viel einprägsamer, wenn man es von einer realen Schwangeren erzählt bekommt», sagt Nina Ziegler auf die Frage, wie ich ihr bei ihrem Studium helfen kann. «Lernen von Schwangeren» nennt sich dieses Projekt, bei dem alle 66 erstsemestrigen ZHAW-Studentinnen sich rund drei bis fünf Mal mit einer Schwangeren treffen und als Abschluss eine Studienarbeit verfassen.

Die ersten Wochen, nachdem der Teststreifen die berühmten zwei Linien anzeigte, war die Schwangerschaft für mich alles andere als real. Mein Kopf wusste zwar, dass sich mein Leben künftig verändern wird, doch anders gefühlt habe ich mich deswegen nicht. Ich ging ganz normal meiner Arbeit nach, trieb Sport und führte mein Leben weiter wie bisher – mit der einzigen Einschränkung, dass ich komplett auf alkoholische Getränke und gewisse Speisen verzichtete. Wenn Eingeweihte mich darauf hinweisen wollten, ich solle keine schweren Gegenstände mehr heben oder mich bei einer Arbeit nicht übernehmen, war meine Antwort stets «ich bin bloss schwanger – nicht krank». Erst als ich etwa in der 16. Schwangerschaftswoche mein Kind erstmals spürte, begann ich der Vorstellung, bald Mutter zu werden, Platz in meinem Leben einzuräumen.

Hier hakt Nina nach. «Und wie hast du das Baby erstmals gespürt, wie fühlt sich das an?», will sie von mir wissen.

Die Kindsbewegungen sollen wie Seifenblasen sein, die im Bauch zerplatzen, habe ich gehört. Doch wie fühlt sich eine Seifenblase im Bauch an? Dann zuckte plötzlich ein Muskel am Bauch unkontrolliert. Als dieses Gefühl immer öfter kam, wusste ich, dass dies nun die Bewegungen meines Babys sind. Spätestens um die 24. Woche herum liessen sich das Rumpeln und die Puffs, wenn sich das Kleine einmal um die eigene Achse drehte, nicht mehr ignorieren und sogar mein Partner konnte die Bewegungen von aussen spüren.

Was für mich nun alltäglich ist und zu meinem neuen Körpergefühl gehört, ist für die Studentinnen, die im Schnitt zirka 23 Jahre alt sind und für die das Thema Familie noch weit entfernt ist, eine völlig andere Welt. «Wir wollen, dass sich unsere Studentinnen bereits früh in der Ausbildung mit ihren späteren Klientinnen auseinandersetzen und ein Gefühl für ihre Bedürfnisse entwickeln», sagt Gabriele Hasenberg, Dozentin und Leiterin des Projekts «Lernen von Schwangeren» an der ZHAW. Zwar absolvieren alle Hebammenstudentinnen ein obligatorisches Praktikum in einer Geburtsabteilung. Doch dieses finde erst relativ spät in der Ausbildung am Ende des zweiten Semesters statt, sagt Hasenberg. «Und im Unterschied zum Praktikum, wo die Studentinnen vor allem fachliche Kompetenzen erwerben sollen, können sie sich bei diesem Projekt ganz auf die Rolle der Lernenden einstellen und möglichst viel vom Wissenstransfer profitieren.» Denn eine Beratung, wie sie ausgelernte Hebammen oder Gynäkologen anbieten, ist den Studentinnen bei den Treffen explizit untersagt. «Stellt eine Studentin fest, dass sich eine Frau deshalb beim Projekt angemeldet hat, um mit jemanden beispielsweise über eine schwierige familiäre Situation zu reden, ist sie angehalten, sich mit ihrer Mentorin in Verbindung zu setzen.» Die Treffen sollen den jungen Frauen helfen, die Theorie mit der Praxis zu verbinden und die Fälle, die sie in den ersten zwei Semestern behandeln und lösen müssen, besser zu verstehen.

Doch der Wissenstransfer soll nicht nur in eine Richtung stattfinden: «Es ist auch die Chance, den Schwangeren das Angebot der Hebammen bekannt zu machen», sagt Hasenberg. Während die Hebammenbetreuung im Wochenbett nach der Geburt mittlerweile relativ bekannt sei, wüssten viele werdende Mütter nicht, dass sie sich beispielsweise für die regulären Vorsorgetermine auch von einer Hebamme statt einem Gynäkologen untersuchen lassen können. Zudem könnten mit dem Projekt auf einfache Weise reale Schwangere in die Hebammenausbildung integriert werden.

Mittlerweile ist es Anfang Dezember, als ich Nina Ziegler das dritte Mal treffe. Unser Gespräch dreht sich rund ums Thema Geburt, mit dem ich mich in den letzten Wochen intensiv befasst habe.

Spital, Geburtshaus oder Hausgeburt? Sicherheitsbedürfnis versus heimelige Wohlfühlatmosphäre: In meinem Kopf wälzte ich die Möglichkeiten und die daraus resultierenden Szenarien. Obwohl ich mich bei der Besichtigung im Geburtshaus geborgener gefühlt habe, war mir klar, dass ich in einer Notsituation erst ins nächstgelegene Spital transportiert werden müsste. Handkehrum bedeutet eine Geburt im Spital auch, sich auf gewisse Abläufe wie etwa Schichtwechsel alle acht Stunden beim Personal einzulassen. Definitiv entscheiden konnte ich mich erst nach dem Gespräch mit der Hebamme, die mich nach der Geburt im Wochbett betreuen wird. Sie zeigte mir eine vierte Variante auf: eine Geburt im Spital mit einer sogenannten Beleghebamme. Verläuft die Geburt ohne Komplikationen, wird sie mich vom Eintritt ins Spital bis zum ersten Schrei des Kindes begleiten – unabhängig davon, wie viel Zeit dazwischen verstreicht.

Für die ZHAW ist das Projekt bisher ein voller Erfolg: Während letztes Jahr, als es erstmals durchgeführt wurde, die Resonanz mit 39 Schwangeren noch geringer gewesen sei, haben sich dieses Jahr so viele Frauen gemeldet, dass Hasenberg einige Anmeldungen zurückweisen musste. Das Projekt abgebrochen hat bisher noch keines der Tandems.

Und was meint «meine» Studentin Nina, nach unseren drei Treffen? «Ich habe zwar in meinem privaten Umfeld auch schon mit Schwangeren gesprochen, doch da ging es weniger um konkrete Fragestellungen zur Schwangerschaft», sagt sie. Der Vorteil nun sei, dass sie sich mit ihren Mitstudentinnen und ihrer Mentorin austauschen und über reale Fälle sprechen könne. «In den Büchern wirkt es oft so, als würden gewisse Phänomene wie zum Beispiel das hormonbedingte Gefühlschaos nur bei bestimmten Schwangeren auftreten. Jetzt merken wir, dass fast alle ‹unserer› Frauen davon betroffen sind und wir können mit den Schwangeren darüber reden, wie sie damit umgehen. Solche Beispiele helfen mir sehr, den geforderten Stoff zu lernen.» Sie hoffe, dass sie den Frauen dereinst eine wichtige Stütze sein kann und eine einfühlsame Hebamme werde. (landbote.ch)

(Erstellt: 06.01.2016, 16:08 Uhr)

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