Winterthur

«Heute muss sich die Jugend mit dem Islam befassen»

Rifa’at Lenzin spricht über den Wandel der Muslime in der Schweiz: von zurückgezogen lebenden Gastarbeitern der ersten Generation bis zur Jugend, die sich teils dem Islamischen Zentralrat zuwendet.

Rifa’at Lenzin ist vom Zürcher Institut für interreligiösen Dialog und Expertin für den Islam in der Schweiz.

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Viele Moscheevereine haben einen ethnischen Bezug imNamen. Was ist wichtiger: die Kultur oder die Religion?
Rifa’at Lenzin: Das ist je nach Moschee unterschiedlich. Es gibt schon solche, die primär religiöse Zwecke erfüllen. Bei vielen stand aber in der Gründungszeit die Kultur im Vordergrund. Es fanden sich Leute zusammen, die aus derselben Region kommen. Sie pflegten ihre Kultur, so wie es zum Beispiel auch der Schweizerverein in Miami tut.

Ist das Angebot der Moscheen seither gleich geblieben?
Nein, das hat sich sicher sehr verändert. Viele Moscheen wurden von Gastarbeitern gegründet und dementsprechend vor allem von jüngeren Männern frequentiert. Sie waren Saisonniers und gingen davon aus, dass sie wieder gehen werden. Wenn sie einen Treffpunkt und einen Ort für das Freitagsgebet hatten, waren sie schon zufrieden. Mit dem Familiennachzug hat sich die Situation verändert. Es entstand zusätzlich das Bedürfnis nach einem Ort für Frauen und Kinder.

Was heisst das genau?
Die Moschee übernimmt eine Funktion in der Gesellschaft, wie sie auch eine Kirchgemeinde innehat. Es braucht Jugendarbeit und Treffpunkte für Frauen. Die Imame nehmen seelsorgerische Aufgaben wahr, kümmern sich um Beerdigungen. Oft finden Hochzeiten in der Moschee statt.

Die junge Generation ist in der Schweiz aufgewachsen. Haben sie andere Ansprüche an die Moscheen?
Natürlich. Die vorausschauenden Imame gehen davon aus, dass sie in absehbarer Zeit nicht mehr nur die Freitagspredigt halten werden. Sie müssen zusätzlich auch Religionsunterricht und andere Dienstleistungen in deutscher Sprache anbieten, weil die Jungen die Sprache ihres Herkunftslandes nicht mehr gut genug sprechen.

Dass die Jungen besser Deutsch als die Sprache ihrer Eltern sprechen, deutet doch auf eine funktionierende Integration in die Mehrheitskultur hin.
An sich ist die grosse Mehrheit der Muslime gut integriert, gerade bei den Jungen zeigen sich aber Rückzugstendenzen. Bis zu den Terroranschlägen vom 11. September gab es eine bessere Integration in die Gesellschaft und wahrscheinlich auch weniger das Bedürfnis, an der Kultur der Eltern in irgendeiner Form zu partizipieren. Heute geht das in eine andere Richtung. Mit den Abstimmungen über Minarette und Burkas und der entsprechenden Berichterstattung sendet die Mehrheitsgesellschaft ein Signal aus: Ihr gehört nicht dazu, Muslime sind nicht Teil der Schweiz. Das führt gerade bei jüngeren Menschen dazu, sich wieder vermehrt mit der eigenen Religion und Kultur auseinanderzusetzen. Aber nicht unbedingt auf die gleiche Art wie ihre Eltern. Sie wählen aus, was sie übernehmen wollen und was nicht.

Identifizieren die Jungen sich eher mit dem Muslimsein oder mit ihrem Herkunftsland?
Schwierig zu sagen. Es kann das eine oder das andere sein. Auf alle Fälle kommen sie nicht darum herum, sich mit dem Islam zu befassen, weil sie von aussen auf ihre muslimische Identität festgenagelt werden. Sie können heute nicht mehr als Muslim aufwachsen, ohne sich darüber Gedanken zu machen. Das musste ich in meiner Jugend noch nicht. Einige machen sich die Fremdzuschreibung derart zu eigen, dass sie sich selber nur noch als Muslime sehen. Die kulturelle Komponente tritt dann in den Hintergrund.

Treffen sich diese Leute noch in den etablierten Moscheen?
Eher nicht, denn dort ist das kulturelle Element stärker. Einige wenden sich Gruppierungen wie dem Islamischen Zentralrat zu. Dort spielt es keine Rolle, was man sonst noch ist. Der Zentralrat strebt sozusagen einen reinen Islam an, unabhängig von der Kultur. Es ist eine ultraorthodox ausgerichtete Gruppierung, die überregional und überethnisch organisiert ist.

Was macht die Attraktivität des Islamischen Zentralrats aus?
Sie halten Events ab und laden Referenten ein, welche die Sprache der Jungen sprechen. Es gibt islamische Modeschauen und Seminare über Datensicherheit. Es herrscht eine Atmosphäre wie in evangelikalen Kreisen. Die Veranstaltungen sind vom Stil her vergleichbar mit denjenigen der freikirchlichen ICF.

Legen die konventionellenMoscheen zu wenig Wert auf ein angemessenes Jugend­programm?
Viele bemühen sich und wissen auch, dass sie die Jungen verlieren, wenn sie nichts bieten. Sie sind in einer ähnlichen Situation wie die Landeskirchen. Bei den Muslimen sind die personellen und finanziellen Ressourcen aber sehr bescheiden. Die Landeskirchen haben da deutlich bessere Voraussetzungen.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.12.2016, 12:57 Uhr

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