In vielen Quartieren brodelt es

Die Quartiervereine wehren sich gegen die geplante Erhöhung der Gebühren. Vom Stadtrat fordern sie, dass auf schöne Worte endlich Taten folgen.

Als einer der wenigen Quartiervereine zufrieden mit der Sparvariante: Der Wülflinger Quartierverein Langwiesen-Maienried erhält eine neue Küche in der Freizeitanlage Holzlegi.

Als einer der wenigen Quartiervereine zufrieden mit der Sparvariante: Der Wülflinger Quartierverein Langwiesen-Maienried erhält eine neue Küche in der Freizeitanlage Holzlegi. Bild: Johanna Bossart

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Dem Bereich Stadtentwicklung schnitt der Gemeinderat bei den letzten Sparrunden jeweils besonders fette Stücke heraus. Innert drei Jahren dampfte er dessen Budget um über ein Drittel auf heute 3,2 Millionen Franken ein. Ein Aderlass mit Konsequenzen: So halbierte sich etwa das Pensum des Stadtstatistikers auf 40 Prozent. Der internationale Städtevergleich Urban Audit findet fortan ohne Winterthur statt und für die Bevölkerungsbefragung reichen die Ressourcen ebenfalls nicht mehr.

Abstriche gab es auch bei der Quartierentwicklung. Die einzige der ehemals drei Aussenstellen verbleibt in Töss. 26 Quartier- und Ortsvereinen wurden die Beiträge um 10 bis 20 Prozent gekürzt. Auflösen musste sich deswegen keiner. Viele Vereine haben sich über die Jahrzehnte hinweg eine eiserne Reserve angelegt. Der Frust über das Auftreten der Stadt als Gebühreneintreiberin aber ist gewachsen.

«Goodwill ist weg!»

Die ständig steigenden Kosten für Bewilligungen, Mieten oder Dienstleistungen seien das eine, der sinkende Goodwill das andere, sagt Regula Steiger vom QV Wildbach-Langgasse und nennt ein Beispiel: Für den Auftritt des Theaters Kanton Zürich letzten Frühling habe ihr Verein für die Schlechtwettervariante die kleine Zeughaushalle gemietet und sich einen Rabatt der Miete um 150 auf 350 Franken (früher gratis) erbeten, falls man nicht darauf ausweichen müsse.

Mit dem Verweis auf die gut gefüllte Vereinskasse schlug die Finanzstadträtin Yvonne Beutler (SP) die Bitte aus und liess einen zweiten Brief unbeantwortet. Die 500 Franken Miete fielen an, die Halle blieb unbenutzt und der Ärger sei gross gewesen. «Die Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren, sinkt», sagt Steiger.

Seit längerem ein Reizthema ist auch das Wirtepatent, das es auch für Kleinanlässe braucht. «Schenken wir beim Entenrennen auf der Eulach ein paar Kindern Sirup aus, zahlen wir über 100 Franken», sagt Roman Scheran vom Ortsverein Hegi-Hegifeld. Ginge das Patent einmal vergessen, wie beim letzten Kerzenziehen, werde es richtig teuer. Dort habe man rund zwanzig Gästen ein Cüpli ausgeschenkt. Die Gewerbepolizei tauchte auf und verzeigte den Verein. 140 Franken kostete das Patent und 300 Franken die Busse, die unter der obligaten Androhung von zwei Tagen Gefängnis bei nicht fristgemässer Bezahlung eintrudelte.

Da bleibe ein fader Beigeschmack. «Wir müssen uns zweimal überlegen, ob wir Anlässe organisieren, die uns ein Loch in die Kasse reissen könnten.» Handkehrum bestrafe die Stadt Vereine, die Gewinn erzielten, mit tieferen Beiträgen – ein Null­­summenspiel, das falsche Anreize schaffe. Beachtlich ist der Kostenanteil der Gebühren auch bei grösseren Anlässen wie dem Oberi-Fäscht, das der Ortsverein Oberwinterthur organisiert. Rund ein Fünftel des Budgets von 31 000 Franken verschlingen die Stand- und Platzbewilligungen, Wirtepatente und Verkehrssperren.

«Es müssen endlich Taten folgen»

OK-Chef Andi Müller plädiert für eine einfachere Bewilligungspraxis. «Für jeden der 30 Stände müssen wir eine separate Bewilligung beantragen.» Die Gebühren für das Wirtepatent hält er für unangemessen hoch. «Man zahlt für einen Stempel, der uns viel und die Behörden kaum Aufwand kostet.»

Im «Landboten» hatte die Polizeivorsteherin Barbara Günthard (FDP) Mitte Januar die Erhöhung sämtlicher Gebührenarten angekündigt. Schon in diesem Jahr soll dies Mehreinnahmen von 160 000 Franken bringen. Taxifahrer, Gastronomen und Marktfahrer, aber auch die Quartiervereine wären betroffen.

Der QV Töss-Dorf ist alarmiert. «Vor einem Jahr hat der Stadtpräsident den Quartiervereinen ein verträgliches Gebührenregime versprochen», sagt die Präsidentin Rosmarie Peter. Die Tösslobby werde Michael Künzle (CVP) in einem Brief nochmals daran erinnern, und auch an den Legislaturschwerpunkt, Freiwilligenarbeit zu fördern. «Den schönen Worten müssen endlich Taten folgen.»

«Wir bleiben dran»

Künzle verweist darauf, dass jeder Veranstalter grundsätzlich ein Gesuch für eine Gebührenreduktion oder gar einen -erlass einreichen könne, und bittet um Verständnis: «Eine flächendeckende Subventionierung kann angesichts des Spardrucks, gerade im Bereich der Quartierentwicklung, nicht die aktuelle Lösung sein.» Bei den Tageswirtepatenten bestehe für Kleinanlässe bereits eine Sonderlösung. 50 Franken koste sie mit und gar nichts ohne Alkoholausschank. Die Quartier- und Ortsvereine seien dem Stadtrat sehr wichtig. Er verspricht: «Wir bleiben am Thema Gebührenbelastung dran.»

Vereinzelt gibt es auch anerkennende Worte für den Stadtrat. Beim Quartierverein Langwiesen-Maienried freut man sich über die neue Küche und den gedeckten Abgang zu den Toiletten in der teilrenovierten und frisch eingeweihten Freizeitanlage Holzlegi in Wülflingen. Der Minimalkompromiss sei opportun. Die Stadt habe die vereinbarten Termine eingehalten, sich kulant gezeigt und gar das neue Besteck­set gesponsert. (Landbote)

(Erstellt: 08.02.2016, 21:37 Uhr)

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Umfrage

Die Quartiervereine kritisieren den Stadtrat. Gemeinnützige Arbeit werde nicht mehr angemessen goutiert (Beitragskürzungen, höhere Gebühren). Was denken Sie?

Freiwilligenarbeit sollte nicht noch stärker belastet werden.

 
55.6%

Für finanziell gesunde Vereine wären die höheren Gebühren vertretbar. Aber was ist mit den anderen?

 
14.8%

So oder so: Die Bewilligungspraxis muss vereinfacht werden.

 
29.6%

81 Stimmen


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